Anselm Weber im Interview

Glamour zählt nicht zum Berufsbild

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Noch ist Anselm Weber Intendant am Bochumer Schauspielhaus, in zwei Jahren wechselt der 52-Jährige an den Main.

Frankfurt - Mit Beginn der Spielzeit 2017/18 übernimmt Anselm Weber die Intendanz des Frankfurter Schauspiels als Nachfolger von Oliver Reese, der ans Berliner Ensemble wechselt. Als Regisseur hat Weber seit 1992 immer wieder in Frankfurt gearbeitet. Von Stefan Michalzik 

Von 2005 bis 2010 war er Intendant am Schauspiel Essen, seither leitet er das Schauspielhaus Bochum.

Alfred Hitchcock hat gesagt: Manche Filme sind ein Stück Leben, meine Filme sind ein Stück Kuchen.

Ein ordentliches Stück Sahnetorte kann man ja ruhig im Spielplan haben. Theater ist ein Referenzraum unserer Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ist wichtig, dass es sich öffnet, aber es darf seinen Freiraum nicht aufgeben zugunsten einer Kommerzialisierung.

Das Haus soll voll sein, vor allem die Politik misst daran heute den Erfolg. Wie gesund ist das?

Letztlich ist es die Frage der Beglaubigung, um die es da geht. Das Stadttheater muss seine Funktion tagtäglich aufs Neue überprüfen. Warum geben die einem das Geld - das muss man immer wieder beleuchten. Man darf nicht meinen, nur weil es das immer gegeben hat, muss es das auch in Zukunft geben. Nehmen wir zum Beispiel „Die Passagierin“...

Die Oper des Schostakowitsch-Zeitgenossen Mieczyslaw Weinberg, die sie kürzlich in Frankfurt inszeniert haben.

Es ist ja keiner davon ausgegangen, dass ein solch weithin unbekanntes Stück aus dem zwanzigsten Jahrhundert solch ein Renner beim Publikum wird. Da spiegelt sich die Vergangenheit...

Die des Holocausts.

...in der Gegenwart und erfährt sich neu. Dieses gemeinsame Erlebnis im Theater oder eben der Oper, das ist an der Flimmerkiste oder am Laptop nicht zu haben. Ich finde es gefährlich, wenn die ökonomische Diskussion zum Maßstab der Debatte über das Theater genommen wird.

Welche Rolle spielt das Theater in der Stadt? Welche soll es spielen?

Wir leisten uns das nicht als Luxus. Theater ist ein Spiegel der Gesellschaft. Es schafft Erkenntnis und Identität. Wenn das erreicht wird ist es Teil der Debatte um die Zukunft der Stadt.

Wie würden Sie jemandem in Bochum die Stadt Frankfurt erklären?

Eine sehr offene, sehr lebendige, sehr internationale Metropole. Mit einer langen Tradition. Stichwort Paulskirche. Im deutschen Geistesleben hat sie historisch eine große Rolle gespielt: nicht allein wegen Goethe, sondern auch wegen des liberalistischen Gedankens und des Vormärz. Dann ist da die jüdische Tradition. Nach 1945 kam die Frankfurter Schule dazu sowie Fritz Bauer und die Auschwitzprozesse. Das ist eine Stadt, in der viel gearbeitet wird, aus einer protestantischen Ethik heraus. Das liegt mir nahe.

Was macht einen guten Intendanten aus?

Man ist nur so gut wie die Menschen, die einen umgeben. Theater ist ein kollektiver Vorgang, zugleich ruft die Institution ja eigentlich nach Autokratie – zumal hier in Frankfurt, wo man gleichzeitig noch die Funktion als einer von künftig zwei Geschäftsführern der Städtischen Bühnen übernehmen muss. Deswegen braucht man richtig gute Partner. Die Qualität eines Intendanten entscheidet sich daran, wie gut es ihm gelingt, Freiräume für andere zu schaffen.

Es gibt Intendanten, die das Theater für neue Formen öffnen. Andere folgen dem Pfad des Sprechtheaters im mehr oder weniger hergebrachten Sinne. Als Regisseur stehen sie für letzteres. Und als Intendant?

Ich habe immer Brücken gebaut. Auf der einen Seite geht es darum, dass das Theater auf der Bühne stattfindet. Es muss aber auch eine Öffnung für performative Formen geben und eine Verbindung zur freien Szene. Theater muss sich immer öffnen. Wenn in Bochum das Familienstück zu Weihnachten nicht gut ist, dann haben Sie wirklich ein Problem. Das verstehe ich genauso als Teil meiner Arbeit wie kulturelle Bildung und Hochkultur.

Worum geht es Ihnen als Regisseur?

Prägend ist für mich die Auseinandersetzung mit der Sprache in meinem zentralen Lehrjahren bei Hans Lietzau gewesen. Davon abgesehen versuche ich, Geschichten zu erzählen. In der Oper fasse ich die Partitur als Geschichte auf.

Bestimmte Kommentare nach ihrer Benennung für Frankfurt gingen dahin, dass Sie nicht gerade Glamour versprechen. Was sagen Sie dazu?

Mein Selbstverständnis ist auch kein glamouröses. Ich sehe meine Tätigkeit als Beruf. Frank Baumbauer zum Beispiel, eines meiner Vorbilder, der war viel – bloß nicht glamourös. Der war genau, offen, fleißig. Das würde ich mir auch zuschreiben. Über tausend Mitarbeiter – da bedarf es einer gewissen Solidität. Ich freue mich, wenn Dinge glänzen, die ich ermögliche. Aber Glamour ist nicht Teil meines Berufsbildes.

Quelle: op-online.de

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