Frankfurts ältestes Wohnhaus seit Ende Juni verlassen

Ungewisse Zukunft für Relikt aus Vergangenheit

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Das Häuschen Schellgasse 8 in Sachsenhausen stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es ist das älteste Wohnhaus in Frankfurt.

Frankfurt - Frankfurts ältestes Wohnhaus sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Ende Juni wurde es verlassen. Künftige Nutzer werden mit vielen Problemen zu kämpfen haben. Von Claus Wolfschlag 

Schon einmal stand das alte Haus kurz vor dem Aus. In den 70er Jahren - auf dem Höhepunkt des modernen Machbarkeitstraums - waren auch in Frankfurt die Ideen vom großflächigen Abriss historischer Wohnquartiere zugunsten von Großbauten, Hochhäusern und Verkehrsschneisen weit verbreitet. Doch während im Westend der Kampf zwischen Investoren und Hausbesetzern um alte Häuser tobte, brach man in Sachsenhausen die Walter-Kolb-Straße mitten durch ein altes Wohnquartier. Ein ganzes Areal mit schieferverkleideten Häusern wurde für den Traum eines modernen Büroviertels beseitigt.

Während der Abrissarbeiten 1978 kam aber zufällig ein mit Fachwerkbau vertrauter Experte am Ort vorbei und wurde auf das noch stehende Gebäude Schellgasse 8 aufmerksam. Sein Kennerblick täuschte ihn nicht. In einer anberaumten dentrochronologischen Untersuchung wurde das Alter der Eichenholzbalken bestimmt. Die Sensation war perfekt: Das bescheidene Haus musste in den Jahren 1292/1293 errichtet worden sein. In seiner Erbauungszeit war es ein sehr typisches Frankfurter Haus. Nach der Sensationsentdeckung galt es als ältestes Fachwerkhaus Deutschlands und wurde folgerichtig vor dem Abriss bewahrt. Erst später wurden noch weitere knapp 30 erhaltene Fachwerkhäuser aus dem 13. Jahrhundert in Deutschland nachgewiesen, teils etwas älter als das Sachsenhäuser Gebäude. „Das Haus in der Schellgasse verlor dadurch in der Öffentlichkeit seinen Rang und verschwand weitgehend aus dem Bewusstsein“, sagt Barbara Deppert-Lippitz, geschäftsführende Vorsitzende der „Freunde Frankfurts e.V.“.

Das Gebäude im Besitz der Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG wurde 1988 restauriert. Ein Galerist zog für wenige Jahre in das Haus ein, bis es den „Freunden Frankfurts“ 1992 für acht Jahre kostenlos als Vereinssitz zur Verfügung gestellt wurde. Hier fanden fortan Vereinstreffen, Dia- und Vortragsveranstaltungen statt. Als es nach den acht Jahren zu einem Vorstandswechsel innerhalb der ABG kam, wurde eine wirtschaftliche Verpflichtung des Unternehmens festgestellt. Das hieß, dass die „Freunde Frankfurts“ nun Miete zahlen mussten. Doch damit ist es nun vorbei. Der Verein, der sich die Pflege regionalen Kulturguts zur Aufgabe gemacht hat, ist vor einem Monat ausgezogen. „Die Mietbelastung hat zwar nun die Grenze der Möglichkeiten eines gemeinnützigen Vereins erreicht. Wir sind aber nicht nur wegen der Miete rausgegangen“, sagt Barbara Deppert-Lippitz. „Das Gebäude ist in einem für unseren Verein schwer nutzbaren Zustand.“ So wurde aus Brandschutzgründen untersagt, das Dachgeschoss weiter als Büro zu nutzen. Es darf nur noch als Ablagespeicher dienen. Außerdem verfügt das nicht barrierefreie Haus nur über eine Toilette, was bei größeren Veranstaltungen für kaum zumutbare Verhältnisse sorgt.

Zudem ist der Keller chronisch feucht. „Rigips-Platten, weiße Geländer, Heizkörper unter Fenstern, unpassende Beleuchtung. Das Gebäude spiegelt einen Sanierungsstand der 80er Jahre wieder, der modernen Anforderungen nicht mehr gerecht wird“, sagt Deppert-Lippitz. Ihr Verein hat nun ein Büro in der Berger Straße bezogen und hält seine Veranstaltungen fortan vor allem im Holzhausenschlösschen ab, das über mehrere Toiletten, Rampen und einen Fahrstuhl für Behinderte verfügt. Die Zukunft der Schellgasse 8 sieht Deppert-Lippitz als „Rätsel“: „Das Haus ist nicht einfach zu nutzen. Derzeit ist es als Wohngebäude ungeeignet. Küche und Bad befinden sich im Keller. Die letzte Renovierung liegt Jahrzehnte zurück. Es sind somit dringend Investitionen nötig.

Wiederaufbau der Altstadt Frankfurt

Dennoch ist die Schellgasse 8 attraktiv. Gelegentlich kommen amerikanische Touristen vorbei und staunen. Nur die Stadt erkennt das Haus noch nicht als Attraktion, die man aktiv bewerben sollte.“ Frank Junker, Geschäftsführer der ABG sieht das offenbar anders. „Eine Sanierung steht derzeit nicht an“,sagt er. „Das Haus steht ja auch unter Denkmalschutz, was ein solches Vorhaben einschränkt.“ Überlegungen zur Zukunft des Gebäudes gäbe es bislang auch keine.

Quelle: op-online.de

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