„Eindeutiger Freispruch“ für Sozialarbeiterin

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Die Mitarbeiterin des Jugendamtes der mittelhessischen Stadt war einer der letzten Menschen, die das acht Monate alte Baby lebend sahen.

Wetzlar ‐ Kurz vor Ende ihres Prozesses kamen der Sozialarbeiterin die Tränen. „Der Tod von Siri war furchtbar für mich, das belastet mich bis heute“, sagte die 29-Jährige gestern vor dem Amtsgericht in Wetzlar. Von Carolin Eckenfels (dpa)

Die Mitarbeiterin des Jugendamtes der mittelhessischen Stadt war einer der letzten Menschen, die das acht Monate alte Baby lebend sahen. Bei einem Besuch der Familie im April 2008 soll sie Verletzungen des Kindes ignoriert haben. Die Richter fanden dafür jedoch keine Anhaltspunkte und sprachen die Frau - wie von der Verteidigung beantragt - vom Vorwurf der Körperverletzung durch Unterlassen frei. Die Tat habe ihr „eindeutig“ nicht nachgewiesen werden können.

Seit Anfang Oktober musste sich die junge Frau im „Fall Siri“ vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte ihr vorgeworfen, bei dem Hausbesuch im April 2008 bewusst weggeschaut zu haben. Anfang Mai starb Siri - ihre Eltern hatten sie nach Monaten der Quälerei getötet. Beide sitzen wegen Mordes und Kindesmisshandlung eine lebenslange Freiheitsstrafe ab.

„Ganz klar“ Siris Lage falsch bewertet

Die 29-Jährige hatte die Vorwürfe bestritten und betont, bis auf ein Pflaster auf der Stirn keine Verletzungen bemerkt zu haben. Aus Sicht des Gerichts hielt sie sich an die Vorschriften. Verfahrensfehler hätte nicht festgestellt werden können.

Im Nachhinein betrachtet habe sie zwar „ganz klar“ Siris Lage falsch bewertet, sagte der Vorsitzende Richter Harald Wack. Doch sie habe bei dem Besuch nicht wissen können, wie schlimm es um das Mädchen wirklich stand. „Die Fehleinschätzung von damals ist heute nicht zu ahnden“, sagte er. Vielleicht wäre eine erfahrenere Kollegin Vater und Mutter auf die Schliche gekommen. Aber das sei „Spekulation“.

Die 29-Jährige hatte im Jahr 2007 ihre Stelle beim Jugendamt angetreten. Der „Fall Siri“ war ihr erster von schwerer Kindesmisshandlung. Die Angeklagte schaute nach einem anonymen Hinweis Ende 2007 bei der Familie das erste Mal nach dem Rechten. Im April 2008 besuchte sie die drei in deren Wohnung in Wetzlar erneut.

Geldstrafe auf Bewährung beantragt

Da stand es nach Angaben von Sachverständigen schlimm um die Kleine. Siri hatte Knochenbrüche und blaue Flecken, sie war abgemagert. Unter anderem belegen das Fotos, die die Eltern von ihren Taten geschossen hatten. Konnte das der Angeklagten wirklich entgehen? Ein Kinderarzt betonte: „Sie hätten den kritischen Zustand des Kindes erkennen können, aber nicht zwingend müssen.“ Dafür sei viel Erfahrung und medizinisches Wissen nötig.

Die Staatsanwaltschaft befand, dass die Sozialarbeiterin gegen ihre Sorgfaltspflicht verstoßen hatte und beantragte wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen eine Geldstrafe auf Bewährung. Die Angeklagte hätte zumindest durch das Pflaster stutzig werden müssen. Die Ermittlungsbehörde werfe der Frau nicht vor, am Tod von Siri mitschuldig zu sein, sagt Staatsanwalt Frank Späth. Aber sie habe nichts unternommen, um die Schmerzen der Kleinen zu lindern. Die Behörde prüft nach dem Urteil, ob sie Rechtsmittel einlegt.

Quelle: op-online.de

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