Wie gut geht es unseren Kindern?

Ein erfahrener Familienberater berichtet

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Schon kleine Kinder werden oft mit großen Problemen konfrontiert.

Offenbach/Dietzenbach -Viele Kinder hetzen von Termin zu Termin, weil ihre Eltern es mit der Förderung übertreiben. Auch zum Teil komplizierte Familienverhältnisse machen ihnen das Leben schwer. Hat die Jugend es immer schwerer? Nachgefragt bei Diethelm Sannwald.

Er arbeitet seit Jahren im Beratungszentrum der Diakonie im Kreis Offenbach.

Welchen Eindruck haben Sie: Mangelt es in unserer Gesellschaft an Achtung für Kinder?

Ich glaube nicht, dass es grundlegend an Achtung für Kinder mangelt, aber wir erleben immer wieder, dass Kinder von Erwachsenen häufig nicht ernst genommen werden. Eben weil sie noch Kinder sind und man davon ausgeht, dass sie keine fertigen Persönlichkeiten mit allen ihnen zustehenden Persönlichkeitsrechten sind. Dabei spricht die international verbindliche UN-Kinderrechtskonvention eine sehr deutliche Sprache, denn sie geht davon aus, dass Kinder vollwertige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten und insbesondere dem Recht auf Schutz und gute Aufwachsbedingungen sind.

In Ihren Beratungen machen Sie ganz andere Erfahrungen ...

Ja - wir erleben bei gestressten Eltern immer wieder einen auffälligen Widerspruch. Einerseits werden die Äußerungen, Wünsche und Willensbekundungen zumal kleinerer Kinder nicht so ernst genommen; auf der anderen Seite wird ihnen Absicht oder gar Böswilligkeit unterstellt, wenn sie opponierendes Verhalten zeigen oder einfach andere Bedürfnisse als die Eltern haben. Solche Eltern nehmen ihre Kinder dann nur im Negativen ernst, gestehen ihnen aber auf der anderen Seite keine positive eigene Position, keinen eigenen Willen als eigene Persönlichkeit zu . Das kann nicht gut gehen, denn die Kinder erleben dann, dass Individualität und Eigenständigkeit nur respektiert werden, wenn diese mit den Erwartungen der Eltern konform sind und ansonsten von ihnen bekämpft werden.

Was empfehlen Sie?

Aus meiner Sicht hat sich eine Haltung bewährt, die Kinder von Anfang an ohne Wenn und Aber als eigenständige Persönlichkeiten betrachtet, die ein Recht darauf haben, von Geburt an mit Respekt und Wertschätzung behandelt zu werden. Das klingt für manche Erwachsenen erst einmal befremdlich, ist aber in der Konsequenz eine Art Geheimrezept für gelingende Erziehung. Es bedeutet nämlich nicht, Kinder wie Erwachsene zu behandeln, sondern ihnen auf jeder Entwicklungsstufe mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen. Das sieht bei einem Baby selbstverständlich anders aus als bei einem Teenager.

Im Alltag ist das sicherlich nicht einfach. Welchen Eindruck haben Sie: Mit welchen Problemen kämpfen Kinder und Jugendliche derzeit vor allem?

Es gibt einige große Trends, die aus meiner Sicht die Aufwachsbedingungen von vielen oder gar von allen Kindern prägen. Der eine große Trend ist die sehr hohe Trennungs- und Scheidungsrate zumal in städtischen Ballungsräumen, die zur Folge hat, dass viele Kinder mit einem Elternteil oder in Patchworkfamilien aufwachsen. Beides muss nicht schlecht sein, birgt jedoch gewisse Risiken für die kindliche Entwicklung. Das fängt damit an, dass Trennungen der Eltern in der Regel sehr spannungsreiche Phasen vorhergehen, die sowohl für die Eltern als auch für die Kinder emotional eine große Belastung darstellen. Eltern sind in dieser Zeit häufig so mit sich und ihrem eigenen Erleben beschäftigt, dass nicht mehr so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung für die Kinder übrig ist. Erfolgt dann die Trennung, so ist diese nicht selten mit einem Bruch oder mit einem Einbruch der Beziehung zu einem Elternteil verbunden. Damit geht in der Regel auch ein Stück emotionaler Halt verloren, immer aber zerbricht die bis dahin vertraute Familienwelt.

Welche Hilfestellungen kann den Kindern gegeben werden?

Sie können dies gut bewältigen, wenn die neue Situation nach der Trennung stabil ist und zumindest ein Elternteil ihnen wieder unbelastet als emotionaler Halt zur Verfügung steht. Ist dies nicht der Fall, kommt es zur Überforderung der nunmehr alleine mit den Kinder lebenden Erziehungsperson oder zu Konflikten in einer neu gegründeten Patchworkfamilie oder zu Streit zwischen den getrennt lebenden Eltern wegen Umgangsfragen, dann gehen die Belastungen für die Kinder auch nach erfolgter Trennung weiter.

Und wie ist es mit der zunehmenden Virtualisierung unserer Lebenswelt?

Kinder und Jugendliche erleben dies nicht als problematisch. Trotzdem gilt: Sie hat enorme Auswirkungen auf ihre Entwicklung. Während bis vor nicht allzu langer Zeit die Lebenswelten von Erwachsenen und Kindern noch weitgehend getrennt waren, ist Kindern heutzutage per Knopfdruck oder Mausklick all das ohne jegliche Zeitverzögerung zugänglich, was man sich früher nur als Erwachsener mit einem gewissen Aufwand - oder einer gewissen Risikobereitschaft - beschaffen konnte. Ich denke da nicht nur an Pornografie oder Gewaltdarstellungen, sondern generell an Information, zumal in Bildform, die von Kindern nicht angemessen bewertet und verarbeitet werden kann, also für sie eine Überforderung darstellt. Kinder lernen schnell und sind heutzutage bereits im Grundschulalter oft versierter im Umgang mit elektronischen Gerätschaften als ihre Eltern oder gar ihre Großeltern. Gleichzeitig sind sie jedoch nicht in der Lage, all das angemessen einzuordnen und zu verarbeiten, was sie sich mit ihrem technologischen Geschick zugänglich machen. Wir haben es dann unter Umständen mit Kindern zu tun, die zum Beispiel im Alter von zehn Jahren schon alles gesehen haben, aber nicht über einen Baumstamm balancieren oder von einer Mauer springen können. Die sich häufig auch nicht in das Erleben und die Gefühle anderer Menschen einfühlen können.

Grundsätzlich: Sie setzen sich ja stets für mehr Gelassenheit in der Erziehung und ein Loslassen von Seiten der Erwachsenen ein. Müssen viele Eltern also noch dazulernen?

Das ist jetzt vergleichsweise leicht zu beantworten, denn das „Dazulernen“ kann ja nie schaden. Wenn wir noch einmal auf das anfangs erwähnte Konzept des Kindes als eigenständige Persönlichkeit zurückkommen, so steckt da eigentlich schon die Antwort drin. Wenn man nämlich davon ausgeht, dass bereits ein Baby eine Persönlichkeit mitbringt und zwar noch ein Winzling, zugleich aber ein vollwertiger Mensch ist; dann kann man als Eltern nämlich eine völlig andere Haltung einnehmen. Dann hat man nicht mehr die Vorstellung, dass man sein Kind wie eine Art menschliche Tonfigur nach den eigenen Vorstellungen oder irgendwelchen Idealen formen und es mit Wissen, Normen, Regeln und Einstellung füllen muss, bis es zum vollwertigen Erwachsenen wird. Nein, man betrachtet bereits das Kind im Mutterleib wie ein Samenkorn, aus dem im Laufe seines Lebens ein großer Baum entsteht. Und damit genau das passiert, reicht es völlig aus, für einen einigermaßen guten Boden zu sorgen, sowie für ausreichend Sonne und Regen. Das klingt jetzt vielleicht etwas poetisch, trifft aber meines Erachtens den Kern der Sache. Die Kunst besteht für Eltern darin, einen für den Entwicklungsstand ihres Kindes jeweils angemessene Mischung aus Haltgeben und Loslassen, Fördern und Fordern, Beschützen und Zutrauen zu finden. Eltern sind durch ihre Lebensgeschichte und ihre Beziehungserfahrungen geprägt. Das lässt sich nicht einfach abschütteln und macht es mitunter schwer, eine passende und gute Antwort auf die Frage nach dem Halten oder Loslassen zu geben. Nicht zuletzt deshalb gibt es Beratungsstellen, wie unsere, die Eltern dabei helfen möchten, gute Eltern zu sein.

Quelle: op-online.de

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