„Für viele war‘s ihr Leben“

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Die Ertragslage wurde immer dünner, das Geschäftsmodell ist überaltert: Karstadt am Hanauer Freiheitsplatz wird schließen.

Hanau ‐ Lange hatten sie um die Zukunft des Standorts gekämpft und gezittert. Doch seit dieser Woche steht fest: Die Karstadt-Filiale in Hanau wird geschlossen - als einzige in Hessen. Bis Ende März werden 85 Beschäftigte ihren Job verlieren.

Am Dienstag bekamen sie die traurige Nachricht bei einer Mitarbeiterversammlung. Die im Warenhaus am Freiheitsplatz plakatierte Botschaft „Wir erfüllen Weihnachtswünsche“ muss da für die Betroffenen nur noch zynisch wirken. „Das ist sehr bitter. Ich habe in fragende und traurige Gesichter geblickt. Für viele war Karstadt ihr Leben“, sagt Geschäftsleiter Joachim Wollermann.

Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) verspricht umgehend, sich für die Angestellten einzusetzen: „Wir werden alles tun, um sie von städtischer Seite zu unterstützen.“ Hanau habe im Zuge seiner Innenstadt-Umstrukturierung Bedarf im Einzelhandel. Es gebe Perspektiven. Auch Wollermann sieht noch Chancen, Angestellte in anderen Karstadt-Häusern unterzubringen: „Wir prüfen das.“

1200 von 26.000 Mitarbeitern werden entlassen

Das ändert jedoch nichts daran: Hanau hat in Hessen den Schwarzen Peter gezogen. Die Kaufhäuser in Darmstadt, Frankfurt, Bad Homburg, Fulda, Gießen und Wiesbaden müssen sich dem Vernehmen nach keine Sorgen machen. Bundesweit ist die insolvente Warenhauskette auf Schrumpfkurs. Zehn Filialen und drei Multimedia-Standorte sollen geschlossen werden. 1200 der rund 26.000 Beschäftigten würden dann ihren Job verlieren. Fest steht aber bislang nur: Neben Hanau werden in Kaiserslautern und Ludwigsburg die Lichter ausgehen.

Rolf Weidmann, Beauftragter des Insolvenzverwalters für den Warenhausbereich, bedauert die Schließung in Hanau: „Leider konnten wir die Filiale aufgrund der derzeitigen Situation auf Dauer nicht halten.“ Kaminsky hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder bei Gesprächen mit allen Beteiligten für die Fortführung engagiert. Doch auch eine Rettungskampagne mit einer Unterschriftenaktion blieb erfolglos. Letztlich musste Kaminsky die Entscheidung des Essener Handelskonzerns Arcandor machtlos zur Kenntnis nehmen.

Angestellte vermuten Übel in Mietzahlungen

Der Rathaus-Chef räumte ein: „Es war absehbar, dass zwei Kaufhäuser am Standort Hanau auf die Dauer keine Perspektive haben. Zumal das Kaufhauskonzept überaltert ist und Warenhäuser in ganz Deutschland ständig Marktanteile verlieren.“ Der Hanauer Geschäftsleiter Wollermann gesteht: „Beim Umsatz wurde die Luft für uns immer dünner. Seit Mai sind die Einnahmen eingeknickt. Hanau ist defizitär.“ Die Angestellten vermuten, dass in den hohen Mietzahlungen der Ursprung allen Übels liegt. Wollermann hält sie hingegen für die Marktlage „angemessen“.

 Wie geht es nun weiter? In der kommenden Woche sind Treffen mit dem Betriebsrat und der Geschäftsführung geplant, „um verschiedene Optionen auszuloten“, wie Kaminsky sagt. Seiner Ansicht nach benötigt der Freiheitsplatz eine starke Einzelhandelsimmobilie. „Durch den Bau des Einkaufszentrums Postcarré und den weiteren Planungen zum Innenstadt-Umbau besteht berechtigte Hoffnung, dass wir in Kürze neue Arbeitsplätze im Hanauer Einzelhandel schaffen können.“ Bei der City-Neugestaltung sollen frische Einzelhandelsflächen entstehen und neue Konzepte entwickelt werden.“ Das ist zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Karstadt-Beschäftigten in Hanau, so kurz vor Weihnachten.

dpa

Quelle: op-online.de

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