Gefährlich nah an roter Linie

Wiesbaden - Christean Wagner, Fraktionschef der CDU im hessischen Landtag und bekennender Merkel-Kritiker, lässt seinen Pressesprecher in diesen Tagen Ungewöhnliches verbreiten: Er habe kein Mitteilungsbedürfnis. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Das gilt nicht allgemein, sondern für den „Berliner Kreis“; die bislang lose Vereinigung konservativer Christdemokraten, denen der Modernisierungskurs der Bundeskanzlerin schon lange ein Dorn im Auge ist. Laut Wagner trifft sich der Kreis schon seit drei Jahren, er verstehe daher die Aufregung nicht.

Tatsächlich hat der 68-Jährige bereits in etlichen Interviews beklagt, der Kern der CDU sei nicht mehr sichtbar, Stammwähler fühlten sich nicht mehr vertreten. Weil nicht abgesprochen, ärgerte der frühere Kultus- und spätere Justizminister Hessens damit schon Roland Koch. Und auch dessen Nachfolger an hessischen Regierungs- und Parteispitze, Volker Bouffier, dürfte wenig erfreut sein. Zwar kommt ihm das Wertesystem der Union ebenso pathetisch über die Lippen wie Wagner; als Stellvertreter Merkels im Bundesvorstand kann er sich offene Gegnerschaft zu Merkel aber kaum leisten. Der „Spiegel“ berichtete bereits über Beschwerden, Bouffier habe Wagner nicht im Griff.

Hinzu kommt, dass sich im Rheingau-Taunus-Kreis inzwischen eine Mach-Mit-Partei innerhalb der Union gegründet hat, die sich ebenfalls um die Union unter Merkels Führung sorgt. Keine Empfehlung für die hochrangige Position.

Institutionalisierung des Kreises sei nicht tolerierbar

Das abhanden gekommene Mitteilungsbedürfnis des gläubigen Protestanten Wagner dürfte weniger am allseits verordneten Weihnachtsfrieden liegen als daran, dass der Mittelhesse mit Königsberger Wurzeln trotz jahrzehntelanger Erfahrung im Politikgeschäft gefährlich nah an die „rote Linie“ gekommen ist. Sein Fraktionsvorsitzenden-Kollege im Bundestag, Volker Kauder, warnte, dass eine Institutionalisierung jenes Berliner Kreises nicht mehr tolerierbar sei, die rote Linie würde damit überschritten. Mitstreiter Wagners wie Vertriebenen-Politikerin Erika Steinbach oder auch Wolfgang Bosbach wehren sich.

Solche Kritik dürfte Wagner aber zu denken geben. Immer noch aktiver Bergsteiger, ist der Jurist weder ein Phantast noch einer, der es sich leicht macht, aus sicherem (Alters)abstand drauf los zu wettern. Er will noch zwei Jahre Fraktionschef bleiben. Und er weiß, dass gerade die Jahrzehnte währende Einigkeit der Hessen-Union ihr letztendlich eine nunmehr schon elfjährige Regierungszeit im roten Stammland beschert hat.

Aber Wagner meint es auch Ernst und er ist kein Außenseiter in der Hessen-CDU. Dreigliedriges Schulsystem, die Wehrpflicht, ein tradiertes Familienbild liegen ihm am Herzen, alles Dinge, die der CDU unter Merkel nichts mehr Wert sind. Und dann auch noch der Atomausstieg, der die Rot-Grünen befeuerte. Nur schwerlich akzeptiert er, dass es keineswegs nur dem Zeitgeist geschuldet ist, wenn jüngere CDU-ler in Hessen heute anders denken und handeln als er. Es ist der Gang der Dinge.

Quelle: op-online.de

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