Die gängigen Klischees widerlegen

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Die Zahnmedizinerin Ezhar Cezairli in ihrer Praxis in der Frankfurter Innenstadt.

Frankfurt ‐ Mit festen Schritten durchquert sie ihre Praxis, zieht vor dem Spiegel den Lippenstift nach, rückt sich für das Foto die Haare zurecht. Ezhar Cezairli ist promovierte Zahnmedizinerin, außerdem Ehefrau und Mutter zweier Kinder und sie ist Türkin. Von Melanie Gärtner

 Mit dem Bild der verschleierten, ungebildeten Migrantin, das ihr derzeit als Klischee in fast jeder Integrationsdebatte begegnet, hat sie wenig zu tun. „Seit Jahren schon muss ich mich gegen dieses Bild zur Wehr setzen und mich rechtfertigen, weil mich die Leute nicht für eine ‚typische Türkin’ halten“, sagt Dr. Cezairli. „Dabei sind Frauen wie ich nicht die Ausnahme, man hat uns bisher in Deutschland nur viel zu wenig wahrgenommen.“

Mit anderen Türkinnen aus dem Rhein-Main-Gebiet hat sie Ende Januar die „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“ gegründet. Die Akademikerinnen wollen sich endlich in eine Debatte einmischen, in der sie viel zu lange ungehört blieben. „Die Initiative besteht aus fortschrittlichen Frauen, die nach vorne wollen“, so Cezairli. „Wir sind freiheitlich denkende, starke und selbstbestimmte Frauen, die beruflichen Erfolg haben und diesen mit unseren Familien in Einklang bringen können.“ Neben Ezhar Cezairli steht eine Reihe von beruflich oder akademisch qualifizierten Frauen: Rechtsanwältinnen, Betriebswirtinnen, Informatikerinnen, Psychologinnen, Pädagoginnen oder Kauffrauen, allesamt Türkinnen und alle unzufrieden über die Themen, die in Deutschland die Integrationsdebatte bestimmen.

Studium der Zahnmedizin in Hannover

„Es wird diskutiert über Islam unterricht, Imamausbildung und Moscheenbau, also immer religiöse Themen in Verbindung mit dem Unterschichtenproblem“, so Cezairli. „Dabei sind es weniger die religiösen Aspekte, die in der Integrationsdebatte eine Rolle spielen sollten, als Themen wie Bildung, Sprache und Chancengleichheit.“ Ezhar Cezairli (47) ist geboren in Antakya, einer Stadt im Südwesten der Türkei. Mit ihren Eltern, die als Gastarbeiter in Deutschland arbeiteten, zog sie im Alter von 10 Jahren nach Weil am Rhein.

Sie besuchte die Grundschule, dann die Realschule, wechselte aufs Gymnasium und studierte schließlich Zahnmedizin in Hannover. Heute führt sie eine Zahnarztpraxis in der Frankfurter Innenstadt, engagiert sich im Integrationsbeirat der hessischen Landesregierung, ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und Vorsitzende des Türkisch-Deutschen Clubs in Offenbach-Kaiserlei. „Es gibt viele Türkinnen wie ich, die gut ausgebildet und bestens in Deutschland integriert sind“, sagt die Medizinerin. „Wir sind Beispiele dafür, dass man in Deutschland unabhängig von Herkunft oder Religion erfolgreich sein kann – auch wenn man keine Akademiker als Eltern hat. Man muss seine Chance aktiv nutzen und dafür können wir ein Vorbild sein.“

Weitere Informationen zu der Frauenvereinigung auf der Internetseite der Akademikerinnen.

Im Gegensatz zu anderen Verbänden definiert sich die „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“ nicht über die Religion. „Wir vertreten einen säkularen Standpunkt und finden: Religion ist Privatsache“, sagt sie. „Unser Ideal ist eine freiheitlich demokratische Gesellschaftsordnung, die die Werte der Aufklärung verkörpert.“, sagt sie. „Dabei reicht es aber nicht nur, dass die Menschen, die in dieser Gesellschaft leben, die Verfassung akzeptieren. Ein richtiges Miteinander kann es nur geben, wenn die Werte dieser Verfassung auch gelebt werden.“ Dazu gehören für Cezairli auch die Gleichstellung und die Selbstbestimmung der Frau. „Bisher haben wir nur positive Reaktionen auf unsere Haltung erlebt“, sagt sie. „Sicherlich gibt es Gruppen oder Vereinigungen, die eine andere Meinung und andere Ziele haben, aber die haben sich bisher noch nicht bei uns noch beschwert.“ Ein erklärtes Ziel der „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“ ist es, die Teilhabe eines jeden Menschen in dieser Gesellschaft zu fördern. Die geschieht, so Cezairli, vor allem über Bildung.“

Die Initiative will sich in Zukunft mehr in die Diskussionen um Integration einmischen, ihre Standpunkte in Vorträgen deutlich machen und mit Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen kooperieren. Willkommen sind dabei nicht nur Türkinnen, sondern alle Frauen, die dieselben Grundsätze teilen.

Quelle: op-online.de

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