Zehn Minuten reichen

Heimtückische Zecken

+

Frankfurt - Ein Stich kann reichen. Es ist der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus), der Naturfreunden gerade in der milderen Jahreszeit den Aufenthalt im Freien verleidet. Von Sonja Thelen

Denn er kann zwei ernste Krankheiten übertragen: die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) oder die Borreliose. Es war einer dieser schönen, sonnigen Tage im Sommer 2006. Evelyn Bachmann freute sich auf den Spaziergang im nahen Wald mit ihrer Mischlingshündin Castania. Es war warm. Die damals 43-Jährige hatte sich nur eine kurze Hose angezogen. Offenbar fühlten sich an diesem Tag auch die Zecken besonders wohl. Jedenfalls musste Evelyn Bachmann nach der Rückkehr aus dem Fell ihrer Mischlingshündin viele dieser spinnenartigen Tiere entfernen. Eine Zecke versuchte sich auch in der Wade von Evelyn Bachmann zu verhaken. „Aber bevor sie richtig reingebissen hatte, hatte ich sie schon weggemacht“, erinnert sich die heute 50-Jährige, die in Bürgstadt bei Miltenberg mit ihrem Mann ein Landhotel führt. Doch dieser kurze Moment des Kontakts hat ausgereicht, die Frau mit dem FSME-Virus zu infizieren. FSME steht für Frühsommer-Meningoenzephalitis.

Ein hierzulande irreführender Name. Denn er ist abgeleitet von der Taigazecke, die nur im Frühjahr und Frühsommer aktiv ist. Im Gegensatz zu den Zecken in Mitteleuropa, die ganzjährig angreifen können – ab einer Temperatur von sieben Grad. Das heißt, auch in einem milden Winter sollten Spaziergänger Obacht geben.

Bachmann war nicht geimpft

Evelyn Bachmann aber hatte nicht aufgepasst. Sie war nicht gegen FSME geimpft und trug auch noch eine kurze Hose. „Wie viele meiner Bekannten hatte ich gedacht, dass eine Impfung nicht nötig sei, wenn ich bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachte, beispielsweise auf den Wegen bleibe und nicht durchs hohe Gras gehe.“ Ihre leidvolle Krankheitsgeschichte hat sie eines Besseren belehrt. So hat sie mit anderen Leidensgenossen das bundesweite FSME-Netzwerk gegründet, setzt sich für Impfung vor allem in Risikogebieten und Aufklärung ein. Zwar ist die 50-Jährige jetzt lebenslang immun gegen die FSME - doch bis heute spürt sie die Spätfolgen der Hirnhautentzündung. Und doch sagt sie: „Ich habe Glück gehabt.“ In ihrem Netzwerk sind andere Betroffene, die unter Lähmungs- und Koordinationsschwierigkeiten leiden und teilweise sogar auf den Rollstuhl angewiesen sind.

Ungern erinnert sich Evelyn Bachmann an den Sommer 2006, als sie Monate mit der Hirnhautentzündung zu kämpfen hatte. „Vor allem mein Gedächtnis war extrem betroffen.“ Wie in vielen dieser Fälle zeigten sich auch bei ihr die Symptome erst einige Zeit nach dem vermutlichen Zeckenbiss.

Zecken: Die häufigsten Irrtümer

Das sind die häufigsten Irrtümer über Zecken

„Die ersten Anzeichen treten im Schnitt zehn Tage später auf“, erläutert Thorsten Lenhard. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe Neuroinfektiologie und Oberarzt an der Neurologischen Klinik der Universität Heidelberg. Der promovierte Mediziner arbeitet eng mit Professorin Uta Meyding-Lamadé, Chefärztin der neurologischen Klinik am Frankfurter Krankenhaus Nordwest, zusammen. Denn Südhessen mit den Landkreisen und Städten Bergstraße, Darmstadt, Darmstadt-Dieburg, Groß Gerau, Main-Kinzig, Odenwaldkreis sowie Offenbach zählt zu den FSME-Gebieten in Deutschland – ebenso wie weite Teile Süddeutschlands.

Evelyn Bachmann lebt in einem Risikogebiet, am Rande des Odenwalds. Einige Tage nach dem Zeckenbiss verspürte die Mutter zweier Töchter erste Kopfschmerzen. „Ich dachte zunächst, das sei eine Sommergrippe.“ In den nächsten Tagen verschlechterte sich ihr Zustand rapide. „Ich konnte kaum laufen, nicht richtig sprechen, keine Gedanken fassen.“ Mit Blaulicht kam sie in die Klinik, wo die Hirnhautentzündung diagnostiziert wurde. Drei Tage stand sie unter ständiger Beobachtung. „Ich kann mich gar nicht mehr richtig erinnern. Ich war wie weggetreten“, erzählt Evelyn Bachmann. Erst nach Tagen kam sie wieder zu sich. 14 Tage verbrachte sie in der Klinik. Neben den körperlichen Beschwerden kamen die seelischen hinzu. „Ich hatte einfach Angst, dass ich mich nicht erhole.“ Über Monate zog sich ihre Rekonvaleszenz hin. Sie war in einer Reha und konsultierte einen Heilpraktiker, der sie ganzheitlich behandelte. Noch heute, sieben Jahre später, ist sie schneller erschöpft und muss nach drei, vier Stunden Arbeit eine Pause einlegen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare