In die Gemeinschaft einschließen

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Auf dem Gelände des ehemaligen Frankfurter Pflanzenschutzamtes soll in den nächsten Jahren das Inklusions-Projekt „Gut Hausen“ der Lebenshilfe umgesetzt werden.

Frankfurt . ,,Es ist normal, verschieden zu sein. “ Mit diesem Slogan wirbt die Lebenshilfe Frankfurt für ihre Arbeit. Von Stefan Michalzik

Die Organisation, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, geistig behinderte Menschen in ihren Lebensmöglichkeiten zu unterstützen nimmt ihr fünfzigjähriges Bestehen in diesem Jahr nicht nur als Gelegenheit zur Rückschau, sie will vor allem zukunftsbezogene Projekte voranbringen.

Inklusion lautet heute das Leitwort. Um zu erklären, worum es dabei geht, erinnert Frank Mußmann, ehemals Präsident der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach und seit 25 Jahren Vorsitzender des Vorstands der Lebenshilfe, an die Art des Umgangs mit geistig Behinderten in der Nachkriegszeit. Die damaligen Verhältnisse erscheinen aus heutiger Sicht heraus haarsträubend. Die wenigen Behinderten, die das nationalsozialistische Vernichtungssystem überlebt hatten, wurden ausgegrenzt: Es gab keine speziellen Einrichtungen für ihre Bildung, Ausbildung und Betreuung. Ein holländischer UN-Beauftrager ist nach Mußmanns Kenntnis im Land umhergereist, um den Deutschen nahezulegen, dass es gilt, etwas für die Behinderten zu tun.

Mit Ferienfreizeiten fing es an

Es war dieser Hintergrund, vor dem im Jahr 1961 ein Kreis von Eltern in der Bergen-Enkheimer Alten Mühle die ,,Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind Frankfurt e.V.“ gegründet hat. Eine prägende Figur der Anfangsjahrzehnte – Vorsitzende ist sie nie gewesen – war Christine Heuser, die Mutter einer an Downsyndrom leidenden Tochter. In den ersten 25 Jahren ist die Arbeit von der Aufgabe gekennzeichnet gewesen, Einrichtungen für geistig behinderte Menschen zu schaffen. Anfänglich wurden Ferienfreizeiten organisiert; 1975 beteiligte sich der Verein gemeinsam mit den Praunheimer Werkstätten an der Gründung einer Wohnanlage in Bonames. In den achtziger Jahren haben die Frühförder- und Beratungsstelle und der Familienentlastende Dienst ihre Arbeit aufgenommen. 1991 wurde der erste integrative Kinderladen eröffnet und eine Krabbelstube. 1992 kam in der Alten Mühle, bis heute ein zentraler Ort für den Verein, die erste betreute Wohngemeinschaft hinzu, später weitere Wohnstätten wie das Christine-Heuser-Haus in Seckbach. Heute verfügt die Lebenshilfe über einen Jahresetat von sechs Millionen Euro und beschäftigt 200 Mitarbeiter.

Die Aufgabe, um deren Umsetzung es neuerlich geht, lautet Inklusion. Unter dem Vorzeichen der Integration, das damit abgelöst wird, ging es darum, überhaupt erst einmal qualifizierte Betreuungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Die Maxime dieser Einbeziehung ist es, behinderte Menschen von vornherein in die Gemeinschaft einzuschließen. Das entspricht auch den Anforderungen der 2009 in Kraft gesetzten UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die Strukturen, erläutert Frank Mußmann, müssen sich auf die Behinderten und seine Möglichkeiten einstellen.

Auch für das Projekt ,,Gut Hausen“ ist der Gedanke der Inklusion leitend. Auf dem zwischen den Frankfurter Stadtteilen Bockenheim und Hausen auf Bockenheimer Gemarkung gelegenen Gelände des ehemaligen Frankfurter Pflanzenschutzamtes, unmittelbar an der U-Bahn-Station Industriehof, will die Lebenshilfe ein neues Zentrum für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen errichten. Im vergangenen Jahr hat sie durch die Verschmelzung mit dem Verein ,,Gib mir Deine Hand“, der das Projekt nicht allein realisieren konnte, einen Erbpachtvertrag mit der Stadt für das 25 000 Quadratmeter große Gelände übernommen. Noch läuft das Genehmigungsverfahren, doch soll möglichst noch in diesem Sommer mit der grundlegenden Sanierung der bestehenden, auf das Jahr 1954 zurückgehenden Hofgebäude begonnen werden. Dort sollen auf einer Nutzfläche von tausend Quadratmetern die Ambulante Familienhilfe, der Fachbereich Freizeit und Reisen sowie die Geschäftsstelle untergebracht werden. Nächstes Jahr soll dann ein Neubau für eine integrative Krabbelstube errichtet werden.

Weitere Pläne: Hofgarten und Café

In den beiden vorhandenen Gewächshäusern, deren Sanierung im Jahr 2013 begonnen werden soll, könnten – in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen – winterfeste gärtnerische Arbeitsplätze für Behinderte entstehen. Zu den weiteren Plänen gehören die Einrichtung eines Hofladens und eines Cafés. 2014 oder 2015 wiederum könnte mit den Planungen und dem Bau einer generationsübergreifenden und behindertengerechten Wohnanlage an der nördlichen Seite der vorhandenen Bebauung begonnen werden.

Ein offener Charakter soll das Gelände prägen, zu dem Obstbäume und Wiesen gehören. Es soll, sagt Ekkehard Höllein, der Geschäftsführer der Lebenshilfe, durchaus auch im Sinne der Inklusion, allen Menschen offenstehen, etwa zur Naherholung. Höllein spricht von ,,einer Riesenaufgabe, die wir stemmen müssen“. Die Lebenshilfe ist für das Projekt ,,Gut Hausen“ auf die Hilfe von Spendern und Unterstützern angewiesen.

Am Sonntag, 21. August, feiert die Lebenshilfe Frankfurt ab 11 Uhr in der Alten Mühle Enkheim ihr traditionelles Sommerfest.

Weitere Infos zur Lebenshilfe gibt es auf ihrer Homepage 

Die Bilder der Künstler sehen Sie hier

Die Kosten für den ersten Teil der Bauvorhaben bis zur Sanierung der Gewächshäuser beziffert Höllein auf 2,5 Millionen Euro. 1,5 Millionen davon sind durch Geldgeber der öffentlichen Hand abgedeckt; eine Million fehlt noch. Es wird mit einer Kampagne um Spenden und die Unterstützung durch Firmen geworben. Hier kommt das Atelier Goldstein mit ins Spiel. 2001 hat die Lebenshilfe dieses Atelier für geistig behinderte Künstler im Bunker Goldstein eingerichtet, 2008 ist es in die denkmalgeschützte Remise des im Stadtteil Sachsenhausen gelegenen Kulturzentrums Fabrik eingezogen. Das Ansinnen: Es soll hier Kunst entstehen, die nicht mit dem Etikett ,,Kunst behinderter Menschen“ versehen wird, sondern für sich zu sprechen beansprucht. Die Künstler haben bereits in der Frankfurter Schirn und im Museum für Moderne Kunst ausgestellt, darüber hinaus auch deutschlandweit und international. Elf Künstler des Atelier Goldstein haben für die Spendenkampagne zum Gut Hausen Gemälde auf dem Untergrund von Plänen des Areals gestaltet. Diese Bilder werden als Kunstdrucke in Postergröße zum Verkauf angeboten. Der Erlös geht an die Lebenshilfe.

Quelle: op-online.de

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