Ein Stützanzug verhilft Querschnittsgelähmten zu Mobilität

Gehen mit der Kraft des Roboters

Frankfurt - Es klingt wie ein biblisches Wunder: Gelähmte können wieder gehen, Taube wieder hören. Technische Neuerungen wie Roboteranzüge und Hörprothesen machen vieles möglich. Die Nähe von Mensch und Maschine wirft aber auch Fragen nach den Grenzen auf. Von Barbara Schneider

So sieht das Exoskelett aus, das an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik eingesetzt wird.

Fast eine Viertelstunde dauert es, bis Thorsten Sarzo verkabelt ist. An seinen Oberschenkeln, Waden und an der Hüfte kleben jetzt kleine Elektroden. Dann schiebt Physiotherapeutin Nadine Koch-Brosowski den Rollstuhlfahrer eine kleine Rampe nach oben auf ein Laufband, hilft in das Exoskelett, einen Roboter-Anzug. Das Training kann beginnen. Zweimal in der Woche kommt der 38-Jährige, der nach einem Mountainbike-Unfall querschnittsgelähmt ist, zur Therapie in die Frankfurter Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (BGU). Der Roboter-Anzug, den er wie eine zweite Hose trägt, gibt seinen Beinen Halt. Die Elektroden nehmen die schwachen Muskelzuckungen seiner Beine auf, und das Exoskelett unterstützt so die Bewegungen. Eine gute Stunde dauert das Training. Sarzo setzt auf dem Laufband Fuß vor Fuß.

Die computergesteuerten Exoskelette, die nach Auskunft der Klinik allerdings nur für inkomplette Querschnittslähmungen geeignet sind, bei denen eine Restbeweglichkeit vorhanden ist, sind Beispiele der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Denn technisch ist heute schon sehr viel möglich: Forscher tüfteln an robotergesteuerten Arm- oder Fußprothesen. Cochlea-Implantate ermöglichen es Gehörlosen, wieder zu hören. Und Hirnschrittmacher helfen Menschen, die an Parkinson erkrankt sind, ihre Beschwerden zu lindern.

In der Philosophie wird seit Ende der 1990er Jahre unter dem Stichwort „extended mind“ (erweiterter Geist) über solche Erweiterungen des Menschen diskutiert. Damals hatten die Philosophen Andy Clark und David Chalmers die These aufgestellt, dass kognitive Prozesse nicht nur im Gehirn stattfinden, sondern dass dabei auch die menschliche Umwelt eine entscheidende Rolle spielt. „Die Idee dabei ist, dass etwa Dinge wie ein Taschenrechner oder ein Notizblock dazu dienen, unseren Geist zu erweitern“, erläutert die Tübinger Philosophin Catrin Misselhorn. Smartphones und Tablets sind weitere Formen.

Misselhorn geht sogar noch einen Schritt weiter. Viele Autofahrer, die unter einer Brücke hindurchfahren, ziehen dabei ihren Kopf ein. „Das heißt, dass sie sich mit ihrem Auto als eine Einheit empfinden“, schlussfolgert sie. In diesem Verhalten sieht sie Vorformen dessen, was heute bei der technischen Erweiterung des Menschen passiert, sei es bei den Cochlea-Implantaten oder eben auch bei den Exoskeletten.

Die Roboteranzüge, die sichtbar am Körper getragen werden, sind dabei wohl die spektakulärste Technik-Erweiterung des Menschen. Bei der Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft 2014 etwa hatte ein Exoskelett seinen großen Auftritt. Damals hatte ein querschnittgelähmter Brasilianer im Roboteranzug den Ball symbolisch angestoßen. Die ersten Exoskelette entwickelten US-amerikanische Forscher für das Militär. Sie sollen Soldaten dabei helfen, weite Distanzen zu überwinden, schwere Hindernisse aus dem Weg zu räumen oder einen neuen Stützpunkt schnell aufzubauen. Bislang kamen diese Maschinen allerdings nur in Einzelfällen in Afghanistan und Irak zum Einsatz.

„Die Exoskelette sind Kraftverstärker, die Menschen befähigen sollen, ausdauernder zu sein oder größere Lasten zu tragen“, sagt Marcel Dickow, Experte für Rüstungspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Gerade mit Blick auf die militärische Nutzung sieht er diese technische Erweiterung des Menschen skeptisch. Dickow befürchtet, „dass der Mensch noch weniger als bisher seine eigenen Grenzen einschätzen kann“.

Inzwischen laufen in Japan auch Tests, Exoskelette in der Arbeitswelt einzusetzen. Haupteinsatzgebiet ist in Deutschland aber weiterhin die Therapie. Seit Anfang 2012 testen Forscher des Berufgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil in Bochum, ob das Bewegungstraining mit dem Roboter-Anzug sich positiv auf die Rehabilitation rückenmarksverletzter Patienten auswirkt. Eine Pilotstudie habe „eine eindrückliche Verbesserung sensomotorischer Funktionen“ gezeigt, teilte die Klinik mit.

Physiotherapeutin Koch-Brosowski in Frankfurt warnt aber auch, das Exoskelett zu überschätzen. Wunder dürfe man keine erwarten, der Roboteranzug sei nur ein Baustein im Gefüge der Therapie, sagt sie, während Thorsten Sarzo auf dem Laufband seine Beine bewegt. „Mein Ziel ist es, mich in meiner Wohnung wieder ohne Hilfsmittel bewegen zu können“, sagt Sarzo. Bislang ist er für kurze Strecken auf den Rollator angewiesen. (epd)

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © BGU/S.Strauch

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