Gänseflüsterin mit Erfolg

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Marion Bohn hat ihre „Kinder“ auf ihrem Hof im Vogelsberg um sich versammelt.

Lautertal - Von ihrem Hof geht es für die Gänse nicht zum Metzger. Das würde Marion Bohn nicht übers Herz bringen. Die renommierte Züchterin aus Lautertal im Vogelsberg sitzt in der Sonne auf der Wiese.

Sie schmust mit dem Federvieh und redet mit den Tieren wie eine Gänseflüsterin. „Es ist schade, dass viele Menschen Gänse nur aus der Tiefkühltheke oder mit Klößen und Rotkraut kennen“, sagt die 49-Jährige.

Bei ihr haben die grauen Pommerngänse nicht den Stellenwert von Nutztieren. Wilhelm, Viktoria, Heidi, und wie sie noch alle heißen, sind Familienmitglieder. Sie hat sie von Hand aufgezogen. Wenn Bohn über ihr Anwesen geht, tippeln die kleinen Gössel (Jungtiere) ihr treu hinterher. „Ich bin die Gänse-Mama. Und das sind meine Kinder.“ Sie verfolgt eine verspielte Philosophie, ist damit aber sehr erfolgreich. Bohn ist amtierende und fünffache Hessen-Meisterin. Sie wurde schon zweimal Deutsche Meisterin und gewann vor drei Jahren das bei Züchtern heiß begehrte Blaue Band von Hannover.

Doch die Gänse-Liesel hat es in der „rauen Männerwelt der Rassegeflügelzucht“, wie es Bohn beschreibt, nicht immer leicht. „Es herrschen viel Neid und Missgunst in der Szene. Anfangs wurde ich belächelt. Ich musste mir vor allem als Frau blöde Sprüche anhören. Da werde ich gefragt: ‘Hat dein Ganter Lippenstift am Kopp, weil Du wieder Küsschen verteilt hast?’“ Sie habe es ihren Konkurrenten dann immer wieder mit Bestnoten bei den Schauen heimgezahlt.

Bohn verkauft Küken nur an Liebhaber oder Zoos

Marion Bohn, verheiratet, früher Altenpflegerin, lebt seit zehn Jahren ihren Traum und betreibt ihr Hobby auf recht professionellem Niveau. Sie setzt auf Kunstbrut. So hat sie die Kontrolle, dass nur so viele Küken ausgebrütet werden, wie sie für die Zucht gebrauchen oder an Liebhaber verkaufen kann. Im vergangenen Jahr gingen immerhin 30 Tiere auf Bestellung vom Hof, eines sogar bis nach Dänemark. Auch der Münchner Tierpark Hellabrunn gehörte schon zu ihren Kunden. Sie verkaufte fünf handzahme Gänse für deren Streichelzoo.

In diesen Tagen ist die Gänsezüchterin schwer im Stress. Sie muss ihr erstes Buch als Autorin fertigstellen. Und Dutzende von Eiern liegen in der Brutmaschine, sie müssen einen Monat lang sensibel umsorgt werden. Bei der Aufzucht wandelt Bohn auf den Spuren des berühmten Zoologen und Verhaltensbiologen Konrad Lorenz, der an Graugänsen forschte. Bohn ist für die Jungtiere die prägende Bezugsperson. Später kommt es zu komischen Momenten, zum Beispiel wenn sie mit Stimmlauten wie „wa-wa-wa“ und „go-go-go“ mit den Tieren kommuniziert.

Wenn die Gänse größer sind, werden sie zu prächtigen Tieren. Die grauen Pommerngänse seien die größte Art nach den Emdener Gänsen, erklärt Bohn. Die Pommerngänse werden mittlerweile in ganz Deutschland gezüchtet und zählen nach Angaben von Fachleuten zu den beliebtesten Gänserassen Deutschlands. „Sie müssen aber wieder wie Haustiere behandelt werden“, wünscht sich die Züchterin.

Von Jörn Perske (dpa)

Quelle: op-online.de

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