Fall Halit Yozgat

NSU-Mord in Kassel: Es gibt noch viele offene Fragen

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Victor Hernandéz, der schon zur Tatzeit im Haus Holländische Straße 82 in Kassel wohnte, ist mit einem Bienen- und Honigladen in die Räume des früheren Internetcafés gezogen. „Bienen sind ein Symbol fürs Leben. Das zeigt, dass an einem Ort des Schreckens auch etwas Schönes wiedererstehen kann“, sagt er.

Kassel - Halit Yozgat aus Kassel war 2006 mutmaßlich das letzte Opfer der NSU-Morde gegen Migranten in Deutschland. Von Timo Lindemann

Auch zehn Jahre später ist das Verbrechen nicht aufgeklärt – und es fehlt die Antwort auf die Frage, welche Rolle der Verfassungsschutz bei dem Fall gespielt hat. Holländische Straße 82 in Kassel, zehn Jahre nach dem Mord am Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat: Die verblichene Leuchtreklame fehlt, der Zigarettenautomat ist abgehängt, die Wand neu gestrichen und über dem Eingang prangt nun eine große gemalte Biene. „Bienen sind ein Symbol fürs Leben. Das zeigt, dass an einem Ort des Schreckens auch etwas Schönes wiedererstehen kann“, sagt Victor Hernandez. Der Hobbyimker hat das Geschäft gekauft und eröffnet dort in Kürze einen Laden für Honig und Wissenswertes über Bienen und Imkern – seine „Bienothek“.

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Die Adresse hat eine bewegte Geschichte: Dort wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat in seinem Internetcafé erschossen. Zunächst gingen die Behörden von Drogengeschäften als Hintergrund aus, auch die Familie stand unter Verdacht. Seit 2011 aber steht fest, dass er von den Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) getötet wurde. „Gegen 17 Uhr wurde er mit zwei Schüssen aus einer schallgedämpften Pistole in den Kopf erschossen“, sagt Anwalt Alexander Kienzle, einer der Rechtsbeistände, die Halits Vater Ismail im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München vertreten. Zunächst habe Halit Yozgat noch gelebt, sei aber später gestorben. „Ich war der erste, dem der Vater in die Arme lief, nachdem er seinen Sohn gefunden hatte. Er schrie nur: Mein Sohn!“, erzählt Hernandez, der schon lange in dem Haus lebt.

Es war der neunte und letzte Akt einer Mordserie an Kleinunternehmern ausländischer Herkunft in Deutschland seit dem Jahr 2000. Sie wird den Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugerechnet. Hauptangeklagte im NSU-Prozess ist Beate Zschäpe. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr Mittäterschaft an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen des NSU vor. Bis auf den Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter im Jahr 2007 gelten die Taten durchweg als rassistisch motiviert.

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Doch für die Kasseler Tat gibt es eine Besonderheit: Zum Tatzeitpunkt war ein Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz in dem Internetcafé. „Er will nichts mitbekommen haben und verschwand und hat sich nicht bei der Polizei gemeldet“, sagt Kienzle. Anschließend gab das Landesamt seinem Mitarbeiter vor, wie er sich gegenüber der Polizei verhalten sollte. Die Ermittler sollten keinen Einblick in die Arbeit des Mitarbeiters bekommen, der Spitzel unter Islamisten, den türkischen Grauen Wölfen und Neonazis führte.

Schockierend klingt ein Satz des Geheimschutzleiters der Behörde an den Mitarbeiter Andreas T. vom 9. Mai 2006: „Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.“ Dies lässt sich so lesen, als habe T. gewusst, dass etwas passieren würde in dem Internetcafé. Der Verfassungsschützer war nach eigenen Angaben zufällig in dem Café, weil er privat im Internet surfte.

„Wir stehen vor dem Problem, dass uns nicht alle Akten bekannt sind und nicht alle Zeugen vernommen werden dürfen. Es deutet in die Richtung, dass das Landesamt Einfluss genommen hat auf die Ermittlungen“, betont Anwalt Kienzle. Dies sei besonders für die Hinterbliebenen des getöteten Halit Yozgat schwer zu verstehen und erschüttere ihr Vertrauen in den Rechtsstaat.

Bilder

„Die Ungewissheit ist noch nicht beseitigt. Die Familie erwartet, dass die Umstände der Straftat aufgeklärt werden.“ Auch die Rolle des Verfassungsschutzes gehöre zum Aufklärungsinteresse und zur Aufarbeitung des Falls. „Auf ewig wird das Landesamt die Zusammenhänge nicht verschlossen halten können“, sagt Kienzle. Bislang kämpfe er noch gegen zurückgehaltene und geschwärzte Akten. Auch ein Landtagsausschuss in Wiesbaden will die Hintergründe der Kasseler Tat untersuchen. Den hessischen Behörden werden bei den Ermittlungen erhebliche Fehler angelastet.

Nach dem Verbrechen wurde das Internetcafé geschlossen. Es folgte ein Geschäft für An- und Verkauf, lange stand der Laden dann leer. Hernandez kaufte 2015 das Geschäft und sanierte es. Auf dem Dach des Hauses stehen nun zwei Bienenstöcke, insgesamt hat er bald 70 Völker in verschiedenen Stadtteilen Kassels. „Ich ernte pro Stadtteil. Jeder schmeckt da einen Unterschied.“

An die Tat vor zehn Jahren erinnert in der Holländischen Straße 82 derzeit nichts mehr. „Irgendwas werden wir machen, und wir werden es benennen, draußen auf der Straße, wo es öffentlich zugänglich ist. Man darf das nicht verschweigen“, sagt Hernandez. Es soll aber keine Gedenkstätte werden. Die gibt es bereits am Halitplatz, der nach dem Opfer benannt wurde. Dort, unweit des Tatortes, ist für heute eine Gedenkfeier geplant. (dpa)

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Quelle: op-online.de

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