Frankfurt denkt für Offenbach

Kommentar: Gnädige Entmündigung

Da Offenbach noch nicht eingemeindet ist, darf es als Anmaßung gewertet werden: Frankfurter leisten sich Gedanken, wie sie die Zukunft der Nachbarstadt gestalten können. Dankbarkeit fürs Mitdenken über den eigenen Tellerrand hinaus erregt das nicht. Von Thomas Kirstein

Eher das Gefühl, einem weiteren Entmündigungsversuch ausgesetzt zu sein, der weniger das Wohl der Zwangsbetreuten als die eigenen Interessen im Auge hat. Nichts gegen lukrative Industrieansiedlungen: Aber würden die bei einer Veranstaltung der FAZ ausgeheckten Ideen umgesetzt, wäre Offenbach über kurz oder lang als lärm- und schadstoffbelasteter Industrievorort Frankfurts missbraucht. Es ist ja bezeichnend, dass man dem Trabanten die Höhe der bitteschön zu teilenden Gewerbesteuer vorschreiben möchte - und ihm selbstverständlich nichts von den eigenen Banken-Milliarden abgeben will.

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Die Notwendigkeit einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit der großen und der kleinen Großstadt ist unbestritten. Niemand sollte sich allerdings an gelegentlichen Signalen und Gunstbeweisen aus dem Römer derart berauschen, dass er den Blick dafür verliert, wie Frankfurt in traditioneller Überheblichkeit alles seinen Interessen unterzuordnen gedenkt. Es darf eben kein Grund für demonstrative Offenbacher Zufriedenheit sein, wenn demnächst der Steuerzahler Mercedes-Benz Offenbach verlässt, um sich in einem 100-Millionen-Projekt auf Frankfurter Kaiserleigebiet zu konzentrieren. Der bescheidenen lokalen Klein-Großstadt-Seele sollte es nicht genügen, wenn sie sich an einer immer kräftig strahlenden Metropolen-Sonne erwärmen darf.

Bevor das jetzt als nur kleinkariert-missgünstiges Kirchturms-Gegrummel aus dem Frankfurter Eastend missverstanden wird: Es entspringt der Erfahrung, dass Frankfurt sich zwar gern hofieren und Schmuddelkinder gnädig mitspielen lässt, aber die Freundschaft auf Eis legt, wenn es zum Schwur kommt. Als etwa Offenbachs Hafenpläne gefährdet waren, haben sie sich im Römer kaum krumm gelegt, um den Transportfirmen von der anderen Mainseite die Klagen auszureden. Aktuell zeigt sich das besondere Verhältnis im Zusammenhang mit den Kraftwerksplänen der Firma Allessa in Fechenheim. Offenbar hielt man es in Frankfurt für überflüssig, den Offenbachern rechtzeitig zu stecken, dass ihren Stadtteilen Bürgel und Rumpenheim ein Braunkohle-Stinker zugemutet werden soll.

Wer so etwas unter guter Nachbarschaft versteht, möge Offenbach gefälligst mit Zukunftsvisionen verschonen.

Quelle: op-online.de

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