Kultusministerin Nicola Beer (FDP) im Interview

„G8 ist nicht das Ende der Kindheit“

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Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP) erläutert im Gespräch mit unserer Mediengruppe die Situation rund um G8 oder G9 aus Sicht der Landesregierung und nimmt zu aktuellen Themen der Schulpolitik Stellung.

Offenbach - Nicola Beer (FDP), Kultusministerin in Hessen, muss seit ihrem Amtsantritt im Mai 2012 viel Kritik aushalten.

Im Interview mit unserer Mediengruppe spricht sie unter anderem über lange und kurze Wege zum Abitur, über den geplanten Sozialindex bei der Zuweisung von Lehrerstellen und über Inklusion. Das Gespräch führten unsere Redaktionsmitglieder Angelika Dürbaum, Fabian El Cheikh, Jochen Koch und Peter Schulte-Holtey.

Sie halten die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Unterrichtsjahre weiterhin für eine gelungene Schulreform, die Schülern einen früheren Start in Studium und Berufsleben ermögliche oder ein für die Charakterbildung wertvolles Jahr im Ausland. Können Sie trotzdem die Verärgerung vieler Eltern über G8 und die neue Wende in der Schulpolitik, hin zu G9, nachvollziehen?

Wir haben in Hessen immer G8- und G9-Angebote gehabt - man konnte sich für G9 entscheiden, nämlich im Bereich der integrierten Gesamtschulen sowie der kooperativen Gesamtschulen. Wir haben aber zur Kenntnis genommen, dass Eltern zum Teil ein G9-Angebot ebenso im Bereich der klassischen Gymnasien wünschen, und bauen jetzt diese Möglichkeit ein. Es wird nun mehr Freiheit angeboten: Dazu gehört auch der Versuch an Gymnasien und kooperativen Gesamtschulen, G8 und G9 parallel anbieten können. Dort teilen die Eltern in der fünften Klasse der Schule mit, ob ihr Kind das Abitur nach acht oder neun Jahren ablegen soll. In der fünften und sechsten Klasse werden die Schüler zunächst noch nach dem Lehrplan für G8 unterrichtet. Erst am Ende der sechsten Klasse entscheiden die Eltern in Absprache mit der Schulleitung endgültig, in welchen Schulzweig das Kind wechseln soll. Viele Schulen wollen sich es nun noch einmal überlegen, ob sie doch am Schulversuch teilnehmen wollen. Deswegen haben wir die Antragsfrist bis zum 1. März verlängert.

Es wird vehement eine Wahlmöglichkeit für die aktuellen Jahrgänge fünf und sechs in Sachen G8/G9 gefordert. Ihr Ministerium ist ebenso vehement dagegen. Warum?

Der Wechsel der laufenden 5. und 6. Klassen ist im Schulversuch möglich, da dort parallel G8 und G9 angeboten wird, wir also den Bestandsschutz für alle Schülerinnen und Schüler gewährleisten können. Dort wo Schulen jedoch komplett zu G9 wechseln, besteht die Gefahr, dass G8-Schülerinnen und -Schüler, die auf ihrem von der Rechtsprechung garantierten Bestandsschutz bestehen, massivem Mobbing vor Ort ausgesetzt werden, wie sich das vor einigen Jahren beim Wechsel der Kooperativen Gesamtschulen zeigte. Dies müssen wir verhindern. Daher gilt der Wechsel zu G9 erst ab den neu eingeschulten Klassen. Zudem, wenn man auf den Grund der Diskussion zurückgeht, muss festgestellt werden, dass Eltern, die ihre Kinder jetzt in der 5. oder 6. Klasse haben, vor einem oder zwei Jahren die Entscheidung getroffen haben - Ja oder Nein zu G8 bzw. G9. Sie hätten damals auch eine Gesamtschule mit G9 wählen können. Sie haben sich dann aber - wegen oder trotz - G8 fürs Gymnasium entschieden. Es gibt Ausweichmöglichkeiten. Kinder, die bei G8 bleiben wollen, haben dies jetzt aber nicht. Als Ministerium, das für alle Schülerinnen und Schüler zu sorgen hat, müssen wir das absichern.

Haben Sie den Eindruck, dass durch die Belastungen bei G8 weniger Kinder und Jugendliche in Sportvereinen sind? Überhaupt: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Vereinen?

Das hängt immer davon ab, wie gut vor Ort organisiert wird. Meine beiden Kinder sind in der G8, jetzt sind sie in der 9. Klasse. Sie haben nie mehr als zwei Tage in der Woche gehabt, an denen sie länger Schule hatten. Mir geht es darum, mit der Mär aufzuräumen, G8 sei das Ende der Kindheit. Das ist nicht so. Es bleibt ausreichend Zeit - für Musik und Sport. Es gibt ja auch kaum eine Schule, die nicht eine Kooperation mit einem Sportverein oder anderen Vereinen eingegangen ist. Das funktioniert vielerorts sehr gut.

Die Schulen sollen im nächsten Schuljahr im Schnitt mit einer Lehrerversorgung von 105 Prozent rechnen können. 600 neue Lehrerstellen soll’s geben. Zusätzlich soll noch ein Sozialindex eingeführt werden. Wird Offenbach davon profitieren?

Es ist eindeutig, dass im nächsten Schuljahr die Ballungsräume vom Sozialindex am meisten profitieren - also auch vor allem Offenbach und der Kreis. Im Bereich des Schulamtes Offenbach werden wahrscheinlich 64 Schulen mit mehr Lehrern rechnen können.

Wie wird das umgesetzt?

Rund 300 Lehrerstellen werden zur Verfügung gestellt, um Schulen in sozialen Brennpunkten anhand entsprechender Indikatoren einen Zuschlag von bis zu maximal zehn Prozent auf die Unterrichtsversorgung zuzuweisen. Jede Schule soll selbst entscheiden, wo sie die über die Grundversorgung von 100 Prozent hinausgehenden Ressourcen einsetzen will. Schulen, die unter den Sozialindex fallen, können dann zum Beispiel auch Sozialpädagogen oder Psychologen einstellen.

Konkret - wie wird der Bedarf ermittelt?

Der Bedarf ermittelt sich zum einen anhand der Schülerzahlen, zum anderen nach Sozialindikatoren, die das soziale Lernfeld und die Zusammensetzung der Schülerschaft abbilden. Nach momentanem Stand sind es 28 Schulen in Offenbach und 36 im Kreis Offenbach, die mehr Lehrerstellen - ermittelt durch den Sozialindex - erhalten werden. Die Schule mit den größten Belastungen hat einen Sozialindex von Minus 259, die Schule mit dem besten Umfeld liegt bei 160 Plus. 67 neue Lehrerstellen werden allein über den Sozialindex im Bereich des Schulamts Offenbach zugewiesen - und dann kommen ja noch die Stellen für Deutsch-Fördermaßnahmen hinzu.

Es sind ja allein in Offenbach sechs Klassen nur für Seiteneinsteiger installiert worden. Dafür sind dann Lehrer von Deutsch-Fördermaßnahmen für Migrantenkinder, die hier geboren sind, abgezogen worden.

Bei den Seiteneinsteiger-Maßnahmen geht es auch um Deutsch-Fördermaßnahmen. Es wurde also lediglich umgeschichtet. Und dann dürfen Sie ja auch nicht vergessen, dass wir ab 1. August mit der 105-Prozent-Lehrerversorgung planen. Es wird mehr Lehrer geben - und die Probleme an den Schulen mit Seiteneinsteigern und Migrantenkindern werden sich im neuen Schuljahr wesentlich verringern. Dabei gilt grundsätzlich: Wir können von Wiesbaden aus nicht alles regeln. Die Schulen müssen individuell reagieren.

Ihr Programm hört sich nach „Sozialindex-light“ an, da ja nur neue Stellen nach Sozialindex verteilt werden. Wollen Sie das Programm ausweiten, wenn die CDU/FDP-Landesregierung wieder gewählt werden sollte?

Wir werden dieses Programm jetzt erst einmal auf drei Jahre festschreiben. Das heißt, wir werden nun den Sozialindex zum 1. August konkret berechnen; den Schulen geben wir damit Planungssicherheit. Wir werden uns das dann genau anschauen, welche Erfahrungen damit gemacht wurden.

Umfangreiche Planungen, kleines und großes Schulbudget - Sie bringen ja immer mehr Verwaltungsaufgaben an die Schulen. Wie sollen die Schulleitungen das noch meistern?

Wir wollen selbstständige Schulen. Sie können ihre eigene Situation besser einschätzen, flexibel mit Geldern umgehen - und zum Beispiel Summen über drei Jahre ansparen, für größere Anschaffungen. Ich habe bislang die Rückmeldung von den Schulen, dass dieser Weg zu mehr Selbstständigkeit in der Regel sehr geschätzt wird. Dabei werden jetzt nicht alle Verwaltungstätigkeiten bei den Schulen abgeladen. Das Landesschulamt und die staatlichen Schulämter unterstützen - mit juristischer Beratung, mit entsprechenden Computerprogrammen zur Erstellung von Finanzplänen. Schulen mit großem Schulbudget können auch Verwaltungskräfte einstellen, die die Leitung dann entlasten. Und wir haben ja auch die Führungskräfteakademie, dort werden viele Lehrer intensiv geschult. Schulleiter haben die Möglichkeit des Einzelcoaching usw. Eine Herausforderung ist es auf jeden Fall. Es geht ja um Führungsaufgaben an Schulen, an denen zum Teil mehr als 100 Lehrer tätig sind, die fünf Millionen Euro im Jahr umsetzen.

Mittlerweile ist das Projekt Selbstständige Schule auch Thema in der Ausbildung ...

Ja - in der ersten Phase, also im Studium, und in der Referendarausbildung. Und jetzt führen wir noch das Praxissemester ein. Im dritten Semester geht man dann an die Schulen, um alle Bereiche kennenzulernen. Dabei werden die angehenden Lehrer auch Schulleitungsaufgaben erleben. Wir müssen den Blick schärfen für diese neuen Aufgaben.

Gerade was die Inklusion angeht, gibt es immer wieder Beschwerden von Eltern, deren Kinder eben nicht in die Regelschulen hineinkommen, weil es dort an zusätzlichem Personal fehlt. Ist da nicht mehr machbar?

Wir sind erst am Beginn eines längeren gesellschaftlichen Prozesses, da müssen wir Schulen mitnehmen. Inklusion nimmt nicht nur das einzelne Kind mit Benachteiligung in den Blick, sondern will alle Kinder einer Schulklasse individuell fördern. Wir geben als Land über 1 600 Lehrerstellen aus dem Förderschulbereich in den zur sonderpädagogischen Unterstützung in den Bereich der allgemeinen Schule, um das möglich zu machen. Doch nicht jede Schule ist schon so ausgestattet, um inklusiven Unterricht für jede Form von Behinderung anbieten zu können.

Wo gibt es die größten Probleme?

Die größten Vorbereitungen in den Schulgemeinden brauchen wir dort, wo es um Kinder und Jugendliche mit Auffälligkeiten in der emotionalen und sozialen Entwicklung geht. Wir setzen darauf, den Inklusionsprozess zusammen mit den Schulen und den Schulträgern, mit Augenmaß zu entwickeln. Wir haben eine Vielzahl an Schulen in Hessen, die bereits Erfahrungen aus dem gemeinsamen Unterricht mitbringen. Diese Erfahrungen helfen Schulen, die sich auf den Weg machen wollen. Auch im östlichen Teil des Landkreises Offenbach werden derzeit Möglichkeiten inklusiven Unterrichts in Grundschulen erprobt. Ende des Jahres sollen hier die Evaluationsergebnisse vorliegen, so dass wir dann gemeinsam mit dem Schulträger entscheiden können, ob wir es auf alle Schulen im Landkreis ausweiten.

Anderes Thema: Islamunterricht. Auf Antrag der türkischen Moscheengemeinschaft Ditib und der Ahmadiyya Muslim Jamaat soll bald der bekenntnisorientierte Islamunterricht auf dem Stundenplan stehen. Zum Schuljahr 2013/2014 wird der Unterricht an bis zu 25 Grundschulen für die ersten Klassen eingeführt werden. Ein schwieriges Projekt?

Das werden wir sehen. Für das Angebot an einer Schule müssen mindestens acht Kinder in der Lerngruppe sein. Da auch Mädchen und Jungen islamischen Glaubens, die nicht aus diesen beiden Religionsgruppen kommen, am Unterricht teilnehmen können, gehe ich davon aus, dass es an vielen Schulen ein Angebot geben wird - unter anderem auch in Offenbach, dem Kreis, in Hanau und dem Main-Kinzig-Kreis. Über die Schulen ist aber noch nicht entschieden.

Gibt es ausreichend Lehrkräfte dafür?

Die Fortbildungen für Lehrer, die jetzt schon im Schuldienst arbeiten, haben schon längst begonnen. Wir unterbreiten ein ganz konkretes Weiterbildungsangebot für den Grundschul-Bereich. Parallel passen wir die Lehrerausbildung für diesen neuen Religionsunterricht an. Dabei ist klar: Es geht beim islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache mit einem genehmigten Lehrplan, beaufsichtigt von hessischen Schulbehörden.

Quelle: op-online.de

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