Gefährliche Hinterlassenschaft

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Gerhard Gossens, Leiter des hessischen Kampfmittelräumdienstes, zeigt mehrere Granaten aus den beiden Weltkriegen.

Darmstadt - Die 50.000 Luftbilder der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg sind für Gerhard Gossens von unschätzbarem Wert. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen dem Leiter des hessischen Kampfmittelräumdienstes die Bombenteppiche, die britische und amerikanische Piloten bei ihren massiven Angriffen damals hinterlassen haben. Von Joachim Baier (dpa)

Beispiel Kassel: „Ein Einschlag neben dem anderen“, sagt der 56-Jährige. „Zwischen 10 und 30 Prozent der Bomben sind nicht explodiert.“ Viel Arbeit für die Bombenentschärfer. Das Team aus fünf Experten ist zentral beim Regierungspräsidium Darmstadt angesiedelt.

Rund 120 Tonnen Bomben, Granaten und Minen holen die Männer jährlich in Hessen aus dem Boden. Vor 70 Jahren, am 1. September 1939, hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende liegen noch jede Menge gefährliche Blindgänger im Erdreich. Sie sind so verrostet und vergammelt, dass sie auch mal von ganz allein in die Luft fliegen. Selbst Munition aus dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) finden die Experten noch.

Mit dieser Altlast wird Deutschland noch lange leben müssen. Der Geschäftsführer der Schollenberger Kampfmittelbergung GmbH im niedersächsischen Celle, Thomas Wietfeldt, geht davon aus, dass die Bombenentschärfer in Deutschland „noch etwa 60 bis 100 Jahre“ zu tun haben werden.

Die Bilanz der Bombenentschärfer

Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg findet der hessische Kampfmittelbeseitigungsdienst immer noch Blindgänger.

Einige Zahlen:

120 Tonnen Munition werden jährlich in Hessen entsorgt.

50.000 Luftbilder der Alliierten geben Hinweise auf Blindgänger.

300 bis 400 Zufallsfunde gibt es jährlich.

50 bis 60 Bombenentschärfungen im Jahr.

50 bis 100 Kampfmittel werden pro Jahr an Ort und Stelle gesprengt.

Dass auch heute immer wieder Munition von früher gefunden wird, kann Gossens leicht erklären. „Die Städte werden größer, dehnen sich aus, es werden neue Baugebiete erschlossen.“ Blindgänger liegen in einsamen Gegenden, „wo noch nie einer gesucht hat“, und auch im Bereich militärisch wichtiger Ziele, wie etwa dem Frankfurter Flughafen. Dort war erst kürzlich zwischen den Terminals 1 und 2 bei Bauarbeiten eine etwa 30 Kilogramm schwere amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt worden.
Der Kampfmittelräumdienst sucht auf staatlichen Flächen auch selbst nach Blindgängern und hilft Firmen und Privatleuten. „Wir wollen nicht, dass die Blindgänger im Baggerlöffel gefunden werden.“ Das sei immer eine brenzlige Situation. Auch im beschaulichen Garten hinterm Haus kann es plötzlich gefährlich werden. In diesem Sommer legte ein Offenbacher eine intakte Granate frei. Kurz zuvor war im osthessischen Heringen eine Flak-Granate gefunden worden - auch in einem Garten.

Wenn etwas gefunden wird, liegen lassen und Polizei verständigen“, rät Gossens. Die wisse immer, wie die Entschärfer zu erreichen sind. Die Spezialisten seien auch schnell da. „Wir sind innerhalb von einer Stunde an jedem Ort in Hessen präsent.“ Eine Alarmierung koste nichts. „Wir sind auch nicht böse, wenn es kein Kampfmittel ist.“

Selbst bei kleiner Munition gehen die Entschärfer behutsam vor

Die Männer der Kampfmittelbeseitigung finden auch deutsche Munition. Flak-Stellungen, die in der Hektik des Kampfes aufgegeben wurden, gesprengte Bunker, wo die noch intakte Munition weiträumig durch die Gegend geflogen ist. „Da wurde hektarweise Gelände verseucht.“ Selbst bei kleinerer Munition gehen die Entschärfer mit äußerster Behutsamkeit vor. „Selbst eine verrostete Handgranate werden wir nicht durch die Gegend fahren“, schildert Gossens. „Wir arbeiten sorgfältig und vorsichtig. Draufgänger können wir nicht brauchen.“

Gossens Kollege Dieter Oppermann beschreibt es so: „Ein Entschärfer darf vor der Bombe Respekt haben, aber keine Angst.“ Für Geschäftsführer Wietfeldt ist „das Sicherheitsdenken das Entscheidende.“

Denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen bleibt das Entschärfen von Munition ein gefährlicher Job. „Mein Vorgänger und sein Vertreter sind bei einer Bombenentschärfung ums Leben gekommen“, sagt Gossens. Das hat sich ihm eingebrannt, den Tag weiß er sofort. „Am 10. August 1990.“

Von martialischem Auftreten hält Gossens nichts. Der Typ Bombenentschärfer, wie er im Kriegsdrama „Tödliches Kommando“ derzeit im Kino zu sehen ist, liegt ihm nicht. „Das ist Action. Dafür sind wir nicht zu haben, das machen wir nicht.“

Quelle: op-online.de

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