„Gesetz mit zu heißer Nadel gestrickt“

Offenbach - Mit großem Aufwand setzt Hessen die verpflichtende Vorsorgeuntersuchung für Kinder um. Doch es gibt Kritik an der Effizienz der Maßnahme. So äußert der Wiesbadener Sozialdezernent Arno Goßmann (SPD) massive Zweifel und löst damit eine Debatte aus. Von Peter Schulte-Holtey

Wir haben keinen einzigen Fall gefunden, bei dem uns die Meldung der versäumten Vorsorgeuntersuchung auf die Spur eines vernachlässigten Kindes gebracht hätte, bei dem das Jugendamt nicht schon vorher tätig war“, zitiert ihn der Sender hr-iNFO. Die Sozialarbeiter hätten eine erhebliche Mehrarbeit gehabt, um verärgerte Eltern zu beruhigen. Und Wiesbaden sei keine Ausnahme, berichtet Goßmann, der auch Vorsitzender im Ausschuss für Soziales und Integration im Hessischen Städtetag ist.

Gesundheitsminister Jürgen Banzer (CDU) meint, Hessen betreibe „einen Riesenaufwand“, aber er sehe keine andere Möglichkeit, „auf die ganz wenigen Fälle zu kommen, bei denen wir intervenieren müssen“. Als erfreulich bezeichnet es der Minister, dass Freunde und Nachbarn immer weniger weghörten, „wenn ein Kind weint oder schreit oder sie irgendwelche Szenen mitbekommen“. Vom Verband der Kinder- und Jugendärzte wird darauf hingewiesen, dass man nun eine Teilnahme von Eltern mit Kindern im Alter von drei Monaten und fünf Jahren von mehr als 99 Prozent erreicht habe; zuvor seien je nach Altersgruppe nur 80 bis 90 Prozent zu einem Kinderarzt gekommen.

Eine differenzierte Einschätzung kommt vom Offenbacher Kinder- und Jugendarzt Dr. Matthias Gründler. Auch er lobt die wesentlich höhere Quote der Früherkennungsuntersuchungen im Bundesland. Zudem sorge allein die Existenz des hessischen Gesetzes dafür, dass „eventuelle Problemfamilien nicht mehr so leicht wie früher ihre gefährdeten Kinder uns Kinder- und Jugendärzten oder auch Hausärzten entziehen können“, erklärt er. Andererseits sieht auch Gründler den enormen finanziellen Aufwand:

Fehler des Systems

Dieser steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen.“ Mit Blick auf die Angaben aus Wiesbaden sagt er: „Auch in Offenbach sehen die Zahlen vergleichbar aus. Ein Ex-Mitarbeiter des Jugendamtes hatte fast identische Zahlen dem ,Runden Tisch Kinderschutz' für das Jahr 2008 vorgelegt.“ Und der Facharzt aus Bürgel berichtet aus seiner Praxis: „Auch wir werden immer wieder mit Fehlern dieses Systems konfrontiert. Teilweise führen diese zu ernsten Konflikten und Betroffenheit von zu Unrecht beschuldigten Eltern; gerade vor einigen Tagen wurde sogar ein Kindes entzug aufgrund falscher Dokumentation angedroht.“

Gründlers Fazit: „Das Gesetz ist mit zu heißer Nadel gestrickt worden.“ Eine kritische Beurteilung durch die Jugendämter und durch die anderen betroffenen Stellen sei nun geplant und sehr wünschenswert. Die Öffentlichkeit sei tatsächlich sensibilisiert worden, das Gesetz sollte nicht abgeschafft werden. Zugleich besteht für den Kinderarzt aber Bedarf für Verbesserungen: „Nach wie vor sind die Kleinsten der Kleinen - im Alter unter drei Monaten - in diesem System nicht berücksichtigt worden“, rügt Gründler und fügt hinzu: „Meiner Ansicht nach sollte entsprechend dem sogenannten ,Dormagener Modell' auch in Hessen der obligate Hausbesuch durch Mitarbeiter des Jugendamtes oder Familienhebammen bei allen Familien mit Neugeborenen durchgeführt werden, um die Prävention noch effektiver zu verbessern.“

Quelle: op-online.de

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