Geschichten auf der Haut

Frankfurt - Alle paar Meter hängen entblößte Leiber auf Stühlen oder liegen verkrümmt auf schwarzen Matratzen. Immer wieder verzerren Gesichter zu schmerzerfüllten Grimassen. Von Domenico Sciurti

Pin-Up Girls rekeln sich lasziv auf Plakaten an den Wänden, auf Fotos sind Körperteile zu sehen: Arme, Beine und Torsos. Auf der internationalen Tattoo-Convention in Frankfurt herrscht gute Laune. „Tattoo-Szene & Künstler aus den USA“, ist das diesjährige Motto. Das Treffen der Stecher steht unter den 50 Sternen der mittelamerikanischen Flagge. Viele Tätowierer sind in Hessen zu Besuch. Aber nicht nur aus den Vereinigten Staaten sind sie gekommen, auch aus Neu-seeland, Tahiti, Thailand, Japan, Russland, Singapur, Ungarn, Frankreich, Italien, Mexico, Borneo, Samo, Mexico, Südafrika und vielen anderen Ländern.

Aus allen Teilen der Welt sind sie extra angereist, über 600 Tätowierer, um sich auszutauschen, die neusten Trends in Erfahrung zu bringen und natürlich auch ihre Kunst am Manne und den vielen Frauen, die die Messe besuchen, zu verwirklichen. Aber nicht nur Tattoo-Macher sind vertreten. Über 40 Schmuck-, Textil-, Kunst- und Zubehör-Händler verkaufen alles, was zum Körperkult gehört.

Bilder von der Tattoo-Convention

Geschichten auf der Haut

Detlef Hahn ist seit der Geburtsstunde der Frankfurter Tattoo-Messe dabei. Der 52-Jährige moderiert zum 19. Mal das Begleitprogramm auf der hiesigen Veranstaltungsbühne inmitten der großen Halle. Zuvor war er schon auf der Convention in seiner Heimatstadt Berlin tätig. „Von 60 bis 70 Tätowierer bei der ersten Veranstaltung sind wir nun auf über 600 gewachsen“, sagt er. „Tattoos haben eine starke Breitenwirkung“, ergänzt er, „wie damals schon die Jeans.“ Die anrüchige Arbeitskleidung der Landbewohner wurde zum modischen Massenprodukt, jetzt seien Tattoos der Trend. „Früher verewigten Seeleute ihre Lebensgeschichte auf der Haut, heute lassen sich die Menschen alles Mögliche stechen“, sagt Hahn.

Und so ist es in der Tat: Jason aus Ohio ist besonders mutig. Er lässt sich von Ureinwohnern Neuseelands tätowieren. Nicht etwa mit einer elektrischen Maschine, sondern in ursprünglicher Manier: An einem Stock steckt eine Nadel quer, mit einem anderen Stock haut der Neuseeländer darauf, so dass die Nadel in die Haut sticht. Er möchte ein kreisförmiges Zeichen, dass die Transformation vom Jungen zum Mann symbolisiert.

Tattoos für Juristen manchmal hinderlich

Tamara Hell ist Verkäuferin und Model, ihr ganzer Körper ist voll mit den permanenten Bemalungen. Dass sie so auffällig ist, behindere sie im Alltag nicht. „Mir gefällt es einfach“, sagt sie und lächelt. Carlin sieht das anders. Sie hat nicht ganz so viele Tattoos wie Tamara. „Aber als Juristin kann das manchmal hinderlich sein.“ Ob sie‘s wieder machen würde, weiß sie nicht.

Phillip Schäfer lässt sich gerade sein erstes Tattoo stechen. „Irgendwo muss ich ja anfangen“, sagt der 26-Jährige. Dass es ein riesiger Buddha-Kopf ist, der fast den ganzen Rücken bedeckt, verblüfft da schon ein wenig.

Birgitt ist bedachter: Sie lässt sich einen Delphin auf die Schulter stechen. „Das hat eine Vorgeschichte“, sagt die Blondine. Sie sei mit einer Gruppe in einem Delphinbecken geschwommen, dabei kamen die Tiere ständig nur zu ihr. Ein halbes Jahr später bekam sie die Diagnose: Multiple Sklerose. Heute sitzt sie im Rollstuhl. „Die Delphine mussten es schon geahnt haben“, sagt sie.

Vor allem die Tätowierer trumpfen mit viel Farbe auf der Haut auf. Jeder hat hier seine eigene Handschrift. Formen, Motive und Farben variieren stark. Auch der Hals von William aus Spanien ist bis zu den Ohren voll gemalt, seine linke Hand ziert ein buntes Drachengesicht. Er sagt: „Tattoos suchen Dich aus, nicht Du die Tattoos.“

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Sciurti

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