Ganz besondere Brennstoffe

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Ein Mitarbeiter des Heizkraftwerks steuert die Schredderanlage. Fotos: dpa

Frankfurt - Blaue Müllsäcke voller Potenzpillen, schwarze Hemden in Cellophanfolie und Pappkartons mit unzähligen Anabolika-Kapseln rauschen aus dem Lkw-Container auf ein Förderband in die Müllverbrennung.

Auf diese Weise vernichtete die Zollfahndung gestern rund 5,3 Millionen sichergestellte Doping-, Potenz- und Schlankheitsmittel. Auch 20.000 gefälschte Jeans und Hemden - Plagiate der Marke Tommy Hilfiger - sind unter den Beweismitteln aus vier Ermittlungsverfahren, die in dem Müllheizkraftwerk in der Frankfurter Nordweststadt in Flammen aufgehen. Was Kriminellen zuvor als Handelsware diente, erzeugte nun Strom und Wärme.

Von der größten Menge sichergestellter Arzneimittel und Kleidung, die in Deutschland je auf einen Schlag vernichtet wurde, spricht Hans-Jürgen Schmidt von der Zollfahndung Frankfurt. Darunter ist der weltweit größte Einzelfund von Dopingmitteln: Ein Lager mit mehr als fünf Millionen Kapseln, Tabletten und Ampullen - vor allem mit Anabolika - hatten die Ermittler vor rund einem Jahr im mittelhessischen Nidda entdeckt. Der Kaufmann, der die Substanzen vertrieb, wurde im April vom Landgericht Gießen rechtskräftig zu vier Jahren Haft verurteilt.

Zweimal fährt das Abrollfahrzeug der Entsorgungsfirma am Mittwoch einen der rund drei Meter tiefen und 7,5 Meter langen Container von der Lagerhalle der Zollfahnder zum Müllheizkraftwerk. An einer der 16 Rampen werden die Container ausgekippt. Rund 30 Tonnen Beweismittel landen zusammen mit dem Hausmüll im Abfall-Bunker der Anlage. Das entspricht der Menge von etwa 350 Hausmülltonnen.

Anders als die durchmischten Haushaltsabfälle wird die Sonderladung der Ermittler zunächst in einer Sperrmüllschere in handtellergroße Stücke geschreddert, dann geht es in den Bunker zu den anderen rund 4000 Tonnen an Haus- und Gewerbemüll. Kräne mischen den besonderen mit dem alltäglichen Abfall. „Und nach eineinhalb bis zwei Stunden landet alles im Ofen“, erklärt der Sprecher der Anlage, Michael Werner. „Wichtig ist, dass wir keine Mono-Chargen haben, denn wir brauchen einen kontinuierlichen Heizwert.“ Fast 22 Tonnen Müll verbrennt ein Ofen pro Stunde - bei 850 Grad. Dabei entstehen Strom und Fernwärme für rund 50.000 Menschen im Frankfurter Norden.

Den Wert der verbrannten Anabolika, Potenz- und Schlankheitspillen beziffert Sylke Zabel vom Zollkriminalamt Köln auf 10 bis 15 Millionen Euro. Die rund 50.000 Schlankheitspillen mit einem gesundheitsgefährdenden Wirkstoff stammen aus einem Verfahren gegen zwei rumänische Stewardessen. Die etwa 250.000 Potenzpillen wurden im ersten Halbjahr 2011 vor allem im internationalen Postfrachtzentrum am Frankfurter Flughafen sichergestellt, wie Schmidt sagt. Die meisten Sendungen stammen von einem Absender aus China und waren an verschiedene Empfänger in ganz Deutschland adressiert.

Die gefälschten Jeans, Hemden, Pullis und T-Shirts hatten die Ermittler im Dezember 2010 in einer Spedition im Rhein-Main-Gebiet beschlagnahmt. Das Verfahren läuft noch. Die Textilien wurden vermutlich in Asien gefertigt und gelangten über Österreich in den Frankfurter Raum, wie Zabel berichtet. Sie waren für den deutschen Markt bestimmt und hätten einen Schaden von rund 1,5 Millionen Euro verursacht. „Die Fälschungen sind immer schwerer zu erkennen“, sagt Zabel. Und warnt: „Sie können gesundheitsgefährdende Stoffe enthalten, davon machen sich die Leute kein Bild, wenn sie sowas kaufen.“

dpa

Quelle: op-online.de

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