Demonstrationen zu Ostern

Straßenprotest statt nur Klicks

Frankfurt - In acht Orten in Hessen wollen wieder Friedensaktivisten zu Ostern marschieren. Die größte Veranstaltung ist in Frankfurt geplant. Ob angesichts vieler Krisen und Konflikte dieses Jahr mehr Menschen demonstrieren werden, ist aber fraglich. Von Ira Schaible 

Rund 80 Demonstrationen, Kundgebungen, Radtouren und Feste organisiert die Friedensbewegung an Ostern in Deutschland – davon mindestens acht in Hessen. Die meisten Demonstranten in unserem Bundesland werden am Ostermontag in Frankfurt erwartet.

Das Motto der Demonstration mit Abschlusskundgebung auf dem Römerberg: „Krieg löst keine Probleme: Die Waffen nieder – 2014 so aktuell wie 1914“. Dazu werden von Darmstadt Radtouren und von Gießen, Hanau und Offenbach gemeinsame Fahrten nach Frankfurt organisiert. In Kassel lautet das Thema des Ostermarschs am selben Tag „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ In Marburg ist ein Osterspaziergang geplant.

Zum Auftakt steht am Karfreitag ein Ostermarsch in Bruchköbel (Main-Kinzig-Kreis) an. „Für eine Welt ohne Krieg, Militär und Gewalt“ gehen am Samstag beim Wiesbaden-Mainzer Ostermarsch Menschen auf die Straße. Zu Demonstrationen wird auch in Erbach/Michelstadt, in Fulda und in Gießen aufgerufen.

Gründe, Frieden einzufordern, gibt es auch in diesem Jahr reichlich. Ob aber die Konflikte in der Ukraine und Syrien, deutsche Rüstungsgeschäfte und der Einsatz der Bundeswehr in Afrika tatsächlich der Ostermarschbewegung Zulauf bringen, bleibt die spannende Frage.

"Positionierung fällt schwerer"

Die Krisen in der Ukraine und Syrien, aber auch die NSA-Debatte führten zumindest zu mehr Veranstaltungen, sagt der Fraktionschef der Linken im Hessischen Landtag, Willy von Ooyen –seit vielen Jahren Ansprechpartner im Frankfurter Ostermarschbüro. Wissenschaftler rechnen dennoch mit keinem großen Zulauf. Sie gehen davon aus, dass ungefähr genau so viele Menschen auf die Straße gehen werden wie in den vergangenen Jahren – und nennen dafür unterschiedliche Gründe.

„Von den Hochzeiten der Friedensbewegung wie zu Beginn der 80er Jahre sind wir meilenweit entfernt“, sagt etwa der Berliner Protestforscher Dieter Rucht. Damals seien die Organisatoren von insgesamt 600.000 bis 700.000 Teilnehmern ausgegangen.

Thorsten Bonacker vom Zentrum für Konfliktforschung der Marburger Universität formuliert es so: „Es gibt eine signifikante, aber keine Massenbeteiligung.“ Daran änderten auch die Konflikte Ukraine und Syrien nichts. Warum? „Am Ende des Ost-Westkonflikts fällt die Positionierung schwerer“, sagt Bonacker. „Es ist viel komplexer als es in der Abrüstungsdebatte war.“ Gerade bei Bürgerkriegen wie in Syrien sei eine klare Haltung schwierig, aber auch bei der Ukraine. Die Friedensbewegung habe zudem ihre Forderungen immer vor allem an die westliche Seite gerichtet. „Ich glaube nicht, dass sie das Thema Ukraine so richtig entdecken wird.“

Jüngere äußern sich lieber im Internet

„Wenn man in der Regierung neben den ,guten Demokraten’ auch rechtsradikale Kräfte hat, weiß man nicht mehr, ob man wirklich für diese Regierung so vorbehaltlos Partei ergreifen soll“, meint Rucht. Die Akteure der Friedensbewegung seien zudem gespalten, ergänzt Teune. In der Linken etwa gebe es in der Ukraine-Krise durchaus Sympathien für Russland.

Hinzu kommt: „Wenn mehrere politische Themen gleichzeitig parallel behandelt werden, finden immer ein bisschen Verdrängungswettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit statt“, führt der Soziologe weiter aus. „Und da haben jetzt internationale Themen wie Finanzkrise und Euro Vorrang gegenüber den Friedensthemen.“ Die Entscheidung von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), die Panzerlieferung nach Saudi-Arabien zu stoppen, nehme der Friedensbewegung zudem „den Wind ein Stück weit aus den Segeln“, sagt Rucht.

Haben Straßenproteste im Internet-Zeitalter überhaupt noch eine Zukunft? Die Protest- und Artikulationsformen haben sich nach Einschätzung Bonackers auch in der Friedensbewegung verändert. „Für viele gerade jüngere Menschen ist das Netz die naheliegendere Artikulationsform als sich Ostern auf die Straße zu stellen.“

Rucht kann dagegen nicht sehen, dass das Internet den Straßenprotest schwächt. Er glaubt nicht, dass der Straßenprotest ausgedient hat. Dies zeige das Beispiel Stuttgart. „Der Druck, der mehr Opfer und Engagement verlangt“ als Statements und Klicks, werde wachsen. „Der Straßenprotest wird wieder stärker werden.“

Küssend protestieren

Küssend protestieren

Quelle: op-online.de

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