Ausbau der Nachmittagsbetreuung

Pakt auf dem Weg zur Ganztagsschule

Offenbach - Das Ganztagsangebot an Hessens Grundschulen wird ausgebaut. Zehn weitere Schulträgerregionen mit mindestens 67 Grundschulen werden im nächsten Schuljahr am „Pakt für den Nachmittag“ teilnehmen. Von Peter Schulte-Holtey 

Nachgefragt bei Stefan Wesselmann, Landeschef vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Hessen: Die Idee hinter dem sogenannten „Pakt für den Nachmittag“ ist, dass Land, Kommune und freie Träger gemeinsam das freiwillige Bildungs- und Betreuungsangebot stemmen. Das Land stellt Lehrer bis 14 Uhr zur Verfügung, die Kommunen als Schulträger sind für die restlichen Stunden zuständig. Eine gute Idee oder doch eher eine Mogelpackung – wie die SPD meint?

Die Intensivierung der Zusammenarbeit von Land und Kommunen im Bereich der Schulkindbetreuung ist zu begrüßen. Ebenso ist zu begrüßen, dass den Schulen dafür erheblich mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, als bisher im Profil 1 der ganztägig arbeitenden Schule – die sogenannte „pädagogische Mittagsbetreuung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich – aus dem Bedarf heraus – vielerorts Lösungen für Betreuungsprobleme entwickelt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir finden als Träger von Betreuungsangeboten Elternvereine, Fördervereine, aber auch Kommunen und Drittanbieter wie zum Beispiel den ASB.

Und die Zusammenarbeit von Schulkindbetreuung und Schule funktioniert in den meisten Fällen gut?

Stefan Wesselmann, Schulleiter der Käthe-Paulus-Grundschule in Mainhausen und Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung.

Mehr oder weniger. Vielfach ist sie auch abhängig von den Träger-Konstrukten. Mit dem „Pakt für den Nachmittag“ könnte hier ein wenig mehr Ordnung in die teils unübersichtlichen Situationen vor Ort gebracht werden. Mit dem „Pakt für den Nachmittag“ wird die Betreuung zur schulischen Veranstaltung, da die Mittel beziehungsweise Lehrerstellen der Schule zugewiesen werden und diese dann den Auftrag für die Betreuung an den Förderverein, die Kommune oder weitere Träger vergibt. Mit dieser Mittel- und Auftragsvergabe sind aber auch die Zuständigkeiten klar geregelt: Die Betreuung wird schulische Veranstaltung und damit der Aufsicht der Schule unterstellt, die dann auch bei Konzeptarbeit und Personaleinstellungen mit im Boot ist. Das muss allen Beteiligten klar sein.

Auch wenn die Betreuung im „Pakt“ dann eine schulische Veranstaltung ist, ist es damit doch in erster Linie ein freizeitpädagogisches Angebot – oder?

Genau! Und unter einer Ganztagsschule verstehen wir ein gebundenes, also verpflichtendes Angebot für Schülerinnen und Schüler. Nur in einem solchen Rahmen lassen sich Pflichtunterrichte in den Nachmittag verschieben zu Gunsten von entspannenden Elementen am Vormittag. Der „Pakt für den Nachmittag“ ist nur dann eine Mogelpackung, wenn er als echte Ganztagsschule verkauft wird. Neben dem Ausbau des Pakts müssen ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, dass Schulen, die den Bedarf haben, sich zu gebundenen Ganztagsschulen weiterentwickeln können.

Das Land wird auch im Schuljahr 2016/17 insgesamt wieder 230 Stellen für den Ausbau der Ganztagsangebote zur Verfügung stellen, davon allein rund 180 für die Schulen im Pakt für den Nachmittag. Darüber hinaus sollen voraussichtlich weitere 117 Stellen aus Sondermitteln zur Verfügung gestellt werden. Reicht das?

Es kommt darauf an, wie viele Lehrerstellen aus dem Programm der ganztägig arbeitenden Schule – also Profil 1 und Profil 2 – gegebenenfalls schon jetzt an den Schulen vorhanden sind, die in den Pakt gehen. Zudem wird sich erst in den nächsten Monaten und Jahren zeigen, wie viele Schulen sich tatsächlich wie weit entwickeln wollen. Dieser Bedarf kann ja nur realistisch erhoben werden, wenn an den Schulen schon Gremienbeschlüsse vorliegen. Über den Antrag auf Aufnahme in den Pakt oder in die Profile 1 bis 3 entscheidet ja nach wie vor die Schulgemeinde mit ihrem höchsten Beschlussgremium, der Schulkonferenz. Und das muss auch so bleiben. Zwangsbeglückung lehnt unser Verband auch in der Frage der Ganztagsschule ab. Denn das Gegenteil von gut, ist gut gemeint.

Auf welche weiteren Stellschrauben kommt es denn jetzt vor allem an, um die Ganztags- angebote schneller auszubauen?

An erster Stelle geht es ums Geld, an zweiter Stelle um die Bedürfnisse vor Ort. Es müssen Mittel zur Verfügung gestellt werden, dass Schulen sich auch zu einer gebundenen Ganztagsschule weiterentwickeln können, wenn Eltern und Schule das so wollen. Da ein gebundenes Angebot aus Sicht des VBE Hessen kein Zwang für Eltern und Schüler sein darf, kommt es darauf an, teilgebundene Systeme – zum Beispiel eine Schule mit einem Ganztagszug – zu entwickeln. Wenn der Bedarf vor Ort da ist, dürfen die Mittel kein Hinderungsgrund sein.

Quelle: op-online.de

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