Psychologie

Wenn Kinder seelische Beschwerden plagen

Frankfurt - Die Sache, die sein Leben verändern sollte, begann kurz nach der Einschulung: Es gab plötzlich kleine Schäden im Haushalt. Kratzer im Parkett, Schnitte im Hemd des Bruders, rätselhafte Lackschäden am Wohnzimmerschrank. Von Michael Eschenauer

Die psychisch labile Mutter reagiert verheerend. Sie steigert sich in die Vorstellung, ihr siebenjähriger Sohn sei der Schuldige. Er trachte danach, durch die Beschädigungen die Familie zu zerstören. Es folgen Vorwürfe, Strafen, Isolation, das Verbot, bestimmte Zimmer zu betreten. Als er um Geld für seinen ersten Füllfederhalter bittet, muss Olaf B. eine gewisse Anzahl von Beschädigungen gestehen. Das Ganze geht über Jahre. Heute sagt B. von sich: „Ich habe niemals etwas Derartiges getan. Aber die ständige Angst in meiner Kindheit, es könnte wieder etwas passiert sein, haben mich zu einem angsterfüllten Jugendlichen werden lassen, der auch später jeden herannahenden Tag, ja seine gesamte soziale Umwelt als potentiell bedrohlich wahrgenommen hat."

Der Fall ist knapp 50 Jahre her, die Schäden, wenn sie denn nicht der Fantasie entsprangen, wurden nie geklärt. Heute hat die moderne Seelenheilkunde aus Schicksalen wie dem von Olaf B. gelernt. „Auslösende Faktoren für psychische Störungen bei Kindern, die auch im späteren Leben nicht mehr verschwinden, können psychisch kranke Eltern sein. Sie, ja die gesamte Familie, müssen in eine Therapie miteinbezogen werden.“ Professor Dr. Christine Freitag ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universitätsklinik Frankfurt und täglich mit derartigen „Schadensbildern“ konfrontiert. Zusammen mit Kollegen informierte sie jetzt über neue Therapiemodelle, mit denen die Frankfurter Klinikallianz - beteiligt sind das Klinikum Frankfurt-Höchst, das Krankenhaus Nordwest, die Universitätsklinik und das Hospital zum Heiligen Geist - helfen kann.

Hinter dem Bauchgrimmen steckten womöglich Angst

„Wenn Ihr Kind sich fortgesetzt einnässt, wenn es nicht aus dem Haus gehen und nicht mit anderen Kindern spielen will. Wenn Ess-Probleme und Schlafstörungen auftreten, das Kind häufig unter Infekten leidet und über Bauchweh oder Kopfschmerzen klagt, glauben sie nur nicht, dass sich das schon auswachsen wird“, sagt Dr. Wolfgang Merkle, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik am Hospital zum Heiligen Geist. Wichtig sei es, sich um derartige Dinge zu kümmern. Denn hinter dem Bauchgrimmen steckten womöglich Angst und Depression. „Es nutzt nichts, zu sagen ,da nimmt dich halt zusammen‘“, so Merkle. Denn das Leben sei leider nicht gerecht: „Stress in den ersten Lebensjahren führe eben nicht zu Abhärtung gegenüber Belastungen, sondern zu erhöhter Anfälligkeit.“ Im Klartext: Wer als junger Mensch zu oft Angst hat, wird sie auch später nicht mehr los.

Grund sind unter anderem Veränderungen des Gehirns durch die Dauerbelastung. Forscher haben festgestellt, dass gestresste werdende Mütter über eine erhöhte Ausschüttung des Hormons Cortisol das Gehirn ihres ungeborenen Kindes anfälliger für Angst und Depressionen werden lassen.

Fünf bis zehn Prozent der Kinder leiden an Angststörungen

Freitag, Merkle und Professor Dr. Dr. Eduard Becht, Chefarzt der Urologie und Kinderurologie am Krankenhaus Nordwest, halten es für wichtig, früh abzuklären, ob die immer wiederkehrenden Bauch- und Kopfschmerzen oder auch das in der Regel gut behandelbare Bettnässen keine organischen Ursachen haben. Sei dies nicht der Fall und sei die Situation in Schule oder Kindergarten ausreichend berücksichtigt, müsse man an die Köpfe der kleinen Patienten ran.

„Fünf bis zehn Prozent der Kinder in Deutschland leiden an Angststörungen, die sich in erster Linie körperlich äußern“, so die Wissenschaftler. Laut der World Health Organization (WHO) leide jeder fünfte deutsche Schüler an psychosomatischen Störungen. Gründe seien steigender Leistungsdruck, Angst vor Mitschülern oder Lehrern oder Trennungsängste.

„Unspezifische oder soziale Ängste oder die Dauer-Panik vor einer Trennung von den Eltern können zu schweren Entwicklungsstörungen führen“, weiß Freitag. Ein Besuch des Kindergartens könnten die Eltern dem Kind noch ersparen. Bei der Schule sei dies anders. Angst verhindere Lebenserfahrung, soziales Lernen, ja Freude am Leben.

Durch Gespräche die Angst relativieren

Im Kampf gegen die zum Teil angeborenen, charakterbedingten, aber auch durch das Lebensumfeld ausgelösten Ängste stehe den Ärzten der Klinikallianz eine Vielzahl an interdisziplinären Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, sagen die Mediziner. „Selbst bei diffusen und komplexen Ängsten sind rasche Erfolge möglich“, so Merkle und Freitag. Und das auch bei kleinen Patienten. So helfe man ihnen durch Gespräche, ihre Angst zu relativieren und zu verstehen. Gleichzeitig werden die Kinder und Jugendlichen den angstauslösenden Situationen kontrolliert, zum Beispiel in Rollenspielen, ausgesetzt. Handlungsbeziehungen lassen sich auch mit Tierfiguren nachspielen und so offenlegen. Gemeinsam versucht man die Neigung abzubauen, belastenden Situationen aus dem Weg zu gehen, und trainiert, körperliche Stress-Reaktionen gelassener wahrzunehmen. Wichtig angesichts der oft komplexen Ursachen sei, dass die Eltern sich nicht als die Schuldigen an den Problemen ihrer Kinder sehen, betont Freitag.

Jedes Kind, sagt Merkle, brauche vier Dinge: „Bindung an Bezugspersonen, das Gefühl, seine Situation kontrollieren zu können, die Sicherheit, etwas wert zu sein und eine Portion Lust und Freude.“ Kommt es hier zu Defiziten, ist der Arzt dran.

Für weitere Informationen: Ambulanz der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universitätsklinik,  069 6301-5920. kjp.ambulanz@kgu.de

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Hofschlaeger/pixelio.de

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