Besuch bei den Glockenmonteuren

Die Glöckner von Frankfurt

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Die Glockenspezialisten Günter Musholt (rechts) und Christian Kerkhoff wissen: Das Frankfurter Stadtgeläut ist weltweit einzigartig.

Frankfurt - Die Kirchtürme der Stadt sind ihr Arbeitsplatz, das Schlagen der Klöppel die Musik ihrer Montagefahrten: Günter Musholt und Christian Kerkhoff prüfen und steuern die Glocken, die sich viermal im Jahr zum Großen Stadtgeläut vereinen.

Am Heiligen Abend um 17 Uhr, also heute, wird das einzigartige Konzert wieder erklingen. Alle Jahre wieder vereinen sich in Frankfurt die Glocken der zehn Innenstadtkirchen zum Großen Stadtgeläut. An Ostern, zu Pfingsten, am ersten Advent und am Heiligen Abend. Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit reisen Günter Musholt und Christian Kerkhoff aus dem 300 Kilometer entfernten Gescher in Westfalen an, um in den Kirchtürmen der Stadt nach dem Rechten zu sehen. Glockenmonteure bei „Petit & Gebrüder Edelbrock“ sind die beiden, einer Glockengießerei mit über 300-jähriger Tradition. Seit über 40 Jahren lässt die Stadt ihre Kirchenglocken von den Spezialisten aus Westfalen prüfen. Schlägt der Klöppel richtig an? Falls nicht, kann die Glocke keinen reinen Ton produzieren. Sitzen alle Schrauben fest? Was ist mit den Lagern, der Mechanik, den Antriebsmotoren?

Um die Geläute zu inspizieren, braucht es gute Nerven und Ausdauer. In der Paulskirche steigen Musholt und Kerkhoff sieben Stockwerke über ein aus Holz gezimmertes Treppenhaus in den Kirchturm empor. „Harmlos“, sagt Musholt. „Im Dom geht es über eine Spindeltreppe nach oben und jede Stufe ist anders.“ Im Gepäck haben sie lichtstarke Lampen, Werkzeug, eine neue Klöppelkappe für eine der sechs Glocken der Paulskirche. Bei der letzten Inspektion stellten die Monteure fest, dass eine der Kappen - sie verbindet den Klöppel mit der Glocke - gerissen war. Die wollen sie nun austauschen. Um an den Klöppel zu gelangen, müssen sie eine Holzplanke über die Balken des Treppenhauses legen. Darunter: nichts als Luft. Kerkhoff lacht: „Höhenangst dürfen wir nicht haben.“ Schwache Arme auch nicht. Manche Schrauben, die sie bei ihrer Arbeit nachziehen oder lösen müssen, sind dick wie Schiffstaue. „60er Schlüssel braucht man da“, sagt Musholt. Allein der Klöppel einer Glocke kann mehrere hundert Kilo wiegen. Der Bau einer Glocke und ihre Wartung sind uraltes Handwerk. „Gegossen wird auch heute noch wie von Schiller in seinem Gedicht beschrieben“, erklärt Musholt.

Geläutet wird heute allerdings nicht mehr von Hand. Computer, kleine, unscheinbare Kästen in den Treppenhäusern der Kirchtürme, sind die Dirigenten des Großen Stadtgeläuts. Nur in der Nikolaikirche wird der Startschalter von Hand gedrückt. „Wir programmieren die Computer jedes Jahr wenn wir die Glocken warten. Sie regeln das Geläut dann das ganze Jahr über.“ Die Frankfurter lieben ihr Stadtgeläut, einige sind echte Spezialisten, die sich bei einem Missklang sofort beschweren. Gut eine halbe Stunde dauert das Konzert: Den Auftakt bildet fünf Minuten vor seinem eigentlichen Beginn die Bürgerglocke der Paulskirche. Es folgen die Katharinenkirche, die Liebfrauenkirche, die Peterskirche und die Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster. Auch die Leonhardskirche, die Kirche am Karmeliterkloster, die Alte Nikolaikirche am Römerberg und die Sachsenhäuser Dreikönigskirche fügen sich in den Chor ein. Bis sich, als Höhepunkt des Klangspektakels, das Geläut des Doms erhebt. Die Monteure aus Westfalen warten Glocken in ganz Deutschland - von den Nordseeinseln bis ins Allgäu, Musholt seit beinahe 50 Jahren, Kerkhoff seit knapp 30. Der Auftrag in Frankfurt ist dennoch etwas Besonderes. „Die Glocken hier sind Prestigeobjekte“, meint Musholt. Ein Stadtgeläut wie das hiesige hört man auf der ganzen Welt nicht noch einmal.

Die Gloriosa, die 11.950 Kilo schwere Glocke des Doms und die zweitgrößte Deutschlands, musste Anfang der 1990er Jahre wegen eines Risses geschweißt werden. Die Bürgerglocke in der Paulskirche kam vor ein paar Jahren derart in Schwung, dass sie die darüber hängende Christusglocke aus ihrem Lager hob, sie zu Boden stürzen ließ. „Das kann nicht mehr passieren.“ Musholt und Kerkhoff deuten auf eine Nase am riesigen Stahlring, über den die Bürgerglocke bewegt wird. Sollte sie nochmal zu heftig schwingen, würde die Nase an eine Feder stoßen und damit das Signal zum Anhalten geben.

Beim Geläut der Katharinenkirche meldete das Hochbauamt vor einiger Zeit Bedenken an: Wenn die Glocken läuteten, kam der Kirchturm bedenklich ins Wanken. Auch dieses Problem konnten die Monteure regeln. „Wir haben die Glocken neu eingestellt“, sagen sie. Genauer: Sie haben die Joche, an denen die tonnenschweren Klangkörper befestigt sind, ausgetauscht. Ihr Schwingungsgrad wurde von 60 bis 70 auf 35 reduziert, die mechanische Läutemaschine durch eine elektrische ersetzt. Kerkhoff: „Jetzt wackelt nichts mehr.“ Nur im Karmeliterkloster können Musholt, Kerkhoff und Kollegen nichts machen: Hier gibt es Probleme mit der Statik, deswegen bleibt das Geläut vorerst stumm. Fest steht: Wenn heute um kurz vor 17 Uhr der Klöppel der Bürgerglocke in der Paulskirche zum ersten Mal anschlägt, werden sich Hunderte auf dem Römerberg und in den umliegenden Gassen versammeln, um dem Großen Stadtgeläut zu lauschen. Der beste Platz ist auf dem Eisernen Steg.

(mic)

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Quelle: op-online.de

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