Gegen-Uni oder „Hort der Irren“?

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Hier sieht es mehr nach Ort des Lernens als nach Party-Location für Nichtstuer aus: Blick ins Wohnzimmer des „Instituts“. - Fotos: dpa

Frankfurt - Sie haben prominente Unterstützer und potente Gegner, die Hausbesetzer im Frankfurter Westend. Von Sandra Trauner

Sie nennen sich „Institut für vergleichende Irrelevanz“, aber ganz so irrelevant kann die Sache nicht sein, wenn sich halb Frankfurt seit Monaten darüber die Köpfe heißredet. Das IVI ist eine Mischung aus linker Wohngemeinschaft, Gegen-Universität, alternativem Kulturzentrum und Partylocation - und seine Geschichte beginnt vor rund zehn Jahren.

Seit der Jahrtausendwende verlässt die Frankfurter Goethe-Universität nach und nach das traditionelle Uni-Viertel Bockenheim und bezieht einen neuen Campus rund um das IG-Farben-Gebäude: schicke neue weiße Räume, ein Park mit Wasserbassin, „der schönste Campus Deutschlands“.

Im Wintersemester 2002/2003 besetzten Studenten das leerstehende Haus im Kettenhofweg 130, in dem früher Anglistik und Amerikanistik gelehrt wurden. Sie nannten das Gebäude „Institut für vergleichende Irrelevanz“ - nach Umberto Eco, der ein solches Institut für seinen Roman „Das Foucaultsche Pendel“ erfunden hatte. Motto: „Kritisches Denken braucht Zeit und Raum“. Oder auch: „Theorie, Praxis, Party“. Das ging fast zehn Jahre lang gut.

Gebäude der Immobilienfirma Franconofurt

Dann verkaufte die Universität das Gebäude an die Immobilienfirma Franconofurt. Seither vergeht kein Tag, an dem das IVI nicht in den lokalen Medien auftaucht. Es geht um ausgebaute Türen und verbarrikadierte Fenster, um abgestelltes Wasser und überbrückten Strom, um falsche Namen und Sitzblockaden. Aber es geht auch um das Selbstverständnis einer Stadt, in der bei vielen beim Thema Hausbesetzer Erinnerungen an die 70er Jahre wach werden.

Sympatische Eindrücke in einem quasi enteigneten Haus.

Der Kettenhofweg liegt auf der anderen Seite der Senckenberganlage, die das teils heruntergekommene Bockenheim vom schicken Westend trennt. Zwischen den feudalen Gründerzeitvillen dort wäre der 50er-Jahre-Kasten mit seiner Fliesenfassade, den hohen Fensterbändern und den Glasbausteinen ein Fremdkörper, auch ohne Protest-Transparente am Balkon und Graffiti an den Wänden. Das Gärtchen vor dem Haus sieht aus wie zum Kindergeburtstag geschmückt.

Die behelfsmäßig zusammengezimmerte Eingangstür des IVI ist von innen verbarrikadiert, seit sie der neue Eigentümer im Mai ausbauen ließ. Oliver Sonnenschein (29) hebt Eisenstangen und Holzbalken aus den Verankerungen, um Besucher einzulassen, Bewohner und Stammgäste benutzen einen Nebeneingang. Der Jura-Student trägt einen Anzug, aus dem Untergeschoss dringt klassische Klaviermusik, die „Salons“ im ersten Stock gleichen Bibliotheken. Inszeniert kann das alles nicht sein, denn unser Besuch war nicht angemeldet.

Das IVI stehe allen offen

Das IVI stehe allen offen, „die unseren Grundkonsens akzeptieren“, sagt Sonnenschein, der zum festen Kern gehört, aber nicht im Kettenhofweg 130 wohnt: Kein Faschismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie, Ausbeutung - ein Kanon linker Werte, wenn auch extremer definiert: „Die meisten hier würden sich als linksradikal bezeichnen“, sagt Sonnenschein, der - wie alle hier - in Wahrheit anders heißt.

Sympatische Eindrücke in einem quasi enteigneten Haus.

Mit „weichgespülten“ politischen Positionen wie der bankenkritischen Occupy-Bewegung habe man nichts am Hut, erklärt der Student. Trotzdem gibt es im IVI Cola zu trinken, die Leute tippen an ihren Apple-Rechnern, das ganze IVI chattet und twittert und facebookt, schickt Rundmails und pflegt die Homepage - Hausbesetzung 2.0. „Konsum und Boykotte ändern nichts“, glaubt der Student. Was ändert denn was? „Tja, genau das versuchen wir herauszufinden.“

Etwa 15 Menschen leben derzeit fest in der Kommune, wenn größere Veranstaltungen sind - wie zuletzt eine Tagung über die „Möglichkeiten emanzipatorischer Kunst heute“ oder das Sommerfest am vorvergangenen Wochenende - kommen mehrere hundert Gäste. Einige Dutzend sind es bei den wöchentlich stattfindenden Treffen wie der Montagskantine, bei denen es günstiges Essen gibt, oder dem Bar-Abend „Kiosk“ am Mittwoch. Im ersten Stock des IVI gibt es ein „Atelier“, in dem Kunstausstellungen stattfinden.

Die provisorische Küche im obersten Stockwerk

Die provisorische Küche im obersten Stockwerk ist auch wieder betriebsbereit. Für den Abwasch muss eine Plastikschüssel genügen, die Herdplatten werden mit illegalem Strom betrieben. Im Juni waren eines Nachts Mitarbeiter des Strom- und Wasserversorgers angerückt. Sie gruben den Gehweg auf, um die Leitungen zu kappen. Die Besetzer trommelten ihre Leute zusammen. Die Arbeiter bekamen Angst und riefen die Polizei. Die Beamten klärten die „angespannte Situation.

Schon im Mai gab es erste Konfrontationen, als die neuen Besitzer die Eingangstür ausbauen ließen. Kurz darauf wurde das Büro der Franconofurt AG demoliert, Wände beschmiert, Scheiben eingeschlagen. Seither ist für Christian Wolf, den Chef der Immobilienfirma, der Ofen aus. Er wolle mit den Leuten dort nichts zu tun haben, sagt er, „die Zeit ist vorbei.“ Er verhandle nur mit normalen Menschen, „nicht mit Irren“. Aus Angst vor persönlichen Übergriffen wurden die Fotos der leitenden Mitarbeiter von der Homepage gelöscht, die Liste der rund 400 Objekte ist verschwunden.

Wieso kauft eine auf hochwertige Immobilien im Westend spezialisierte Firma so ein Haus, das - auch wenn es unter Denkmalschutz steht - von den meisten Menschen als hässlich empfunden wird, ziemlich heruntergekommen ist, und wo doch zu erwarten war, dass es Ärger gibt? „Es war sehr günstig“, sagt Wolf, und zudem gut gelegen. Er habe zwar gewusst, dass das Haus besetzt ist, „ich wusste aber nicht, dass sich dort die letzten Reste der RAF und sonstige Linksradikale verschanzt halten“.

„Die Polizei macht sich’s zu einfach“

„Die Polizei macht sich’s zu einfach“, schimpft Wolf, hält sich aus der Sache - noch - raus. Vergeblich habe man versucht, die Beamten dazu zu bringen, die Personalien der Besetzer festzustellen, damit man juristisch gegen sie vorgehen kann. Das Frankfurter Polizeipräsidium verweist auf die Justiz: „Da sind jetzt erstmal die Gerichte gefragt“, sagt Polizeisprecher Rüdiger Reges. Schließlich sei die Besetzung jahrelang geduldet worden, die Universität habe sogar Strom und Wasser bezahlt. Bevor die Franconofurt kein Räumungsurteil vorzuweisen habe, „kann die Polizei nicht helfen“.

Die Besetzer argumentieren auch mit Gewohnheitsrecht. Die Uni zahlte lange für Strom und Wasser.

Professor Axel Honneth, Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS), beobachtet das IVI „mit wachsender Sympathie“. Die Studenten nutzten die Räume „für die autonome Diskussion - das scheint mir ein sinnvolles Unterfangen zu sein“. Das IVI verstehe sich „mit einer gewissen Berechtigung“ als Gegen-Universität: „Man beschäftigt sich mit Themen und Theorien, die in der etablierten Universität keine angemessene Resonanz finden, und übt andere Diskussionsformen ein, die frei sind von der einseitigen Autorität der Lehre“.

Das IfS ist nicht nur räumlich nahe am Kettenhofweg 130. Auch geistig berufen sich die Besetzer und ihre Unterstützer bisweilen auf die Theorien der sogenannten Frankfurter Schule, die in den 60er und 70ern unter anderem von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer am IfS entwickelt wurde.

Honneth fände es gut, wenn die Uni Ersatzräume bereitstellt. Dort allerdings fühlt man sich seit dem Verkauf „nicht mehr in der Verantwortung“, wie Uni-Sprecher Olaf Kaltenborn betont. Es habe sich ja nie um ein Institut der Universität gehandelt, „sondern um ein seit 2003 illegal besetztes Haus“. Die meisten Besetzer seien übrigens gar keine Studierenden. Die Erlöse aus den Immobilienverkäufen kämen dem neuen Campus zugute.

„Wir gründen einen queer-feministischen Lesekreis“

„Sag mal, kommst Du noch zum Lesekreis?“, unterbricht eine junge Frau das Interview mit Sonnenschein. Was lest Ihr denn? „Wir gründen einen queer-feministischen Lesekreis“, sagt das Mädchen mit den asymmetrisch geschnittenen Haaren. Wer der Klaviermusik folgt, stößt im früheren Vorlesungssaal auf Manuel Bloch. Er kommt ins IVI, um zu üben. „Ich habe zu Hause kein Klavier“, sagt der junge Mann mit dem Zopf zwischen Beethoven und Chopin.

Im ehemaligen Hörsaal, in dem noch die Auditoriumsreihen stehen, ist jeden Montagabend „Plenum“. Hier wird diskutiert, wer rein darf und wer rausfliegt, welche Veranstaltungen stattfinden, über den Sinn des Lebens und den nächsten Kasten Bier, wann wieder Party ist und wie man die Nachbarn besänftigt, die mal wieder Unterschriften sammeln wegen des Lärms. Neuerdings häufig auf der Tagesordnung: die drohende Räumung. Irgendwann kommt die Polizei, das ist klar. Bis dahin aber wolle man kämpfen, sagt Sonnenschein: „politisch“. Und wie? „Wir wollen zeigen, dass wir relevant sind“.

dpa

Quelle: op-online.de

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