Sam Smith in der Jahrhunderthalle

Großes Gefühlskino eines Melancholikers

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Smith trifft mit seinen Songs mitten ins Herz.

Frankfurt - Shooting-Star Sam Smith schreibt bei der umjubelten Frankfurt-Visite der „In the lonely Hour“-Tour seinen öffentlichen Seelenstriptease auf der Bühne fort. Von Peter H. Müller

In der ausverkauften Jahrhunderthalle leidet der schüchterne Brite mit der androgynen Tenorstimme steinerweichend schön. Dabei hat Smiths gebrochenes Herz ihm doch gerade erst vier Grammys eingebracht. Nicht genug, dass da in Los Angeles ein 22-Jähriger Superstars wie Beyoncé, Taylor Swift oder Pharrell Williams in den Schatten gestellt hat - nein, der junge Brite wird nach gerade mal einem Album („In the lonely Hour“) auf dem halben Globus angehimmelt. Noch verblüffender: Smith, vor zwei Jahren noch Aushilfe in einem Pub, trifft als bekennend Homosexueller mit seinen Schmerzensliedern vor allem bei weiblichen Fans mitten ins emotionale Epizentrum.

In Frankfurt jedenfalls ist schon Kreisch-Alarm angesagt, als nur der mit zwei Konterfeis geschmückte Vorhang sichtbar wird und die ersten Takte von „Life Support“ ertönen. In den ersten Reihen recken sich rote Herzen, Hände und die unvermeidlichen Handys in die Höhe, der Jubel wird frenetisch. Dabei ist Smith mit Pausbacken und dem etwas zu klein geratenen Konfektionsanzug alles andere als ein Schönheitsideal. Und er ist doch zuvorderst gekommen, um seine herzzerreißende Dauer-Traurigkeit in gefühlige Songs wie „Leave Your Lover“, „Together“ oder „I’m Not The Only One“ zu gießen.

Er macht das zweifellos auf sympathische, ungekünstelte Art. Und er hat eine großartige Stimme - auch wenn in diversen Refrains sein formidabler Chor kräftig mithilft. Dazu hat er eine souveräne fünfköpfige Band hinter sich - und einen Bühnendesigner, der die eher spröde Kulisse mit grandiosen Lichteffekten in Szene setzt. Das schafft ebenjene Atmosphäre, in der das große Gefühlskino des Samuel Frederick Smith am besten gedeiht.

Natürlich: Es ist ein wagemutig kurzes Konzert, gerade mal 70 Minuten, denn mehr Repertoire hat der Melancholiker aus Great Chishill nahe Cambridge nicht. Aber immerhin: Es gibt ja auch erhellende Momente („Restart“, „Like I Can“). Nur am Ende, beim unvermeidlichen „Stay With Me“-Finale, wird es dann wieder tränenreich. Kleine Fußnote: Der Megahit hat inzwischen auch weniger sensiblen Zeitgenossen feuchte Augen beschert: Altmeister Tom Petty hatte dazu eine Plagiatsklage angezettelt und einen Vergleich ausgehandelt. Jetzt erhält er 12,5 Prozent der Tantiemen - und heult auch, vor Freude.

Quelle: op-online.de

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