Frisch von nebenan?

Wiesbaden/Frankfurt - Regionale Produkte sollen künftig besser gekennzeichnet werden. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner will dazu konkrete Vorschläge vorlegen. Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Andrea Schauff, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Hessen, nach:.

Warum ist die erweiterte Kennzeichnung regionaler Produkte denn so wichtig?

Viele Verbraucher achten beim Einkauf von Lebensmitteln auf die regionale Herkunft, wobei mit „regionaler Herkunft“ nicht nur der Ort oder die Region der Verarbeitung bzw. Herstellung gemeint ist, sondern auch die Herkunft der Rohstoffe. Häufig erwarten Verbraucher auch, dass regionale Erzeugnisse zusätzliche Produktqualitäten wie „mehr Frische“, „Ohne Gentechnik“, „Ökoqualität“ oder „artgerechte Tierhaltung“ bieten sollen.

Die Produkte sind teurer...

Stimmt! Häufig muss mehr dafür bezahlt werden. Das Problem ist, dass die regionale Herkunft und die beworbenen Qualitäten sogenannte Vertrauenseigenschaften sind, deren Wahrheitsgehalt Verbraucher meist weder am Lebensmittel noch im Handel oder über andere Informationsquellen selbst überprüfen können. Die Regionalkennzeichnung von Lebensmitteln ist derzeit aber rechtlich nur ungenügend geregelt, daher sind hierfür unbedingt einheitliche Kriterien und ein gesetzlicher Rahmen erforderlich. Nur so lassen sich Täuschung und Irreführung von Verbrauchern vermeiden und bewusste Kaufentscheidungen für regionale Lebensmittel treffen.

Sie haben Untersuchungen durchgeführt?

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Peter Schulte-HolteyDie Verbraucherzentrale Hessen hat zuletzt 2011 im Rhein-Main-Gebiet Angebotsprospekte des Handels auf Regionalwerbung hin überprüft und festgestellt, dass der Handel häufig für verwirrende Regionalwerbung sorgt. Trotz der Werbeslogans wie „Aus unserer Region“ oder „So schmeckt Hessen unsere Heimat“ blieb bei rund 90 Prozent der als regional beworbenen Lebensmittel die Herkunft der Rohstoffe im Dunkeln. Weder anhand der Produktbeschreibungen, noch anhand der Kennzeichnung der Produkte durch den Hersteller war zu erkennen, ob die Zutaten aus Hessen stammen. So wurde jedes zweite Produkt lediglich in hessischen Betrieben hergestellt oder verarbeitet.

Zum Beispiel...

Waren einer Großbäckerei werden zwar in Frankfurt gebacken, woher das Getreide dafür kommt, ist aber nicht erkennbar. Besonders dreist war, dass sogar griechischer Feta und französische Zwiebeln in den Angebotsprospekten als hessische Regionalprodukte beworben wurden.

Es gibt Produktbezeichnungen der Hersteller, die einen Orts- oder Regionalbezug herstellen...

Ja - zum Beispiel Selters Mineralwasser, Sylter Salatfrische, Wetterauer Gold Apfelwein, Rhöner Fruchtwein, Elsässer Flammkuchen, Pfälzer Saumagen. Sie sorgen damit für Verwirrung. Bei diesen Bezeichnungen können Verbraucher meist nur vermuten, ob es sich um örtlich bezogene Herstellungs- oder Herkunftsangaben oder um besondere Zubereitungsverfahren bzw. Rezepturen handelt. Ein klares Beispiel für irreführende Regionalwerbung lieferte Edeka-Südwest. Die Handelskette bot unter ihrer Marke „Gut & Günstig“ unter anderem in Stuttgart und Konstanz Speisequark mit dem Hinweis „Frisch aus unserer Region“ an. Hersteller waren die Hochwald-Nahrungsmittelwerke in Saarbrücken. Mit gutem Beispiel voran gehen übrigens Produkte mit dem regionalen Länderzeichen „Geprüfte Qualität – Hessen“.

Bundesministerin Aigner will Standards festlegen. Welche wünschen Sie sich?

In der Kennzeichnung und Werbung zur regionalen Herkunft von Lebensmitteln muss zwingend die betreffende Region genannt werden, aus der die beworbenen Produkte stammen. Aus der regionalen Kennzeichnung und Werbung muss eindeutig hervorgehen, auf welche Produktionsschritte sie sich bezieht, beispielsweise nur auf die Verarbeitung, die Herstellung, die Rohstoffe oder ob nur die Rezeptur einen Bezug zur genannten Region aufweist. Dasselbe gilt für Marken mit regionalem oder Ortsbezug. Anbieter, die regionale Lebensmittel kennzeichnen bzw. bewerben, müssen für die Herkunft ein unabhängiges Kontrollsystem nachweisen.

Und die Überprüfungen von Behörden?

Die Kontrollsysteme der Anbieter müssen in ein staatliches Kontrollsystem eingebunden werden - analog zum Öko-Kontrollsystem, das unabhängig die Herkunftsangaben effektiv kontrolliert. Monoprodukte - sie bestehen aus einer Zutat - müssen zu 100 Prozent und zusammengesetzte Lebensmittel mindestens zu 95 Prozent der Zutaten aus der genannten Region stammen. Ist der Prozentanteil geringer, muss die Kennzeichnung klar erkennen lassen, auf welche wertgebende Zutat des Lebensmittels sich die Regionalkennzeichnung bezieht - z.B. Rheinische Reibekuchen mit Kartoffeln aus dem Rheinland. In diesem Sinne müssen auch die staatlichen Länderzeichen angepasst werden. Und beworbene Qualitäten der Regionalprodukte müssen deutlich über dem gesetzlichen Standard liegen, rechtlich definiert und kontrolliert werden. Bei Verstößen muss der Gesetzgeber wirksame Sanktionen vorsehen.

Quelle: op-online.de

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