Zukunft im Sackgassen-Dorf

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700 bis 900 Meter tief soll sich der Bohrer im Groß-Umstädter Stadtteil Heubach fressen, um die Voraussetzungen für die Nutzung der Erdwärme zu schaffen.

Groß-Umstadt ‐ Wer wissen möchte, wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen könnte, bekommt in Groß-Umstadt einiges geboten. Von Ralf Enders

Auf dem Weg von Dieburg in den Odenwald erstreckt sich die 22 000-Einwohner-Stadt mit ihren neun Ortsteilen weitläufig auf 8 600 Hektar. In Semd liefert eine 2010 eröffnete Biogasanlage jährlich 2,5 Millionen Kubikmeter Biogas fürs regionale Erdgasnetz, was dem Bedarf von 700 Haushalten entspricht. Auf dem Binselberg bei Raibach sind schon von Weitem vier Windkrafträder zu sehen, die 2 500 Haushalte mit Strom versorgen. Und im Ortsteil Heubach ist in dieser Woche mit der ersten geothermischen Tiefenbohrung in Hessen begonnen worden. Die Wärme aus dem Erdinnern soll einen mittelständischen Industriebetrieb mit Energie zum Heizen und Kühlen versorgen.

Alles Öko, oder was? Es scheint so, denn hinter diesen Stromprojekten steht der Darmstädter Energiekonzern HSE, besser bekannt über seine Vertriebstochter Entega. Seit dem Jahr 2008 liefert das Unternehmen als eines der wenigen in Deutschland komplett atomstromfreie Energie. Mit voraussichtlich wachsendem Erfolg, denn nach der Atomkatastrophe in Japan, rennen die Deutschen den Anbietern regenerativer Energien die Türen ein. In einer Stellungnahme zur Atomdebatte bezeichnete Vorstandsvorsitzender Albert Filbert den „Darmstädter Weg“ als bundesweit zu beschreitenden „Königsweg für kommende Generationen.“ Eine Milliarde Euro will der Konzern bis 2015 in den Ausbau regenerativer Energien stecken. 700 000 Euro davon fließen derzeit in den Groß-Umstädter Ortsteil Heubach.

„Es wird quasi ein autarkes Gebäude“

Das Geothermie-Pilotprojekt der Heag Südhessische Energie AG - so der vollständige Name der HSE - soll ab Herbst dieses Jahres den neuen Produktionsstandort von „Frenger Systemen BV“ versorgen. Das deutsche Unternehmen mit holländischen Wurzeln fertigt energieeffiziente Deckenstrahlungsheizungen für Sporthallen oder Industriegebäude. Rund 60 Mitarbeiter sind am Standort Heubach beschäftigt, der mächtige Neubau am Eingang des kleinen Ortes umfasst 6 000 Quadratmeter Hallen- sowie 1 400 Quadratmeter Bürofläche. „Wir möchten ein Gebäude bauen, das keine Fremdenergie braucht, das scheint uns möglich. Es wird quasi ein autarkes Gebäude“, sagte Frenger-Prokurist Klaus Menge zum Start des Geothermie-Projektes am Mittwochabend. Die „geringe Restmenge“ Energie, die die Erdwärme nicht liefere, werde über eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach der Produktions- und Lagerhallen erzeugt.

Es ist in der Tat die erste geothermische Tiefenbohrung in Hessen. 700 bis 900 Meter tief soll sich der Bohrer fressen. „Bei diesem Projekt wird Pionierarbeit geleistet“, sagte HSE-Projektleiter Gordon Appel. Erdwärmenutzung etwa für Einfamilienhäuser oder Bürogebäude gibt es freilich schon lange, allerdings handelt es sich dabei um die sogenannte oberflächennahe flache Geothermie bis 150 Meter Tiefe.

Auch in Heubach wird es neben der einen tiefen noch acht flache Bohrungen geben. HSE-Sprecher Gert Blumenstock zur Funktionsweise: „Umwälzpumpen lassen im späteren Betrieb der Anlage Wasser zirkulieren, das sich auf dem Weg nach unten erwärmt. Dieses Wasser lässt sich anschließend sehr effizient durch Wärmepumpen auf das benötigte Temperaturniveau anheben und zur Beheizung der Büro- und Produktionsgebäude nutzen. Zusätzlich lässt sich im Sommer das Erdwärmesondenfeld durch eine so genannte ‘passive Kühlung‘ mit Wärmetauschern nutzen, um die Gebäude mit Kälte zu versorgen.“

„Meilenstein für erneuerbare Energien“

Projektpartner sind neben dem Betreiber HSE und Frenger Systemen der Heiztechnikhersteller Viessmann und die Bohr- und Brunnenbaugesellschaft H. Anger´s Söhne. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Universität Kassel und dem Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie. Das Hessische Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz fördert etwa ein Drittel der Kosten. Ein Ministeriumssprecher sagte, die Tiefenbohrung sei „ein Meilenstein für den Ausbau der erneuerbaren Energien“.

Dass der Meilenstein zum Stolperstein werden könnte, glauben die Verantwortlichen nicht. Geothermie birgt nämlich auch Risiken: in der Trinkwassergewinnung und der sogenannten induzierten Seismizität, sprich: das Auslösen von Erdbeben. Das Trinkwasser sei nach der Bohrung durch einen geschlossenen Kreislauf des Systems geschützt, und Seismizität oder Einstürze seien wegen der Beschaffenheit der Erde und der Bohrweise nicht zu befürchten, meinte Johann-Gerhard Fritsche vom Hessischen Landesamt.

Und so können sich interessierte Bürger oder Schulklassen wohl ruhigen Gewissens nach Heubach wagen, um sich über die Arbeiten zu informieren. Frengen-Prokurist Menge und HSE-Vertreter Appel luden sie dazu ausdrücklich ein. Vom Sackgassenschild Richtung Heubach an der B 45 braucht man sich dabei übrigens nicht irritieren lassen: Es gilt nur für den Straßenverkehr. Die atomkraftfreie Energie, so scheint‘s, ist hier auf einem guten Weg.

Quelle: op-online.de

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