Fünf Jahre Kinderschutzambulanz

Diagnose eine heikle Angelegenheit

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Immer wieder enden Kindesmisshandlungen mit dem Tod des Opfers. Hier ist die Gedenkstätte für einen zwölf Monate alten Jungen aus Hamburg zu sehen, der Ende vergangenen Jahres so schwer misshandelt wurde, dass er starb.

Frankfurt - Schütteltrauma, spirale Armfraktur und anale Penetration – drei Erscheinungsformen körperlicher Gewalt an Mädchen und Jungen, mit denen die Medizinische Kinderschutzambulanz am Universitätsklinikum Frankfurt (UKF) immer wieder konfrontiert wird. Seit fünf Jahren besteht diese Einrichtung. Von Harald H. Richter 

Das Zentrum gilt als wichtiger Baustein in einem interdisziplinären Netzwerk, in dem sich unter anderem Gesundheits- und Jugendämter, Sozialdienste, Polizei und Justiz wiederfinden. Rund um die Uhr ist ein geschulter und versierter Arzt erreichbar, dem fünfköpfigen Team gehört ferner ein Sozialpädagoge an. Seit Gründung Ende 2010 sind 950 Mädchen und Jungen, bei denen der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch bestand, vorgestellt und untersucht worden. Ein Großteil konnte nach ambulanter Behandlung das Krankenhaus wieder verlassen. Allerdings gab es auch Diagnosen, die stationäre Aufenthalte oder andere Formen der Betreuung notwendig machten. „Bei jedem fünften vorgestellten Kind haben sich anfängliche Verdachtsmomente nicht erhärtet“, sagte der Leiter der Ambulanz, Professor Matthias Kieslich.

Blaue Flecken und Knochenbrüche können zweierlei bedeuten: dass ein Kind gerne wild spielt oder dass es geschlagen wird. Jeder Fall ist für Oberarzt und Projektkoordinator Dr. Marco Bartels und sein Team eine Gratwanderung, die Feingefühl und Sorgfalt erfordert. Übersehen sie einen Missbrauch, lassen sie das Kind in unerträglicher Lage allein. Bezichtigen sie Eltern zu Unrecht der Misshandlung, können sie deren Ruf und Familien zerstören.

„Die Diagnose einer Misshandlung ist für jeden Mediziner eine heikle Angelegenheit“, so Professor Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Bartels zufolge werden bereits Säuglinge ab dem ersten Lebensmonat vorgestellt. Häufigste Diagnose ist das Schütteltrauma, vorwiegend bei Kindern zwischen einem und anderthalb Jahren. „Die meisten Fälle sexuellen Missbrauch finden wir bei Mädchen im Alter zwischen zehn und 13 Jahren, während Buben bereits als Fünf- bis Sechsjährige Opfer sexueller Gewalt werden.“ Neben körperlicher Misshandlung und sexuellem Missbrauch wiegt auch die Vernachlässigung schwer, das reicht von Unterernährung bis zum seelischen Schaden.

Unmittelbarer Zugang zu Fachabteilungen

„Unser Vorteil besteht darin, dass wir mit unmittelbarem Zugang zu allen wichtigen medizinischen Fachabteilungen ausgestattet sind“, betonte Kieslich. Diese Strukturen trügen dazu bei, dass die Ambulanz stärker als zur Anfangszeit in die Ausbildungstätigkeiten der universitären Fachbereiche eingebunden sei. „Seit 2015 bieten wir eine Vorlesungsreihe an, bei der zeitgleich Studenten der Medizin, der Rechts- und Erziehungswissenschaften sowie der Sozialpädagogik von den Dozenten der Fachbereiche unterrichtet werden“, freut sich Kieslich über die Verankerung des Kinderschutzes in die Studiengänge.

Der Einzugsbereich der Ambulanz, die einst mit einer Anschubfinanzierung von 200.000 Euro durch die in Offenbach ansässige Kinderhilfestiftung ihren Betrieb aufnahm, reicht über Frankfurt bis in den Taunus und an die Bergstraße. Mittlerweile wird ihr ärztlicher Sachverstand bundesweit nachgefragt. „Unsere Stiftung stellt daher in Wertschätzung dieser Arbeit weitere 100 000 Euro zur Verfügung“, sicherte ihr Vorsitzender Bruno Seibert zu.

Auch Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) äußerte sich anerkennend: „Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit und den Austausch von Kinderschutz und Medizin kann den Betroffenen effektiv geholfen werden.“ Da Kleinkinder besonders schutzbedürftig seien, habe die Landesregierung schon 2008 per Gesetz eine verpflichtende Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen beschlossen. Daran hätten 2014 durchschnittlich 97 Prozent aller in Hessen gemeldeten Kinder teilgenommen, berichtete Grüttner.

Quelle: op-online.de

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