Andrea Hüller betreibt „Jöst Nummer 1“

Frankfurts ältestes Wasserhäuschen

+
Andrea Hüller in ihrem Kiosk, der wahrscheinlich das älteste Wasserhäuschen Frankfurts ist.

Frankfurt - Wenn Andrea Hüller gegen sechs Uhr morgens ihren fast hundert Jahre alten Kiosk im Frankfurter Osthafen öffnet, hat sie schon jede Menge Arbeit hinter sich. Von Petra Knobel (dpa)

Brötchen schmieren, Kaffee kochen, die ersten Würstchen warm machen und die süßen Stückchen vom Bäcker ins Körbchen räumen ­ das sind nur einige der ersten Aufgaben ihres Arbeitstages. „Je nach Jahreszeit stehe ich zwischen halb drei und vier Uhr morgens auf, im Sommer fällt das frühe Aufstehen natürlich leichter. Da ich meine Arbeit sehr mag, komme ich aber ganz gut aus dem Bett“, erzählt Hüller, die das wohl älteste der rund 300 Frankfurter Wasserhäuschen betreibt.

Der Imbiss, der laut Recherchen der 43-Jährigen im September 1912 seine Konzession erhielt und damit nicht mehr lange auf seinen hundertsten Geburtstag warten muss, strahlt einen ganz eigenen Charme aus. Am westlichen Ende des Osthafens gelegen, macht ihn die isolierte Lage sowohl für Andrea Hüller als auch für ihre Kunden zu etwas Besonderem. Die gelernte Pharmazeutisch-technische Assistentin sagt: „Es gibt hier fast kein Durchgangspublikum, die meisten meiner Kunden sind Stammkunden. Ich betreibe sozusagen einen Kiosk mit Familienanschluss und weiß einfach, wer seinen Kaffee wie trinkt und wer welche Zigarettenmarke raucht.“ Da müssten „die Jungs“, wie Hüller ihre Kunden fast liebevoll nennt, gar nicht viel sagen. Nur wenige Frauen sind unter ihren Kunden, denn „weibliche Lastwagenfahrer sind noch relativ selten.“

Spontan dafür entschieden

Übernommen hat Hüller den Kiosk mit der offiziellen Bezeichnung „Jöst Nummer 1“ im Juli 1995 gemeinsam mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann. „Das war für uns etwas völlig Neues und Fremdes, aber wir haben uns ganz spontan dazu entschieden. Über hundert Ecken hörten wir, dass die Vorbesitzer sich zur Ruhe setzen wollten“, erinnert sie sich. Wenn sie ihren Imbiss auch selbst meist nur „das Häuschen“ nennt, so verbirgt sich hinter „Jöst Nummer 1“ doch eine kleine Geschichte der Wasserhäuschen in Frankfurt. „Die meisten Frankfurter Trinkhallen gehörten seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts der Firma Jöst, bis sie dann in den Siebzigern an die Henninger Brauerei verkauft wurden“, erzählt Hüller. Zur Versorgung der Arbeiter im vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Osthafen eröffnete Jöst den kleinen Kiosk am Fuße der Honsellbrücke. Und obwohl nachträglich neben anderen kleinen Veränderungen ein Lagerraum angebaut wurde, ahnt man das stolze Alter des „Häuschens“ auf den ersten Blick.

Entsprechend sorgsam hegt und pflegt die aus Bad Sooden-Allendorf stammende Hüller ihren Kiosk. „Ich putze jeden Tag nach Feierabend durch“, sagt sie stolz. Was in ihrem „Häuschen“ noch original ist, kann sie aber nicht genau sagen. Hinter den Kacheln in der kleinen Kochnische befänden sich zwar noch die Originalwände, aber davon abgesehen sei „immer mal wieder ein Regalbrett“ hinzugekommen.

Kunden müssen auf fast nichts verzichten

Ob sie ihren Job, der ihr „jeden Tag ähnliche Handgriffe und dennoch sehr viel Abwechslung“ bringt, bis zur Rente ausüben wird, kann Andrea Hüller nicht absehen. „Die ersten Zipperlein machen sich bemerkbar, denn die Arbeit ist körperlich anstrengend und ich stehe den ganzen Tag“, sagt sie. In der Tat: Einen Stuhl oder Hocker sucht man in dem kleinen Verkaufsraum vergeblich. Auch Reichtümer könne man mit dem am Franziusplatz gelegenen „Häuschen“ nicht anhäufen. Die Kunden aber müssen auf fast nichts verzichten. Von Schokoriegeln über Zeitungen und Zigaretten bis hin zu Donuts, Croissants und Plunderstückchen ist alles im Angebot, was das Herz begehrt. Beliefert wird Hüller von Bäcker und Metzger, fast alles andere kauft sie selbst ein. Und auch das geht manchmal ganz schön auf den Rücken, denn: „Wenn ich einkaufe, dann aber richtig.“

Quelle: op-online.de

Kommentare