„Frauen sind hilflos“

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Solwodi-Vorsitzende Lea Ackermann

Offenbach - Die Sicherheitsbehörden haben immer größere Schwierigkeiten, Menschenhandel und organisierter Prostitution in Deutschland auf die Spur zu kommen.

„Da der einzelne Fall intensive Arbeit erfordert, werden die Polizisten an der Basis von den Leitern ihrer Behörde oftmals nicht besonders dazu ermutigt, solche Fälle aufzugreifen“, kritisiert Lea Ackermann das Vorgehen der Behörden. Sie ist Vorsitzende der Organisation Solwodi, die sich um Frauen in Not kümmert - Opfer des Sextourismus, des Menschenhandels. Das Interview mit der katholischen Ordensfrau führte unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Polizei und Bundespolizei schaffen es nicht, den Frauen zu helfen, die von Menschenhändlern nach Deutschland verschleppt werden. Wer kann denn helfen?

Ich würde nicht sagen, dass Polizei und Bundespolizei es nicht schaffen, den Frauen zu helfen. Es wird ihnen nur sehr schwer gemacht. Oft hat die Polizei nicht genug Personal und zudem mit vielen akuten Verbrechen wie Mord, Einbrüchen und Überfällen zu tun. Nach dem Prostitutionsgesetz von 2002 ist es nicht mehr so einfach für die Polizisten, Opfer von Menschenhandel zu erkennen. Dies erfordert nun eine längere Ermittlungstätigkeit. Die Zeit dafür fehlt den meisten Dienststellen.

Die Frauen sind hilflos...

Die Frauen selbst sind sprachlos, da sie unsere Sprache nicht sprechen. Sie sind hilflos, denn sie wissen nicht, an wen sie sich wenden können und haben zudem oftmals in ihren Heimatländern keine guten Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Viele sind schwer traumatisiert. Zudem kommt, dass sie keinerlei Ortskenntnis und daher Angst haben, wegzulaufen. Außerdem ist die Situation vieler Frauen in deren Heimatländern so gravierend vom Elend geprägt, dass sie oftmals die einzige Möglichkeit zum Überleben in der Prostitution sehen.

Wo sollte die Unterstützung ansetzen?

Den Frauen kann geholfen werden, wenn die Polizei mit Fachorganisationen - wie zum Beispiel Solwodi - zusammenarbeitet. Diese können im Fall einer Rückkehr oder Abschiebung gemeinsam mit der Frau nach Auswegen im Heimatland suchen. Ganz wichtig ist, dass die Entwicklungshilfe vor Ort die besondere Situation von Frauen und jungen Mädchen berücksichtigt und ihnen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten bietet.

Tausende ausländischer Frauen, die Polizisten bei Razzien in Bordellen aufgreifen, werden abgeschoben, ohne als Opfer von Zwangsprostitution erkannt worden zu sein. Was muss sich ändern?

Es ist wichtig, dass eine Sensibilisierung der zuständigen Behörden stattfindet. Da der einzelne Menschenhandelsfall sehr intensive Arbeit erfordert, werden die Polizisten an der Basis von den Leitern ihrer Behörde oftmals nicht besonders dazu ermutigt, solche Fälle aufzugreifen. Eine Abschiebung ist da schneller. Doch natürlich ist es keine Lösung, wenn diese Frauen aus den Bordellen befreit werden, um dann in Asylheime gebracht und abgeschoben zu werden.

Aber es gibt doch eine gesetzliche Regelung...

Ja! Es gibt ein Gesetz, das Frauen ein vierwöchiges Bleiberecht einräumt, wenn bei ihnen der Verdacht auf Menschenhandel besteht. Leider kommt diese Regelung nur sehr selten zur Anwendung. Es ist wichtig, für diese Frauen entsprechende Einrichtungen zu schaffen, damit sie sich in Ruhe erholen und mit Beratung auf eine Aussage vorbereiten können. Weil das alles sehr arbeitsintensiv und aufwändig ist, werden die Frauen nach spektakulären Razzien oft schnell abgeschoben.

Solwodi kämpft für die Rettung und die Würde von Frauen und dafür, dass sie ein neues, unbeschwertes Leben fernab von Zwang und Gewalt aufbauen können. Was waren zuletzt ihre größten Erfolge?

Jeder Tag an dem wir einer Frau helfen können, ist ein riesiger Erfolg für uns und 2009 haben trotz aller Hürden 1464 Frauen mit uns Kontakt aufgenommen, die Opfer von Gewalt geworden waren. Davon waren 205 Frauen Opfer von Menschenhandel und 108 Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollten. Wir helfen diesen Frauen, die zu Opfern von Menschenhändlern oder gewalttätigen Familienmitgliedern wurden, ein freies und unabhängiges Leben zu führen. Seit der Gründung vor 25 Jahren konnte Solwodi unzähligen Frauen helfen. Es waren Opfer von Menschenhandel, Zwangsprostitution, Zwangsheirat, Ehrenmorddrohungen und häuslicher Gewalt, die wir betreut und denen wir geholfen haben.

Anlässlich unseres 25-jährigen Bestehens haben wir ein Buch geschrieben. Es heißt „In Freiheit leben. Das war lange nur ein Traum“ und befindet sich zur Zeit noch im Druck. Das Buch wird voraussichtlich im September 2010 veröffentlicht und wird Geschichten von Frauen beinhalten, die wir betreut haben und die vom Opfer zur erfolgreichen, selbstbewussten und freien Frau wurden. Dass wir dies Tag für Tag unterstützen dürfen - ich denke, das ist unser allergrößter Erfolg.

Quelle: op-online.de

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