Ganz plötzlich Mutter

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Früh übt sich ... Fünf junge Mütter der Albert-Schweitzer-Schule mit ihren Kleinen bei der einwöchigen Babybedenkzeit.

Groß-Zimmern - Babygeschrei im Klassenzimmer? An der Albert-Schweitzer-Schule gehört dies nun zwei Wochen lang zum Schulalltag. Wo sonst Matheformeln und Vokabelpauken an der Tagesordnung sind, haben neun „Säuglinge“ das Programm gehörig auf den Kopf gestellt. Von Ursula Friedrich

Windeln wechseln, füttern, schmusen und Kinder in den Schlaf wiegen stehen auf dem Programm.

Auslöser des Babybooms ist das Projekt „Babybedenkzeit“, ein fünftägiges Praktikum, das die Schule in Kooperation mit dem diakonischen Werk seit zwei Jahren anbietet. Teenager der Abschlussklassen der Gesamtschule werden plötzlich und unerwartet, förmlich über Nacht zu Eltern. Die jungen Leute adoptieren neun „Baby-Roboter“ und müssen sie rund um die Uhr wie ein eigenes Kind betreuen.

Der ungewohnte Elternjob hat an den neun „Müttern“ der beiden neunten Gymnasialklassen gezehrt: „Es war so anstrengend, wir mussten jede Nacht zwei bis drei Mal raus“, ist die Bilanz nach einer Woche Mutterschaft. Denn die computergesteuerten Simulatoren hielten ihre Eltern wie echte Säuglinge auf Trab. „Mit der Zeit konnte man das Weinen einordnen“, so der Erfahrungsbericht von Katharina Zotz. Hunger, Bauchweh oder einfach Lust auf Mama? Um das Quengeln der Kleinen zu beenden, gab es auch von den frischgebackenen Omas gute Tipps wie „Du musst mal den Bauch massieren“.

Man hat einen Sensor am Arm“, erläutert Julia Faupel, „das heißt die verantwortungsvollen „Mutterpflichten“ konnten nicht auf andere abgewälzt werden.“ Trotz aller Strapazen gab es auch lustige Szenen. Zum Beispiel während der Busfahrt zur Beratungsstelle der Diakonie nach Groß-Umstadt. „Die Leute haben uns für bescheuert gehalten, wir waren zu neunt, und jeder hatte einen Kinderwagen dabei und eine Puppe im Arm“. Und prompt fingen alle Kinder gleichzeitig an zu plärren…. „Die Glücksgeräusche des Babys nach dem Füttern waren schön“ schildert Caroline Schuh die positiven Erlebnisse. Eines steht für die neun jungen Damen fest: „Manche Mädels nehmen Kinderkriegen auf die leichte Schulter, aber der Alltag schreckt ab. Elternzeit? Das hat noch Zeit, erstmal Schule fertig machen und studieren.“ Damit ist eine wichtige Botschaft angekommen, nämlich die, mit dem Thema Schwangerschaft nicht leichtfertig umzugehen. „Es gibt so viele Teenagerschwangerschaften und fürchterliche Schicksale, wo Babys in der Mülltonne landen“, schildert Astrid Freund, Mitarbeiterin des diakonischen Werks die Hintergründe des Projekts „Babybedenkzeit“. Gemeinsam mit Kollegin Marijke Eppendorfer-vanRijn leitet sie das Projekt. Säuglingspflege steht dabei ebenso auf dem Programm wie Verhütung, Beratung zur finanziellen Unterstützung von staatlicher Seite oder Alkohol- und Drogenmissbrauch.

Infos gibt es beim Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg unter der Rufnummer 06151-926-0

Das „Elternpraktikum“ wird inzwischen an mehreren Schulen im Landkreis angeboten. In Groß-Zimmern sollen primär die Abschlussklassen profitieren: Die neunte Hauptschulklasse sowie die zehnte Realschulklasse seien die Zielgruppen, so die Pädagogin Bärbel Tippe. Wegen einer Terminüberschneidung der Abgängerklassen wurden diesmal zunächst Gymnasiastinnen ausgewählt, in der zweiten Woche tauschten die Babys dann die „Mütter“.

Die „Babyzeit“ sei ein harter Eingriff ins Leben gewesen, so das Fazit der Projektteilnehmerinnen. Lieb gewonnen haben sie ihre Säuglinge trotzdem: „Obwohl es nur Puppen waren“, so Katharina Zotz. Nach dieser Erfahrung kann sie sich für ihr späteres Leben eine Abtreibung nicht mehr vorstellen.

Quelle: op-online.de

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