Im Frankfurter Ostend verladen Kräne Container auf Züge

Auf das Augenmaß kommt es an

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Richard Reinhart verlädt mit seinem Kran in Frankfurt unter anderem Container auf die Züge der Bahn.

Frankfurt - Die Kombination von Straße und Schiene gilt als Wachstumssegment in der Logistik. Ein Terminal ist im Frankfurter Ostend angesiedelt. Es gibt aber noch viel größere in Deutschland. Von Marc Kuhn 

In etwa zwölf Meter Höhe gleitet Richard Reinhart auf die Container zu. Dann stoppt er. „Aufpassen“, sagt der Mann mit dem markanten Schnäuzer. „Augenmaß. Kein Computer“, erklärt der Kranführer. „Jetzt muss man genau treffen.“ Dann versenkt er die Zapfen seines Krans in den Eckbeschlägen des Containers. Lampen leuchten auf. „Bei Rotlicht darf ich ziehen“, berichtet Reinhart am Verladebahnhof im Frankfurter Ostend. Schließlich fährt er mit seinem Kran auf der Katze - der Querverbindung - zum wartenden Zug und stellt das Frachtstück ab. Mehr als 40 Tonnen können die Container wiegen. Bis zu 100 Stück verlädt Reinhart am Tag mit seinem Kran beispielsweise vom Lkw auf Zuganhänger. Zwei Kräne laufen in Frankfurt über vier Gleise.

Von 200 bis zu 280 Umschlägen pro Tag spricht Carlo Emanuele Barbi - gemeint sind neben Containern auch sogenannte Wechselbrücken und Sattelanhänger, mit denen Lastwagen Güter transportieren. Etwa 70.000 Umschläge seien es im Jahr, bis zu 110.000 seien möglich. 140 bis 180 Lkw fahren das Gelände an der Ferdinand-Happ-Straße, die parallel zur Hanauer Landstraße liegt, täglich an, wie der Leiter der Terminals in Frankfurt und Mannheim erläutert. Vier bis fünf Züge verlassen das Areal täglich Richtung Norden und Süden. Das recht hohe Verkehrsaufkommen führt nach den Worten von Andreas Schulz, Geschäftsführer der Deutschen Umschlaggesellschaft Schiene-Straße (DUSS), zu keinen innerstädtischen Belastungen, da die Lastwagen meist direkt auf die A661 fahren.

Der 1968 errichtete Containerbahnhof ist 2004 komplett erneuert worden. Bei ihm handele es sich um eine mittelgroße Anlage, sagt der Geschäftsführer der DUSS, deren Hauptgesellschafter die DB Netz AG ist. Schließlich gebe es in der Region nicht so viel industrielle Produktion. Umgeschlagen werden in Frankfurt vor allem Konsumgüter und Autoteile der Zulieferer von BMW. Insgesamt unterhält die DUSS in Deutschland 24 Terminalstandorte. Die größten sind in München-Riem, Köln-Eifeltor und Hamburg-Billwerder. In Frankfurt gibt es nur ein sogenanntes Modul - Schienenstränge, über die Kräne fahren und Container auf die Züge verladen. An den großen Standorten sind es drei Module.

Bevor Reinhart die Lasten in Frankfurt verladen kann, durchlaufen sie einen ausgeklügelten Prozess. Wenn zum Beispiel Container auf das DUSS-Gelände fahren, nimmt ein sogenannter Checker wie Andreas Ender sie in Augenschein. Er schaut nach Schäden und kontrolliert vor allem die Beschriftungen. Die Kennzeichnungen für Gefahrgüter sind besonders wichtig. Entscheidend für den weiteren Transport ist unter anderem, ob er auf der Straße oder auch auf See erfolgt. Die Angaben auf den Behältern sind unterschiedlich. „Wir sind für die Container verantwortlich“, erklärt Ender. Danach werden die Lkw mit ihrer Fracht bei der Disposition angemeldet. Sie dirigiert die Fahrer zur richtigen Position am Zug. Der Bereich ist in Sektoren eingeteilt, so dass die Züge genau mit Containern oder Wechselbrücken bestückt werden können, die zu unterschiedlichen Zeiten ankommen. „Das ist wie die Platznummer im Zug“, berichtet Schulz. Ein Lademeister, die Aufgabe übernimmt Ender ebenfalls, kontrolliert beispielsweise die Befestigung von Sattelanhängern auf den Zügen. „Die Züge fahren in der Regel in der Nacht“, erläutert Schulz.

Fünf Tage in der Woche arbeiten die 22 DUSS-Mitarbeiter in Frankfurt im Zwei-Schicht-Betrieb. „Wir wachsen“, sagt der Geschäftsführer zu den wirtschaftlichen Aussichten des Standorts. In den großen Terminals werden auch drei Schichten gefahren, möglich wäre das in Frankfurt auch. Die DUSS profitiert von den guten Aussichten in der Branche. Der sogenannte kombinierte Verkehr (KV) - Straße und Schiene - gilt inzwischen als eines der am stärksten wachsenden Segmente im Schienengüterverkehr. Der KV-Markt lege in den nächsten Jahren um drei bis vier Prozent jährlich zu, berichtet Schulz. 2030 werde er einen Anteil am Gesamtmarkt von etwa 35 Prozent haben. Die Entwicklung wird unter anderem von der Internationalisierung der Wertschöpfungsketten getrieben, es lohnt sich immer öfter, einzelne Arbeitsschritte an unterschiedlichen Standorten vorzunehmen. Der Markt profitiert zudem von der Verlagerung der Transporte von der Straße auf die Schiene. Dies sei auch politisch gewollt, erklärt der Geschäftsführer. Durch die kombinierten Verkehre gebe es rund zwei Millionen Lkw weniger auf der Straße.

2,1 Millionen sogenannte Umschläge schaffte die DUSS im vergangenen Jahr. Bis 2008 habe das Geschäft zugelegt, berichtet Schulz. Dann sei es wegen der Wirtschaftskrise eingebrochen. Der Geschäftsführer erwartet, dass die Umschlagzahlen in diesem Jahr wieder das Niveau von vor der Krise erreichen. 2014 ist bei der DUSS ein Umsatz in Höhe von etwa 60 Millionen Euro erwirtschaft worden. Rund 550 Mitarbeiter stehen auf der Gehaltsliste der Bahn-Tochter. Neben dem Verladen von Containern, Wechselbrücken und Sattelanhängern erledigen sie auch Serviceleistungen wie Wartungen, Dispositionen und Lagerungen.

Angesichts der guten Wachstumsaussichten im kombinierten Schiene-Straße-Verkehr investiert die DUSS von 2010 bis 2019 mehr als 340 Millionen Euro in den Ausbau ihrer Terminals. Bestehende Standorte wurden oder werden erweitert. Ende des Jahres soll eine neue Drehscheibe in Duisburg-Meiderich in Betrieb gehen. Das Geschäft werde aber dem Wandel unterliegen, sagt Schulz. Prozesse würden beispielsweise digitalisiert. Flexibilität werde gefordert, weil die Produktion der Unternehmen Just-in-Time-Belieferungen erforderten. Und die Personalgewinnung werde immer wichtiger, erklärt der Geschäftsführer, gerade in Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet.

Quelle: op-online.de

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