Lass’ die Jungs doch pfeifen

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Vitamin C für sie, „Vitamin B“ für die Frauen: die grüne OB-Kandidatin Rosemarie Heilig.

Frankfurt - „Ist das nicht Mist, so ganz ohne Kerl?“ Solche Fragen werden durchaus manchmal in Rosemarie Heiligs Freundeskreis gestellt. Die Antwort der Single-Frau: „Nö, ist kein Mist. Ich bin ein durch und durch glücklicher Mensch. Und welche Männer halten solche Frauen aus wie mich?“. Von Michael Eschenauer

So eine Frau: Die 55-Jährige Sopranistin im Chor „Randale Vocale“ und Langzeit-Grüne kämpft in Frankfurt um die Nachfolge von Petra Roth (CDU) als Oberbürgermeisterin. Ihre Partei dosiert Schützenhilfe eher sparsam. Man will zwar - als demonstrative Profilierung gegenüber dem Koalitionspartner CDU eine eigene Kandidatin ins Rennen schicken - aber das ist Symbolismus. Mit Verve betreibt man das Projekt „Grüne OB Heilig“ nicht. Die jüngsten Umfragen taxieren sie auf 11 Prozent. Wenig Chancen, auch nur in die Stichwahl am 25. März zu kommen.

Komplexe hat die nach kurzer, später Ehe Geschiedene jedenfalls nicht. Es muss mehr passieren, um die aus einer Familie mit vier Jungen und vier Mädchen in Limburg stammende Powerfrau Heilig zu bremsen. Die Dame duscht gerne kalt und lässt sich von Rückschlägen nicht beeindrucken. Im Augenblick schiebe sie 18-Stunden-Tage, verrät sie beim Treffen im Bornheimer „Café-Kante“. Das ist Nordend - ihr Revier. Hier kennt sie viele, hier lebt sie - in einer Dachgeschosswohnung.

Mit 14 Jahren ausgezogen, um das Abitur zu machen

Gegen widrige Umstände ihren Weg zu gehen, das ist sie gewohnt. Als ihr Vater, ein Heizer bei Buderus, der Tochter verbot, Abitur zu machen, zog die 14-Jährige kurzerhand von zuhause aus und zu ihrem 17-jährigen Freund. Nach dem Abitur und diversen Jobs im Dunstkreis der Umweltbewegung wurde die studierte Biologin Heilig Fraktionsassistentin der Grünen im Römer, später Stadtverordnete. Danach leitete sie das Umweltamt in Ludwigshafen, war Referentin von Bürgermeisterin Jutta Ebeling, sanierte als Geschäftsführerin die Abfallverbrennungsanlage in der Nordweststadt und organisiert seit 2009 den Umbau der Höchster Kliniken zu Europas erstem Krankenhaus nach Passivhaus-Standard. Sie wird im Juli das Amt von Umweltdezernentin und Parteifreundin Manuela Rottmann übernehmen. Und parallel dazu läuft das „Heilig als Frankfurt-OB“-Projekt.

„Frauen lassen sich oft zu schnell von Macho-Gehabe abschrecken“, sagt sie. Durchhalten, sich nicht beeindrucken lassen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren und Hilfe annehmen, nennt Heilig als Eigenschaften, die ihr auf dem Weg nach oben geholfen haben. All dies funktioniere auch bei anderen Frauen, meint sie. Insgesamt könnten die viel besser als Männer Konflikte entschärfen. „Da lässt man das Gegenüber zu Ende brüllen und sagt dann: ‘Jetzt mal ganz ruhig, was kann ich für Sie tun?’“ Viele Arbeitstage zwischen vielen Männern auf vielen Baustellen haben sie das gelehrt.

Als Feministin versteht sich die durchtrainierte Frau, die täglich zehn Kilometer joggt, nicht. „Dogmen lehne ich ab, die engen ein“, sagt sie. Wichtig sei es ihr, dass sie ihre individuelle Art beibehalte - und da könnten geschminkte Lippen und hochhackige Schuhe durchaus dazugehören. Bei den Feministinnen habe sie das Gefühl, ihre Weiblichkeit nicht ausleben zu können.

Authentisch, kompetent und mutig

Ein Kraftwerk sanieren und eine Klinik umbauen - typischer Männerkram. Dass sie sich hier durchgesetzt habe, sei, so Heilig, kein Zufall. „Frauen sollten sich nicht wegducken“, meint sie. Wenn sie mal in Pumps über die Baustelle gestöckelt sei, und es Pfiffe gegeben habe, habe sie sich gesagt: „Lass die Jungs doch pfeifen.“ Für Heilig ist das Pfeifen eine Form alternativer Energie, die Frauen für sich einsetzen können. „Wichtig war, dass ich im Bauwagen die Stulle ausgepackt und mich draußen auch mal dreckig gemacht habe. Das hat imponiert.“ Gleichzeitig rate sie ihren Geschlechtsgenossinnen davon ab, die Männer zu kopieren. Authentisch, kompetent und mutig aufzutreten, das sei die Formel für Frauenerfolg und Respekt. „Klar haben wir manchmal mit einem schwierigen Image zu kämpfen, aber gleichzeitig haben wir als Frau eine Menge Hebel zur Verfügung, um Dinge in Bewegung zu bringen. Das sollten wir nutzen.“

Heilig plädiert trotzdem für eine Frauenquote. „Männer haben überall Seilschaften.“ Dieser Benachteiligung müsse entgegengewirkt werden. Weibliche Netzwerke - das ist das Stichwort: Heilig sieht ihre Karriere, an deren Ende das Amt als Oberbürgermeisterin stehen soll, unter der Gesetzmäßigkeit „Je höher das Amt, desto stärker der Hebel, den ich ansetzen kann, um die Frauen zu fördern“. Und dass dies mehr als bisher geschehen müsse, liege auf der Hand. Genauso wie die Tatsache, dass die neue Nordwestlandebahn am Flughafen wieder geschlossen werden müsse. Doch das ist ein anderes Kampfgebiet.

Quelle: op-online.de

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