Ein Stück Normalität hinter Gittern

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Vor Verbesserungen für junge Mütter in Haft stehen immer Verhandlungen: Anstaltsleiter Eugen Martz im Gespräch mit der Vereinsvorsitzenden Ortrud Georg-Pathe.

Frankfurt - Mercedes P. hat gerade nicht das notwendige Kleingeld bei sich, steigt trotzdem in die U5 ein und wird prompt kontrolliert. Normalerweise bedeutet das 60 Euro Bußgeld und die Feststellung der Personalien. Von Emil Pathe

Aber die 23-Jährige kann keine Wohnanschrift angeben, ihre Adresse ist seit mehr als zwei Jahren die Justizvollzugsanstalt (JVA) in Preungesheim. Die junge Frau ist eigentlich ein ehrlicher Typ, deshalb berichtet sie der Anstaltsleitung von dem Vorfall. Die Folge davon ist, dass sie die Anstalt vorläufig nicht verlassen darf.

Ehrlicher Typ? - Mercedes sitzt und saß wegen Einbruchsdiebstahl ein. Zum ersten Mal von 2005 bis 2007, da war sie 16. Im Dezember 2010 passierte es wieder. Diesmal lautete das Urteil: 4 Jahre und 8 Monate.

Mit zwölf Jahren von Zuhause weg

„Es lag wohl an meiner Vergangenheit, an den Umständen“, versucht sie eine Erklärung zu finden. Mit zwölf Jahren ist sie von Zuhause weg. Einen Halt von den Eltern oder eine soziale Bindung habe es nicht gegeben. Sie wurde nach den Gepflogenheiten der Roma verheiratet. Es war eine Art Handel. Die „Ehe“ scheiterte, Mercedes trennte sich, obwohl schwanger, von ihrem Mann. Mittellos wie sie war, versuchte sie, auf illegale Weise an Geld heranzukommen.

Die JVA III im Frankfurter Stadtteil Preungesheim ist eine der wenigen Anstalten in Deutschland, die ein „Mutter-Kind-Heim“ unterhalten, um das sich ein gemeinnütziger Verein kümmert. Dessen Vorsitzende Ortrud Georg-Pathe fragt nach den Bedürfnissen der Frauen, besorgt Kinderkleidung, bezahlt die Fahrtkosten, wenn es um einen Schulabschluss oder die Berufsausbildung geht.

Auch Mercedes will ihren Hauptschulabschluss nachholen. Sie besucht dreimal in der Woche die Roma-Schule Schawovalle in Frankfurt. Lesen und schreiben zu können ist ihr wichtig.

316 Frauen in der JVA

Derzeit sind 316 Frauen in der JVA bei einer Kapazität von 350 untergebracht. Eigentumsdelikte und Beschaffungskriminalität sind die Hauptgründe der Verurteilungen, weiß Anstaltsleiter Eugen Martz. Etwa 40 Prozent sind Ausländerinnen.

Mercedes mit ihrem Sohn Roja auf dem Gefängnis-Spielplatz.

Die durchschnittliche Verweildauer liegt zwischen sechs und neun Monaten; manche Frau ist nur einen Tag hier, andere lebenslänglich. „Wir unterscheiden zwischen Untersuchungshaft, Abschiebehaft und Strafhaft“, sagt Martz, während Abteilungschef Klaus Hermes im offenen Vollzug auf die Jugendhaft aufmerksam macht: „Zum Glück haben wir keine 14- und 15-Jährigen dabei. Die bandenmäßige Kriminalität beginnt bei den 16- bis 17-Jährigen.“ Für beide Bedienstete ist der Verein Mutter-Kind-Heim eine große Hilfe.

„Durch ihn können wir zum Beispiel manche Dinge realisieren, die sonst nur mit großem bürokratischen Aufwand und dadurch auch mit zeitlicher Verzögerung möglich wären.“ Er nennt als Beispiel die Ausstattung des Kinderspielplatzes mit weiteren Spielgeräten.

Der Verein finanziert sich durch Bußgelder, die von den Gerichten verhängt werden und an ihn abzuführen sind. Neun Frauen sind mit ihren Kindern im offenen Vollzug, für 18 mit je maximal zwei Kindern wäre Platz.

Lob über den Verein

Mercedes P. ist voller Lob über den Verein sowie die engen und herzlichen Kontakte zur Vorsitzenden. „Frau Georg-Pathe hat mir sehr geholfen, nicht nur dadurch, dass Kosten übernommen wurden, sondern dass man auch über persönliche Probleme mit ihr sprechen kann“, sagt sie und umarmt die pensionierte Lehrerin.

Der Verein „Kinderheim Preungesheim“ wurde im Jahre 1969 von interessierten Bürgern gegründet. Er setzte sich dafür ein, dass inhaftierte Mütter mit ihren Kleinkindern gemeinsam untergebracht wurden. Zahlreiche Förderer unterstützten das Vorhaben, und auch der Hessische Landtag schloss sich diesen Bestrebungen an. So konnte der Bau eines Mutter-Kind-Heimes in der Frauenhaftanstalt angegangen werden. Eröffnet wurde die Einrichtung am 1. April 1975.

Einen wichtigen Impuls dazu gab Helga Einsele, seit 1947 Gefängnisleiterin in Preungesheim. Bislang blieben die neugeborenen Kinder bis zu zehn Tagen bei den inhaftierten Müttern, dann wurden sie anderweitig untergebracht. Die engagierte Leiterin setzte gegen manche Widerstände und in eigener Verantwortung durch, dass Mutter und Kind gemeinsam untergebracht wurden.

Ein Stück Normalität im Gefängnisalltag

Nach wie vor strebt der Verein an, den Müttern ein Stück Normalität in den Gefängnisalltag zu bringen, Gespräche zu führen, das Gedeihen der Kinder zu thematisieren, den Alltag auflockern, wie es in der Satzung heißt. Darüber hinaus sollen schöne Erlebnisse für die Kinder im Einvernehmen mit den Müttern vermittelt, deren Sorgen ernst genommen und mit der Heimleitung sowie den Mitarbeitern beraten werden.

Bei zehn Mutter-Kind-Heimen in Deutschland ist der in Preungesheim tätige Verein der einzige in diesen Einrichtungen tätige Förderverein. Die konkrete Hilfe des Vereins besteht etwa in Zuschüssen bei den Fahrtkosten für Kinder, die aufgrund ihres Alters nicht im Mutter-Kind-Heim leben, aber auch in der finanziellen Unterstützung nach der Entlassung und bei der Wiedereingliederung in ein normales Leben.

Im Heim selbst ist der Verein bemüht, die Lebensumstände für Mutter und Kind ständig zu verbessern. Deshalb sind für den Verein Spenden wichtig. Der Verein Mutter-Kind-Heim Preungesheim e.V. ist als gemeinnützig anerkannt und wird ausschließlich ehrenamtlich geleitet. Weitere Informationen gibt es unter www.mkhpreungesheim.de.

Quelle: op-online.de

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