Freiwilliger Polizeidienst in Hessen

High Noon für die Hilfssheriffs

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Kommunen gehen auf Distanz zu den Polizeihelfern, einige haben den Einsatz eingestellt.

Rüdesheim - In ihrer Freizeit werden normale Bürger zu Hilfspolizisten. Deutschlandweit gehen mehrere Tausend auf Streife. Mancherorts sind die Hobbypolizisten sogar mit Schusswaffen ausgerüstet. Braucht die Polizei überhaupt Bürger als ihre Helfer? Von Valentin Gensch 

Heiko Dahlen ist Bäcker. In seiner Freizeit geht der 36-Jährige als Hilfspolizist auf Streife. Ein normaler Arbeitstag beginnt für ihn morgens um 3.00 Uhr in der Backstube und dauert bis in den späten Vormittag. Abends macht sich Dahlen an etwa sechs Tagen pro Monat auf in das Polizeirevier in Rüdesheim. Dort tauscht er Freizeitkleidung gegen eine dunkelblaue Hose, Gürtel mit Pfefferspray, Handschuhe und Taschenlampe sowie ein weißes Hemd – auf dem in großen blauen Lettern „Freiwilliger Polizeidienst“ steht.

Rüdesheim setzt auf freiwillige Polizeihelfer – die in Uniform durch die Touristenstadt am Rhein patrouillieren. „Präsenz zeigen, beobachten, melden – das ist unsere Aufgabe“, sagt Dahlens Kollege Philipp Schönwetter (38). Die beiden Hilfspolizisten machen sich auf in Richtung Rheinufer. „Dort sind abends oft Jugendliche beieinander“, sagt Schönwetter. In einem kleinen Park sitzen etwa zehn junge Menschen im Gras. Neben der Gruppe liegen zahlreiche Schnapsflaschen. Von einem Mädchen lassen sich die beiden den Ausweis zeigen. „Seid ihr echte Polizisten?“, fragt sie. „Nein“, antwortet Schönwetter, „wir sind wie die freiwillige Feuerwehr. Wenn es brennt, sind wir im Einsatz.“

Deutschlandweit gibt es 2 700 Hilfspolizisten in vier Bundesländern. In Bayern gehen 800, in Sachsen 500 als „Sicherheitswacht“ auf Streife. In Baden-Württemberg sind es 760 als „Polizeifreiwillige“, in Hessen 640 „Freiwillige Polizeihelfer“. Weil die Organisation der Polizei Aufgabe der Länder ist, haben die Hilfssheriffs unterschiedliche Befugnisse. In Baden-Württemberg tragen Hobbypolizisten eine Pistole mit dem Kaliber 9 Millimeter im Holster – dazu kommen auch Handschellen. Nach dem Polizeigesetz des Landes haben sie die Stellung eines Polizeibeamten.

In Bayern, Sachsen und Hessen dagegen haben die Freiwilligen deutlich eingeschränkte Rechte. Vielerorts tragen sie Pfefferspray bei sich. Hilfspolizisten können Bürger befragen, ihre Personalien feststellen und Platzverweise aussprechen. Vor allem in Parkanlagen oder auf Veranstaltungen sollen sie Präsenz zeigen. Mindestens 50 Stunden werden die Helfer etwa in Hessen ausgebildet, bevor sie gegen Aufwandsentschädigung Streife gehen dürfen. Gelehrt werden der Einsatz von Pfefferspray, wie Konflikte gelöst werden oder rechtliche Aspekte.

Die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg will keine neuen Hilfspolizisten ausbilden. Sie dürften kein preisgünstiger Ersatz für Polizisten sein, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Vom unter CDU und FDP im Jahr 2000 eingeführten Polizeihilfsdienst in Hessen gehen immer mehr Kommunen ab. Während sich 2011 noch mehr als 100 Städte und Gemeinden beteiligten, sind es derzeit noch 90. Seit der Einführung im Jahr 2000 haben 27 Kommunen den Einsatz eingestellt. Im CSU-regierten Bayern dagegen soll die Schutzwacht ausgebaut werden – von derzeit 800 auf 1 000 Personen.

Den Polizeigewerkschaften sind die Hilfssheriffs ein Dorn im Auge. „Wir haben nichts gegen ein Engagement der Bürger wenn es um öffentliche Ordnung geht“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Wenn es aber Polizeidienst genannt werde, habe es ein „Geschmäckle“. Polizeihelfer würden als Instrument genutzt, um abgebaute Planstellen bei der Polizei zu kompensieren. „Wo Polizei drauf steht, sollte auch Polizei drin sein“, sagte Wendt. Ähnlich äußerte sich der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, Rüdiger Holecek.

dpa

Quelle: op-online.de

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