„Gottes Zahl“ lautet 20

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43 Trillionen verschiedene Würfel-Positionen sind möglich. Herbert Kociemba und ein paar andere Wissenschaftler haben diese Riesenzahl für Computer beherrschbar gemacht.

Darmstadt ‐ Der berühmte bunte Zauberwürfel des Ungarn Erno Rubik ist wirklich zum Haare raufen. Wie kriege ich den bloß in seine Grundstellung mit farblich einheitlichen Seiten zurück? Und auch noch möglichst schnell? Ein Mathematik-Lehrer aus Darmstadt weiß die Antwort. Von Joachim Baier (dpa)

Herbert Kociemba genügen 20 Züge. „Gottes Zahl“ wird die 20 genannt. Nach ihr wurde lange gesucht. Entdeckt wurde sie von Kociemba und Wissenschaftlern aus den USA per Computer.

Einen Zauberwürfel hat Kociemba zum ersten Mal 1980 in die Finger bekommen, als die große Zeit dieses Geduldsspiels begann. Da war er noch Student. Die Leidenschaft packte ihn. „Wenn man an Mathematik interessiert ist, will man das genauer wissen“, sagt der 56-Jährige. „Das geht aber nur mit einer bestimmten Strategie“, war er sich sicher. „Wenn jemand nur wild rumdreht, wird das nie etwas. Das ist so, als wenn ein Affe auf einer Schreibmaschine tippen würde und Goethes Faust zusammenkriegt.“

„Bei uns in der Familie wird wenig ferngesehen“

Kociemba hat es gleich immer und immer wieder versucht. Schließlich hatte er es geschafft und Rubiks Würfel war wieder in der Ausgangsstellung. „Das hat aber drei bis vier Wochen gedauert“, erzählt er. „Du hast mich nachts geweckt“, beschreibt seine Frau Lore das Erfolgserlebnis vor 30 Jahren.

„Dann hatte ich die Idee, den Computer zu benutzen, um den Würfel mit möglichst wenigen Schritten wieder zurückzudrehen“, erzählt Kociemba. Er begann entsprechende Programme zu schreiben, „an den Wochenenden, in den Ferien, ganz viele Stunden. Bei uns in der Familie wird wenig ferngesehen“.

Das Problem: Es sollen 43 Trillionen verschiedene Würfel-Positionen möglich sein - eine Zahl mit 18 Nullen. Eine Lösung zum Finden von „Gottes Zahl“ schien unmöglich - selbst mit Hilfe von Computern. Die waren früher noch viel zu schwach und hätten sich an dieser Aufgabe verschluckt.

Lösung mit der Hilfe von Tausenden von Rechnern gefunden

Im Internet bekam Kociemba Kontakt zu den drei US-Amerikanern Morley Davidson, John Dethridge und Tomas Rokicki. Zusammen arbeiteten sie sich an die „Gottes Zahl“ heran. Sie reduzierten die 43 Trillionen Würfel-Positionen auf 56 Millionen Gruppen mit jeweils 20 Milliarden Ausgangspositionen - denn viele Fälle sind zueinander symmetrisch. Mit den Jahren kamen immer leistungsfähigere Computer auf den Markt. Für sie war eine so große Datenmenge verdaulich - und endlich war die Lösung mit der Hilfe von Tausenden von Rechnern der Firma Google gefunden.

Auf dem Bildschirm von Kociembas Computer erscheint ein aufgeschnittener Zauberwürfel. Mit einigen Klicks sind die Farben bestimmt. „Cube-Explorer“ errechnet in Windeseile, welche Züge notwendig sind, um in dem Farbenchaos wieder Ordnung zu schaffen. Das Programm hat Kociemba 1992 geschrieben und seitdem ständig weiter entwickelt.

Wer glaubt, Lehrer Kociemba versinke in seiner Wohnung in einem Meer von Zauberwürfeln, der irrt. Er hat nur zehn. Ein introvertierter Mathe-Freak ist der 56-Jährige auch nicht. „In der Oberstufe war ich in Mathe schon gut“, erzählt er. „Aber ich hatte da keine erkennbare Überbegabung.“ Und Hobbys habe er auch. „Ich habe zwar schon länger nicht mehr klassische Gitarre gespielt“, erzählt er. „Aber ich lese gern. Nicht nur Bücher über Mathematik.“

Quelle: op-online.de

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