Schüler simulieren Nahrungsmittel-Ungerechtigkeit

Klebestift zum Überleben

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Hauptsache, schnell sein: In nur zwölf Minuten müssen die Schüler so viele Pflanzen oder Tiere ausschneiden und auf die Ackerflächen aufkleben wie möglich. Nur so können sie überleben. 

Frankfurt - Der dunkle Holzboden ist übersät mit Papierschnipseln, halbfertig ausgeschnittene Schweine reihen sich an krumm zusammengeklebte Häuser. Doch für akkurateres Arbeiten bleibt keine Zeit. Von Lena Marie Jörger 

140 Schüler aus Offenbach und Umgebung kämpfen beim Jugendforum „Voice4Justice“ (zu deutsch: Stimme für Gerechtigkeit) im Haus der Jugend in Frankfurt ums nackte Überleben. Allerdings nicht wirklich. Das Ganze ist ein Spiel, organisiert von der Entwicklungshilfeorganisation Worldvision in Friedrichsdorf. Ziel ist es, dass die Schüler erleben, wie globale Ungerechtigkeit und damit auch Hunger entsteht. Dazu wurden sie in verschiedene Ländergruppen eingeteilt. „Die Ausgangssituation ist für alle gleich“, erklärt Moderator Johannes Backhaus. „Das heißt, alle Gruppen erhalten proportional zu ihrer Bevölkerung die gleiche Menge Land und Ressourcen.“

In sechs Runden müssen die Schüler dann versuchen, diese Ressourcen – darunter Mais, Tomaten, Hühner und Kühe – zu vermehren, also auszuschneiden und auf die Ackerfläche aufzukleben. Nur wer pro Runde eine bestimmte Punktzahl erreicht, überlebt. Da das in nur zwölf Minuten gar nicht so einfach ist, dürfen die Länder auch handeln. Schon nach wenigen Minuten schnellen die Preise für Tomaten und Kühe in die Höhe, und auch Ackerland ist heiß begehrt. Mit ihren Smartphones können die Schüler im Internet die jeweiligen Preise in Sekundenschnelle nachschlagen. Allerdings werden die ständig von World Vision-Mitarbeitern aktualisiert.

Projekt in Australien erfolgreich

Es ist das erste Mal, dass die Organisation das Jugendforum in Deutschland anbietet. „Die Idee ist in Australien entstanden, dort ist das Projekt sehr erfolgreich“, berichtet Backhaus. Neben ihm greift eine Schülerin hektisch nach ihrer Schere. Während die Jugendlichen anfangs noch ruhig und langsam arbeiteten, werden sie nun immer unruhiger. Manche haben es schon längst aufgegeben, die Ressourcen exakt auszuschneiden. „Und wie im echten Leben gibt es auch hier Länder, die versuchen, zu tricksen“, beobachtet World Vision-Mitarbeiterin Dorothea Hohengarten. „Manche klauen die Ressourcen von anderen oder versuchen, mehr Punkte aufzuschreiben als sie eigentlich erreicht haben.“ Ihr Kollege Backhaus ergänzt: „Plötzlich geht es nicht mehr nur ums Überleben, sondern auch um Geld, Macht und Einfluss.“

So werden schon bald erste Unterschiede sichtbar: Einige Länder sind sehr reich, andere kämpfen dagegen darum, die Runden zu schaffen. „Bei der Auswertung haben wir festgestellt, dass zehn bis 15 Prozent der Schüler mindestens eine Runde nicht überleben, das entspricht etwa der Zahl an Hungernden weltweit“, sagt Backhaus. Spannend sei, dass die Schüler nicht wüssten, dass zu Beginn alle gleiche Voraussetzungen hätten. „Sie schaffen also von alleine in nur fünf Runden aus einer gleichen eine ungleiche Situation.“

Eine Tatsache, die die Schüler bei der Auswertung am Ende der Simulation überrascht. „Sie haben erlebt, wie eine ungerechte Verteilung von Ressourcen zustande kommt“, resümiert Backhaus. „Wir hoffen, dass sie dadurch merken, dass Hunger und Mangelernährung globale Probleme sind und dass etwas dagegen getan werden muss.“

Quelle: op-online.de

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