Ein Funke Magie im banalen Alltag

Retrospektive der Lichtbildnerin Iturbides im Fotografie-Forum

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Eine starke Frau, ein gutes Leben, Krankheit, Tod und Rituale: All das ist in der Fotografie „México“ (1969) von Graciela Iturbide versammelt.

Die berühmte mexikanische Lichtbildnerin Graciela Iturbides, Jahrgang 1942, hat ihre erste Retrospektive in Deutschland. Das Frankfurter Fotografie-Forum hat 115 Werke aus der Zeit von 1969 bis 2008 versammelt. Von Christian Huther

Frankfurt – Eine Frau sitzt in einer Kneipe, die Zigarette in der Hand, das Glas ist ausgetrunken. Sie blickt mit leicht schielenden Augen nach links, als würde sie von dort jemanden erwarten. Hinter ihr aber drängt ein zweites Motiv dem Betrachter entgegen: ein überdimensional auf die Wand gemalter Totenkopf. Im linken Auge ist ein Hotelzimmer zu sehen, im rechten Auge mehrere Krankenbetten, in der Nase ein Sarg. In diesem Foto von 1969, dem frühesten Werk der Ausstellung, ist alles versammelt, was Graciela Iturbide interessiert: Die starke Frau, das gute Leben, Krankheiten, der Tod und Rituale wie Rauchen oder Trinken.

Graciela Iturbide ist zwar Fotokennern ein Begriff, aber erst jetzt hat sie ihre erste Retrospektive in Deutschland, die bis zum 30. Juni im Frankfurter Fotografie-Forum läuft.

Die Schau bietet einen guten Überblick anhand von 115 Fotos aus der Zeit von 1969 bis 2008, allesamt entliehen aus der spanischen Mapfre-Stifung, die vor einiger Zeit rund 300 Iturbide-Werke erwarb. Die mittlerweile 77-jährige Mexikanerin ist noch immer aktiv – und längst eine Ikone der lateinamerikanischen Fotografie.

Ähnlich dramatisch wie das erste Bild wirken viele ihrer Schwarz-Weiß-Fotos, denn die ungewöhnlich starken Schwarztöne verstärken die düstere Atmosphäre. Graciela Iturbide zeigt zwar Menschen in realer Umgebung, aber sie bringt einen surrealen Unterton ins Bild, sie mischt dem banalen Alltag einen Funken Magie bei.

Menschen in Mexiko: „Desierto de Sonora, México“ (1979).

„Engelsfrau“ nennt sie ein Bild von einer uns den Rücken zuwendenden und verschleierten Frau, die einen Berg erklimmt und in der rechten Hand einen Gettoblaster trägt. Ein Strick an ihrer linken Hand deutet an, dass sie ein Tier mit sich zieht, aber Iturbide konzentriert sich auf die Frau und den Radiorekorder, um den Kampf zu betonen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Stammeskultur und westlichen Werten. Die Frau gehört zu den Seri-Indianern, die in der Sonora-Wüste leben, im Nordosten Mexikos. Ein symbolträchtiges Bild von 1979: Selbst in der Wüste muss Musik erschallen. Iturbide gelang die Aufnahme nur, weil sie einige Zeit bei dem Stamm weilte und das Vertrauen der Indianer erwarb.

An Langzeitprojekten arbeitete sie oft – das bekannteste entstand zwischen 1979 und 1988 im Süden Mexikos, in der Stadt Juchitán mit rund 75.000 Einwohnern. Dort wird noch die Kultur der Zapoteken bewahrt, die geprägt ist vom Matriarchat. Die Frauen haben das Sagen in der Familie und im Alltag, sie verkaufen auf dem Markt all das, was ihre Männer auf dem Feld angebaut oder im Meer gefangen haben. Graciela Iturbide zeigt selbstbewusste Frauen, die dennoch sehr natürlich wirken.

Sie sind fröhlich und scheinen immer kunterbunte Kleider zu tragen – nur schade, dass Iturbide konsequent in Schwarz-Weiß fotografiert. Aber vielleicht ist es auch besser so, um den Blick des Betrachters auf das Wesentliche zu fokussieren. So kommt die „Königin der Leguane“ geradezu majestätisch daher mit ihrem ungewöhnlichen Kopfschmuck – lebenden Leguanen, die sie auf dem Markt verkaufen will. Graciela Iturbide hat die Frau mit dem Blumenkleid aus leichter Untersicht fotografiert, um ihre Krone zu betonen.

Das Bild ist inzwischen das Erkennungszeichen der Stadt, wie Iturbide bei späteren Besuchen merkte. Sie durfte sogar die angesehenen „Muxes“ fotografieren, die Männer, die sich als Frauen definieren. In den Juchitán-Bildern tut sich eine ganz eigene Welt auf, auch wenn es nur um den Alltag und seine kleinen Rituale geht. All das lichtet Graciela Iturbide mit halb dokumentarischem, halb poetischem Blick ab, immer gewürzt mit einem Augenzwinkern und einer Prise Humor.

Die Besonderheiten der Schwarzweiß-Fotografie

Köstlich das Bild der jungen Frau, die sich nach dem Duschen ein Badetuch umgeschlungen und ins lange Haar einen riesigen Kamm gesteckt hat – auch das ist eine kleine Krone! Graciela Iturbide hat ein untrügliches Gespür für Momentaufnahmen, die viel über Land und Leute aussagen. Allerdings scheint sie seit einiger Zeit das Interesse am Menschen verloren zu haben und fotografiert jetzt Pflanzen und Landschaften – die an abstrakte Gemälde erinnern.

Doch als ihr 2006 das lange verschlossene Bad der Malerin Frida Kahlo geöffnet wurde, fotografierte Iturbide alles, sogar das verächtliche Stalin-Bild auf dem Klo. Die legendenumwobene Mexikanerin ist zwar schon 1954 gestorben, aber das im Bad verbliebene künstliche Bein und die Korsetts trieben Iturbide zu feinen Fantasien – hier treffen zwei starke Frauen aufeinander.

„Graciela Iturbide“ bis 30. Juni im Fotografie-Forum Frankfurt, geöffnet Dienstag und Donnerstag bis Sonntag, 11-18 Uhr, Mittwoch, 11-20 Uhr. Internet: www.fffrankfurt.org

Quelle: op-online.de

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