Das Geschenk der Alten

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Frankfurt - Alte Menschen kennen ihre Stadtteile. In Frankfurt sollen sie jetzt sogar den Stadtplanern helfen, die Viertel schöner zu machen. Von Michael Eschenauer

Eine gestern vorgestellte Studie der Goethe-Universität mit dem Titel „Hier will ich wohnen bleiben“ beweist diese Behauptung. Sie zeigt ferner, wie wichtig gute Nachbarschaft für „gesundes Altern“ ist. Entstanden als Forschungsarbeit einer Stiftungsprofessur der BHF-Bank, sei dies eine der umfangreichsten Feldstudien zu diesem Thema in Deutschland, sagte Frank Oswald, Professor für Interdisziplinäre Alterswissenschaft und Leiter der Studie. Er nannte das Wissen der alten Leute „ein Geschenk“.

Sein Team hat von 2010 bis 2012 fast 600 Frauen und Männer im Alter von 70 bis 89 Jahren in drei Frankfurter Stadtteilen darüber befragt, wie sie sich in ihrer Gegend fühlen. Sie wurden interviewt zu ihrer Lebens- und Wohnsituation und mussten Tagebücher über all das führen, was sie außerhalb ihrer Wohnung unternahmen.

Die Ergebnisse sind auch für andere deutsche Städte nutzbar“, sagte Oswald. Fazit: Der Stadtteil muss als der wichtigste Raum des Alltagserlebens für Senioren angesehen, er muss geschützt und bewusst gestaltet werden. Vier zentrale Erkenntnisse förderte die 200. 000 Euro teure Studie zutage.

Vier zentrale Erkenntnisse

Alte Leute sind weniger interessiert an Seniorengruppen und dafür speziell zugeschnittenen Freizeitangeboten. Sie schätzen eher das „Café bei Rewe“ oder die an südeuropäische Plätze mit Dorfbrunnen erinnernden zentral gelegenen Räume, wo man regelmäßig Bekannte antreffen kann. Außerdem sind sie oft an zentralen Orten in ihrem Stadtteil unterwegs, auch wenn sie dorthin etwas laufen müssen. Wichtig für Stadtplaner: Versorgungseinrichtungen und Treffpunkte, wie kleine Läden und Cafés, müssen gefahrlos zu Fuß erreicht werden können.

Bei der Auswertung von 10.000 zurückgelegten Wegen an 7000 Tagen zeigte sich, dass nur 17 Prozent der Senioren Bus oder Bahn nutzen, acht Prozent das Fahrrad nehmen, ein Drittel mit dem eigenen Auto fährt und 54 Prozent zu Fuß unterwegs sind. Die Forscher raten zum Abbau von Barrieren, zur Entschleunigung des Verkehrs, machen sich aber auch für die Erhaltung preisgünstigen Wohnraums stark.

Alte Menschen sind „beständige und kritische Nutzer sowie Kenner ihres Quartiers“, so Oswald. Dies ist kein Wunder, denn die meisten von ihnen wohnen hier seit über 45 Jahren und wollen so lange wie möglich bleiben. Gleichzeitig sind die alten Leute durchaus in der Lage, mehr zu den Veränderungen in ihrem Stadtteil zu äußern, als dass „früher alles besser war“. Oswald und seine Forschergruppe wurden mit sehr differenzierten Stellungnahmen konfrontiert. Diese Kompetenz gelte es in Zukunft besser zu nutzen, so der Alterswissenschaftler. Er will verstärkt dafür sorgen, dass ältere Menschen in die Frankfurter Stadtplanung einbezogen werden. Dies müsse nicht unbedingt nur im Rathaus geschehen, sondern könne die Aktiven vor Ort sowie Vereine und Verbände beteiligen.

Wissen, was vorgeht

Alte Menschen sind nicht nur interessiert an Versorgungssicherheit und Sicherheit allgemein, sondern auch und speziell an Kontakten zu anderen Menschen und an einem Gefühl der Verbundenheit mit dem Stadtteil und seinen Bewohnern. „Sie wollen wissen, was vorgeht“, so Oswald. Dieses Eingebundensein habe erkennbare Auswirkungen auf Optimismus und Wohlbefinden, zumindest lindere es die unvermeidbaren Beschwerden des Alters.

Hohes Alter muss nicht mit Einsamkeit verbunden sein. Zwar wächst mit dem Alter das Einsamkeitsrisiko. Die Studie zeigte aber auch, dass das Gefühl, aktiver Teil einer Nachbarschaft zu sein und sich einbringen zu können, die Einsamkeit mildert.

Überraschend sei, so der Alterswissenschaftler, dass es nicht immer die „teuren Dinge“ sind, die viel für ein gutes Gefühl im Alter bringen, wie zum Beispiel Senioren-Trimmanlagen, die neuerdings allenthalben sprießen. Er nannte als Beispiele für preisgünstigere Verbesserungen die gekonnt plazierte Parkbank, die Verschönerung eines nahen Waldwegs oder die Umgehungsmöglichkeit einer hohen und für alte Menschen beschwerlichen Straßenbrücke.

Die Studie soll nun bundesweit den Verbänden der Städte und Gemeinden vorgelegt werden. Und Dietmar Schmid, Vorsitzender der BHF-Bank Stiftung versprach, genau hinzuschauen, ob die Stadt Frankfurt Kooperationswillen zeige. „Wir dürfen als Stifter auch mal ruppig werden“, so Schmid.

Quelle: op-online.de

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