Prozess um die tödlichen Schüsse vor einem Rüsselsheimer Eiscafé

Gefühle nur beim Opfer

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Unendliche Trauer: Von einem Weinkrampf geschüttelt küsst Konstantinos Kagarakis im Verhandlungssaal ein Foto seiner toten Frau. Diese war bei der Schießerei zweier türkischer Familienclans in einer Eisdiele in Rüsselsheim als Unbeteiligte in die Schusslinie geraten und in den Armen ihres Mannes gestorben. Der gebürtige Grieche tritt als Nebenkläger auf.

Darmstadt - Als die drei mutmaßlichen Mörder zum Prozessbeginn gestern im Landgericht Darmstadt den Verhandlungssaal betreten, wird Konstantinos Kagarakis von seinen Gefühlen übermannt. Von Joachim Baier (dpa)

Der Witwer wird von Weinkämpfen geschüttelt und hebt verzweifelt die Hände. Für Staatsanwaltschaft Knut Happel sind die angeklagten Männer im Alter von 23, 29 und 32 Jahren die Hauptschuldigen einer Schießerei zwischen zwei türkischen Clans in einem Eiscafé in Rüsselsheim. Dabei starben im vergangenen August drei Menschen, auch die Frau des Griechen. Die völlig unbeteiligte 55-Jährige hatte in der Eisdiele neben ihrer Gastwirtschaft nur einen Cappuccino trinken wollen und war von einer verirrten Kugel getroffen worden. Ihr Mann ist einer der Nebenkläger.

Laut Staatsanwalt Happel haben die drei Angeklagten am Abend des 12. August mitten in der Fußgängerzone um sich geschossen, um die „Familienehre wiederherzustellen“. Sie sollen auch mit Schlagringen und Messern aufeinander losgegangen sein. Als Hintergrund wird ein Machtkampf unter Türstehern von Diskotheken im Rhein-Main-Gebiet vermutet. Zwischen den Gruppen habe es schon seit geraumer Zeit „Spannungen und Auseinandersetzungen“ gegeben, sagt Happel. Die schwer bewaffneten Männer hätten sich schon mit dem Ziel verabredet, „dass das Treffen einen gewalttätigen Verlauf nimmt“.

Der jüngste Angeklagte soll mit einem Messer 14-mal auf eines der Opfer eingestochen haben. Er war erst zwei Monate nach der Tat in Belgien gefasst worden. Happel sagte am Rande, Gerüchte über eine Verstrickung der Mafia hätten sich nicht bestätigt. An der Schießerei seien mehr Männer beteiligt gewesen. Sie würden gesondert verfolgt. Die drei Angeklagten seien die Hauptschuldigen.

„Das ist ein Prozess, der Emotionen weckt“,sagte der Staatsanwalt mit Blick auf die verfeindeten Familien. Deshalb galten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Zuschauer mussten sich doppelten Personenkontrollen unterziehen und kamen nur mit Platzkarten in den Gerichtssaal. Über dem Landgericht kreiste am Morgen schon mehr als eine Stunde vor Prozessbeginn ein Hubschrauber, Streifen patrouillierten vor dem Gebäude und hatten den Eingang im Blick. Im Gerichtssaal und auf den Gängen wachten zahlreiche Polizisten.

Die äußerlich cool wirkenden Angeklagten wurden hintereinander in Handschellen in den Saal gebracht. Sie machten Angaben zu Namen und Geburtsdatum, verweigerten aber weitere Einlassungen. Die Männer, von denen zwei Brüder sind, würdigten einander keines Blickes. Immer wieder mal schauten sie in Richtung Zuschauer und suchten Blickkontakt zu Verwandten und Freunden.

Vor und nach Verlesung der Anklage versuchten die Verteidiger mehrmals, den Prozess durch Anträge zum Platzen zu bringen. So monierten sie die Besetzung der Schöffen, kritisierten die ihnen zur Verfügung gestellten Prozessunterlagen als unvollständig und bemängelten die Platzkartenregelung. Die Kammer unter Vorsitz von Volker Wagner lehnte einige Anträge als unbegründet ab, bei anderen stellte sie die Entscheidung zurück.

Für den Prozess sind bis Ende Juli 16 Verhandlungstage geplant. Sachverständige und Dutzende von Zeugen sind geladen.

Quelle: op-online.de

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