Die stärkste Waffe ist ihr Mundwerk

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Oberkommissar Manuel Seyfried (l) und Kommissar Christian Pysch patrouillieren im Bahnhofsviertel in Frankfurt. Straßenprostitution, verbotener Waffenbesitz und aggressives Betteln: All das hat die Frankfurter Stadtpolizei im Visier.

Frankfurt - In nur einer Stunde nimmt die Streife im Frankfurter Bahnhofsviertel ein Auto bulgarischer Zuhälter unter die Lupe, verweist einen fixenden Junkie an den Druckraum und vertreibt Drogenabhängige aus einem Hauseingang. Von Ira Schaible (dpa)

Manuel Seyfried und Christian Pysch erklären in dieser Zeit auch einem guten Dutzend Touristen und Messegästen den Weg und sehen auf den Straßen und U-Bahn-Abgängen des Rotlichtviertels nach dem Rechten. Das berüchtigte Frankfurter Bahnhofsviertel ist einer der Schwerpunkte der in dieser Form deutschlandweit einzigartigen Stadtpolizei.

Vor fünf Jahren hat der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) - damals Dezernent in Frankfurt - die Stadtpolizei aus dem Sicherheits- und Ordnungsdienst entwickelt. Die fast 200 Stadtpolizisten sind mit ihren Kollegen in Stuttgart und Dresden die einzigen in der Republik, die Schusswaffen tragen. Gebrauch mussten sie davon bislang noch nie machen, wie es beim Ordnungsamt heißt. „Die stärkste Waffe unserer Leute ist das Mundwerk“, sagt Dezernent Markus Frank (CDU).

„Task-Force-Sicherheit“

Bundesweiter Vorreiter ist die Stadtpolizei auch mit der im Jahr 2000 eingerichteten „Task-Force-Sicherheit“. Zu ihr gehören rund 30 Stadtpolizisten, die 24 Stunden am Tag im Streifendienst unterwegs sind. Aufgabe der Stadtpolizei ist „die Gewährleistung von Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung rund um die Uhr“, sagt der Leiter Matthias Heinrich. Dazu gehörten im vergangenen Jahr etwa 74 300 Stunden Streifendienst - mehr als jede dritte davon an den Brennpunkten des Bahnhofsviertels und der Innenstadt.

Im Bahnhofsviertel, dem Eintrittstor vieler Touristen und Messegäste in die Stadt, koordinieren Stadt- und Landespolizei ihre Einsätze - seit gut zwei Jahren vertraglich vereinbart. Auch gemischte Streifen sind unterwegs. Beide Seiten bezeichnen die Zusammenarbeit als sehr gut. Uniformierte Kräfte wirkten sich auf das Sicherheitsgefühl der Bürger und das Erscheinungsbild der Stadt positiv aus, sagt der Sprecher der Frankfurter Polizei, Alexander Kießling. Viele Bürger achten eben nicht darauf, ob der Polizist vor ihnen zum Ordnungsamt oder zum Polizeipräsidium gehört.

Druckräume für Abhängige

Seyfried und Pysch schlichten in ihren Schichten im Bahnhofsviertel immer mal wieder Schlägereien und verhindern aggressives Betteln - insbesondere mit Kindern. Sie achten darauf, dass das Verbot der Straßenprostitution in dem Bezirk eingehalten wird, Hütchenspieler fern bleiben und Drogen nicht öffentlich konsumiert werden. Für die Abhängigen gibt es vier sogenannte Druckräume im Viertel. Rund 4600 Konsumenten werden dort jedes Jahr registriert.

Allerdings: „Manchmal geht es den Drogenabhängigen nicht schnell genug“, sagt Pysch. So etwa, wenn der Druckraum nur vier Plätze hat und schon 20 Leute draußen warten. Dann rauchen die Rauschgiftsüchtigen auch mal eine Crackpfeife auf der Straße oder setzen sich in einem Hauseingang einen Schuss. Einige besonders auffällige Konsumenten haben in den Einrichtungen der Drogenhilfe auch Hausverbot und fixen deshalb auf Bürgersteigen und in dunklen Ecken - zum Ärger von Anwohnern, Hoteliers und Ladenbesitzern des Viertels.

Platzverweis für 24 Stunden

„Wenn der Kontrolldruck steigt, verlegen sie sich in die Peripherie“, weiß Seyfried. Und prompt erwischt die Streife am Rande des Bahnhofsviertels einen Frankfurter, der sich gerade auf dem Bürgersteig vor parkenden Autos Heroin gespritzt hat. Der 40-Jährige, der viel älter aussieht, ist der Polizei gut bekannt. Schon mehr als hundert Mal ist er aufgefallen, wie die Überprüfung seiner Personalien ergibt. Er gehört aber nicht zu den aggressiven Abhängigen, die im Druckraum Hausverbot haben. Er nutzt vielmehr immer mal wieder die Notschlafgelegenheiten der Einrichtungen. Nun bekommt er von Seyfried und Pysch wieder eine Anzeige - und einen Platzverweis für 24 Stunden.

Platzverweis und Anzeige für einen Heroinkonsumenten.

Menschen kontrollieren, überprüfen, festnehmen und durchsuchen - alles das ist bei der Stadtpolizei erlaubt. Mit Schlagstock, Pfefferspray, Fesseln und körperlicher Gewalt dürfen sie Zwang anwenden, bei Einsätzen Blaulicht und Martinshorn einschalten. Auch Autos - wie das der bulgarischen Zuhälter - dürfen sie überprüfen. Nur Knöllchen verteilen sie nicht - im Unterschied zur Polizei des Ordnungsamtes in anderen Städten. Das machen in Frankfurt Mitarbeiter des Straßenverkehrsamtes.

Die Grundausbildung eines Stadtpolizisten in Frankfurt umfasst etwa 900 Stunden. Sie erstreckt sich über zehn Monate. Dazu gehören unter anderem eine Ausbildung an Schlag- und Rettungsmehrzweckstock sowie eine Schießausbildung. Die Ausbilder unterweisen die Hilfspolizisten aber auch, wie man Autos abschleppen lässt und den Verkehr regelt. Die Neulinge lernen Strategien zur Deeskalation, das heißt, sie üben, wie man in Konflikten besänftigt, bekommen aber auch den Einsatz von Zwangsmitteln beigebracht. Trainiert wird auch das Erkennen gefälschter Dokumente. Die Ausbilder kommen von verschiedenen Institutionen, dazu gehören der Verwaltungsschulverband und die Polizeiakademie.

Quelle: op-online.de

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