Einsame alte Menschen können süchtig werden

Die große Leere

+
Viele ältere Menschen gefährden sich durch ihr Suchtverhalten. Aber wahrgenommen wird dieses Problem häufig erst, wenn massive Verwahrlosung oder Verhaltensauffälligkeit eingesetzt hat. Foto: dpa

Frankfurt - Das Bierchen gibt’s schon am frühen Nachmittag, bei den Schmerzmitteln legt man noch eine Pille drauf und die schlaflosen Nächte bringt man mit TV-Dauerwerbesendungen rum, wo man sich Dinge bestellt, die man nicht bezahlen kann. Von Michael Eschenauer

Ruhestand im Alter kann eine große Leere bedeuten.

Alles geschieht zuhause, denn diese Sucht spielt sich im Verborgenen ab. Es ist die Sucht der alten Menschen. Für sie gibt es bisher kaum Hilfe. Dies soll sich in Frankfurt ändern. Anfang des Jahres haben zwei Einrichtungen, das Altenpflegezentrum „Hufeland-Haus“ und die „Stiftung Waldmühle“, eine Einrichtung der Suchtkrankenhilfe, ein neues Beratungsangebot aufgebaut, das hessenweit einzigartig ist. Sein Name: „Beratungsstelle Sucht im Alter“. Träger des Projekts ist der Evangelische Verein für Innere Mission Frankfurt. „Ziel ist nicht in erster Linie die totale Abstinenz“, umreißt Martin Barschke, Geschäftsführer des Evangelischen Vereins für Innere Mission, den Ansatz der neuen Einrichtung. Sie entstand, weil man im Hufelandhaus immer deutlicher erkannte, dass viele Senioren eine Art Hilfe benötigen, die weder mit den Instrumenten der Alten- noch mit denen der Suchthilfe bereitzustellen war. „Es geht um eine Steigerung der Lebensqualität, der Lebensfreude und die Bewältigung des Alltags“, so Barschke. Und Judith Gehler von der Beratungsstelle ergänzt: „Wir setzen uns ganz, ganz kleine Ziele.“ In drei Jahren will man Bilanz ziehen. Gefördert wird das Beratungsangebot durch die Deutsche Fernsehlotterie. Es umfasst Therapiesitzungen, Beratung von Betroffenen und Angehörigen, Hausbesuche, das Organisieren von weiteren Hilfen und Begleitung bei Aktivitäten.

Die Klientel, so Markus Förner, Geschäftsführer des Hufeland-Hauses, sei keine einfache. Viele alte Menschen mit Suchtproblemen litten zwar unter Vereinsamung und Verwahrlosung, hätten Ärger mit Familie und Nachbarschaft. Trotzdem wollten sie zunächst gar keine Hilfe. Hier sei es notwendig, Vertrauen zu schaffen, um dann Schritt für Schritt die Situation zu verbessern. Abstinenz oder Reduzierung der Sucht sei eine Abwägungssache von Fall zu Fall. Als Beispiel führt Projektmitarbeiter Martin Wolf eine ältere Dame an. Die Frau mit gutbürgerlichem Hintergrund war Alkoholikerin und rauchte praktisch permanent. Auch geistig sei die Dame nicht mehr so fit, dass sie ihren Haushalt gefahrlos führen könnte. Dies hatte zur Folge, dass Rettungswagen und Polizei häufig „zu Gast“ waren. In Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des Sozialamtes führte die Beratungsstelle Hausbesuche durch, schaffte eine Vertrauensbasis, organisierte häusliche Hilfen. Nach einem Entzug im Krankenhaus kehrte die Frau erholt und stabilisiert nach Hause zurück.

Folgen von Alkohol und Tablettenmissbrauch mischten sich mit anderen Alterskrankheiten

All dies, so Wolf, sei nicht einfach gewesen, weil die Frau sowohl ihre Suchterkrankung als auch ihre kognitiven Defizite erfolgreich verbergen konnte. Außerdem verweigerte sie anfangs jede Art von Hilfe oder Kontaktaufnahme. Hier sei man nur durch behutsame Beharrlichkeit weitergekommen - und mit den Erfahrungen aus Altenarbeit und Suchttherapie. Alte Menschen, so Judith Gehler, müssten häufig mit einer Leere in ihrem Leben zurechtkommen, die sie zu füllen versuchten. „Partnerverlust, die Kinder melden sich nicht, der Beruf und das Gefühl, gebraucht zu werden fallen weg. Man hat viel Zeit.“ Vor diesem Umfeld, entglitten Umgangsformen mit zum Beispiel Alkohol. Aus Genuss werde Sucht, latent vorhandene Süchte verstärkten sich. Die geistigen und körperlichen Folgen von Alkohol und Tablettenmissbrauch mischten sich zum Teil mit anderen Alterskrankheiten, was die Ursachensuche und Therapie verkompliziere. Die Lebensqualität sinkt weiter, die Menschen ziehen sich noch weiter zurück, verwahrlosen. Harald Spörl von der Leitung der Stiftung Waldmühle: „Das ist ein Prozess, der über viele Jahre gehen kann. Irgendwann merkt man: Ich brauch den Wein schon am Morgen und wenn ich noch die Pillen dazu schlucke, fühle ich mich noch besser.“ Die Einsamkeit, so Spörl, sei die Haupttriebfeder alter Menschen, zu Suchtmitteln zu greifen. Hinzu komme, so Bernd Nagel, Geschäftsführer der Waldmühle, dass viele Medikamente, die Senioren verschrieben bekommen, zwei Seiten hätten: „Sie helfen, haben aber auch Suchtpotential.“ Zum Beispiel Schlaf- und Schmerzmittel.

Es komme, so Judith Gehler, bei dem neuen Projekt darauf an Alternativen zu bieten, mit denen das Ausleben der Sucht umgangen werde. Dies könnten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sein, aber das persönliche Gespräch, die Verbesserung der Mobilität, die Vermittlung von Hilfsangeboten oder das Schaffen eines Gefühls der Selbstständigkeit. Für dieses Zusammenspiel vieler Ansatzpunkte und Akteure werde man am Ende des Projekts ein Konzept vorlegen. Senioren die unter Suchterkrankungen leiden oder ihre Angehörigen können sich auch bei der für Stadt und Kreis Offenbach zuständigen Beratungsstelle Suchthilfezentrum Wildhof Unterstützung holen.

Quelle: op-online.de

Kommentare