Pennäler in Alsdorf können länger schlafen – mit Rücksicht auf die innere Uhr

Gleitzeit jetzt auch in der Schule

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Der Münchner Chronobiologe Professor Till Roenneberg ist sich sicher: Viele Schüler sitzen völlig übermüdet im Unterricht. Die innere Uhr der Kinder ticke anders, vor allem für die ab 14-Jährigen sei der Unterrichtsstart gegen 8 Uhr viel zu früh. Insgesamt könnten viel bessere Leistungen erzielt werden, so der Experte, wenn die Kinder morgens ausschlafen würden.

Alsdorf/Offenbach - Halb schlafend in die Schule - bei Jugendlichen kein Wunder: Ihre innere Uhr tickt anders. In einem Gymnasium bei Aachen gibt es Gleitzeit für Schüler.

Andere Schüler könnten glatt neidisch werden: Oberstufenschüler des Gymnasiums in Alsdorf bei Aachen dürfen länger schlafen, wenn sie wollen. Sie können wählen, ob sie direkt zur ersten Stunde um 8 Uhr kommen oder zur zweiten gegen 9 Uhr. „Super cool, wir können ausschlafen“, ist Schulsprecher Lars Meyer kurz nach dem Start immer noch begeistert. Als erste Schule in Deutschland gehe das Alsdorfer Gymnasium auf die innere Uhr von Jugendlichen ein, stellt der Chronobiologe Professor Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München fest. Die tickt nämlich anders als bei Erwachsenen, erklärt er: Bei der Synchronisation mit dem Tag-Nacht-Rhythmus geht die innere Uhr der meisten Jugendlichen etwa bis zum 20. Lebensjahr nach. Sie können erst später einschlafen. Müssen sie entgegen ihrer biologischen Uhr schon um acht in der Schule sein, entsteht ein „sozialer Jetlag“.

Drei Viertel der Jugendlichen hätten damit zu kämpfen, sagt Roenneberg: Die Schüler sitzen dann halb schlafend im Unterricht. Außerdem fällt der wichtige Anteil des Schlafes, der das erlernte Wissen vom Vortag konsolidieren soll, weg. Die Wissenschaft fordert demnach seit zehn Jahren einen späteren Unterrichtsbeginn. Das wird auch in der Politik gehört. Für einen späteren Unterrichtsbeginn müsse es einen Wandel in der Wirtschaft geben, hatte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) bereits im vergangenen Jahr dem „Der Spiegel“ gesagt. Nach Einschätzung von Eltern passe ein späterer Schulbeginn nicht zur Arbeitswelt, erläuterte sie. Aber in die Lebenswelt der Jugendlichen: „Die erste Stunde war immer eine Quälerei für mich. Ich war noch nicht richtig wach“, erzählt der 17-Jährige Luca Diehr in Alsdorf. Jetzt kommt er meistens erst zur zweiten Stunde und fühlt sich fit. Natürlich gibt es auch Schüler wie Milena Kandetzki (17): „Ich habe kein Problem früh aufzustehen und komme immer zur ersten Stunde.“ Geht natürlich auch, ist aber die Minderheit.

Dass die „Gleitzeit“ in Alsdorf organisatorisch möglich ist, hängt mit dem besonderen Unterrichtskonzept zusammen, wie Schulleiter Wilfried Bock sagt. Unterrichtet wird dort nach dem Dalton-Plan der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst. Neben den herkömmlichen Stunden können sich die Schüler pro Woche zehn Unterrichtsstunden selbst einteilen, um gestellte Aufgaben eigenständig zu lösen. Dabei arbeiten Schüler aus unterschiedlichen Klassen und Jahrgängen insgesamt zwei Stunden am Tag bei einem Lehrer ihrer Wahl. Sie entscheiden selbst, mit wem sie arbeiten und woran. Joelle und Julia, beide 16, sind an dem Morgen schon zur ersten Stunde gekommen und machen zusammen Biologie, andere machen im selben Klassenraum Englisch oder Mathematik. Wenn die Stunde rum ist, bekommen sie dafür vom Lehrer einen Stempel.

Luca Diehr fällt nicht ein, so früh zu kommen, er schläft lieber aus und holt den Unterricht in Freistunden nach: „Früher haben wir in den Freistunden Karten gespielt, jetzt arbeitet man und kann dafür länger schlafen.“ Wie verändert sich der Schlaf der Schüler durch die Umstellung, fragt Wissenschaftler Roenneberg. Er hat die Einführung der „Gleitzeit“ mit seinem Team wissenschaftlich begleitet, von 125 der 250 Alsdorfer Oberstufenschüler Daten vorher und nachher erhoben. Das Ergebnis der Auswertung wird im Sommer erwartet. Klar ist aber bereits, wie erste Teilergebnisse zeigen: Nicht einmal sieben Stunden schliefen die Schüler im Schnitt. Eindeutig zu wenig. Zehn bis zwölf Stunden gelten für Jugendliche als optimal. Roenneberg macht deshalb immer wieder Front gegen den jetzigen frühen Schulbeginn.

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In zahlreichen Interviews führte er dazu aus, das bei kleineren Kindern die innere Uhr zunächst „früh dran“ sei, sie seien also im Durchschnitt frühmorgens wach und fit. Doch dies verschiebe sich im Laufe der Kinder- und Jugendzeit, bei Mädchen bis zum Alter von etwa 19 Jahren, bei Jungen bis 21 Jahren. Roenneberg folgert daraus, dass Teenager „teils während ihrer inneren Mitternacht am Unterricht teilnehmen“ müssten. Dadurch sackten auch die Leistungen stark ab, der Zeit-Experte spricht daher immer wieder von einer „echten biologischen Diskriminierung“ der betroffenen Pennäler, die auch ihre Karrierechancen vermindern könne. Im ZDF verwies Roenneberg gestern auf England, wo bereits überlegt werde, den Schulstart von 9 auf 10 Uhr hinauszuschieben und fragte: „Wir Deutschen sollen das nicht können?“

dpa/ad

Quelle: op-online.de

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