Grundeln, Grundeln, nichts als Grundeln

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Grundeln sind unter anderem an dem schwarzen Punkt auf der zweigeteilten Rückenflosse zu erkennen.

Steinheim ‐ Giovanni Sannelli hat es am Main bei Steinheim auf Weißfische und Aale abgesehen. Stattdessen zieht der Hobbyangler nur noch kleine, stummelige Fische aus dem bisher fisch- und artenreichen Fließgewässer, das noch vor Jahren vor Rotaugen und Brassen wimmelte. Von Holger Hackendahl

Auch an Rhein, Mosel und vielen weiteren Flüssen Deutschlands sind die Petrijünger genervt. Bei den ungebetenen Gästen in den heimischen Gewässern handelt es sich um Grundeln. Mindestens zwei Arten, die ihren Ursprung am Schwarzen Meer haben, machen es mittlerweile dem heimischen Fischbestand schwer. Die Kesslergrundel und die Marmorierte Grundel haben sich tausende Kilometer nach Westen vorgekämpft - mit Hilfe des Menschen und zu Lasten einheimischer Arten. Das Fatale an der „Grundel-Invasion“: Einige Arten fressen den Laich und die Fischbrut heimischer Fischarten.

Auch der Steinheimer Fischerzunftmeister Olaf Adam hat schon mit der eingeschleppten Fischart unliebsame Bekanntschaft gemacht: „Die Grundeln sind mittlerweile die zweithäufigste Fischart im Untermain. Ich fange sie in meinen Aalreusen im Mainabschnitt zwischen Mühlheim und Seligenstadt – und das gleich dutzendweise. Im Frühjahr und Herbst ist es besonders schlimm“, so Adam. Er hat festgestellt, dass der Verkauf von „Mainkarten“ - die Angler-Erlaubnisscheine für den hiesigen Flussabschnitt - stark rückläufig ist. „Die Angler fangen ja kaum noch andere Fische, obwohl wir jedes Jahr im Herbst zentnerweise Besatzfische wie Aale, Schleien, Zander und Weißfische einsetzen.“

Charakterisiert durch lange Nasenröhrchen

Die Invasion findet über das Ballastwasser von Frachtschiffen statt. Hierin werden die Larven der Grundeln unbeabsichtigt verschleppt. Die etwa 15 Zentimeter langen Fische, charakterisiert durch lange Nasenröhrchen, bulligen Kopf, einen schwarzen Punkt auf der zweigeteilten Rückenflosse sowie eine Bauchflosse, die saugnapfartig zusammengewachsen ist, fressen alles, was ihnen vor ihr Maul kommt. Bei der Nahrungssuche sind sie zudem flinker als Aal, Weißfisch, Karpfen & Co. Außerdem können Grundeln schon im zweiten Jahr laichen.

Nur Raubfische wie Barsche, Welse und Aale scheinen von der Ausbreitung des Eindringlings wenig betroffen. „Die Raubfische stellen sich derzeit notgedrungen um und fressen jetzt auch die Grundeln“, hat Olaf Adam festgestellt. „Rotaugen und Brassen fange ich nur noch selten. Noch vor zwei habe ich Rotaugen, Brassen und andere Fischarten kiloweise aus dem Main gezogen“, erzählt auch Giovanni Sannelli. „Ich gehe jetzt viel lieber blinkern, damit gehe ich den Grundeln aus dem Weg und fange Barsche.“

Biologen haben Ausbreitung beobachtet

Das Vordringen der Grundeln ist offensichtlich unumkehrbar. Wie auch soll die Art aus dem Gewässer wieder verdrängt werden? Olaf Adam hat eine Lizenz zum elektrischen Abfischen. Auf diese Weise will er der unerwünschten Fischart zu Leibe rücken. Doch das wird wohl vergeblich sein. Schließlich sind Grundeln für ihren Expansionsdrang berüchtigt. Biologen haben ihre Ausbreitung über Jahrzehnte beobachtet. Der Fisch ist ein Paradebeispiel für die natürliche Ausbreitung einer reisefreudigen Art – was durch das Zutun des Menschen noch unterstützt wird. Über den Rhein-Main-Donau-Kanal wurden und werden die kaspischen Grundelarten eingeschleppt.

„Ich habe innerhalb von einer Stunde 47 Grundeln gefangen“, berichtet ein Angler aus Kreuzwertheim am bayerischen Untermain als er mit Gleichgesinnten bei einem Volksfest frisch geräucherte Aale verkauft. Während die Ost- und Westeuropa verbindende künstliche Wasserstraße für die Fracht- und Flusskreuzschifffahrt ein Segen ist, scheint sie sich nun für die Flussbewohner zu einem Fluch zu entwickeln.

Die ursprüngliche Heimat der Grundeln liegt in den brackigen Küstengewässern des Schwarzen und des Kaspischen Meeres sowie den Unterläufen der dort mündenden Flüsse. Fischer haben Buch geführt: Um das Jahr 1900 kamen Marmorierte Grundeln in der Donau 50 Kilometer stromabwärts von Wien vor. Weiter westlich wurde die Art jedoch nicht gesichtet. Diese Verbreitungsgrenze blieb lange Zeit stabil, doch in den achtziger Jahren überkam die Tiere dann eine erstaunliche Wanderlust. Rasch breiteten sie sich stromaufwärts bis Kelheim in Bayern aus – hier mündet der Rhein-Main-Donau-Kanal in die Donau.

Auch über Main hinaus zu finden

In Mitteleuropa haben Ingenieure der Grundel den Vorstoß nach Westen ermöglicht. Die Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals im Jahr 1992 war es, die nicht nur dem europäischen Binnenschiffsverkehr neue Perspektiven bot. Auch allerlei Wassergetier reiste auf diesem Weg in den Westen. Offenbar stellten auch die 16 Schleusen der Wasserstraße kein echtes Hindernis dar: Bereits 1997 fanden Forscher zahlreiche junge Marmorierte Grundeln im Kanalbereich, zwei Jahre später erreichte die Art den Main. Stromabwärts konnten die Fische besonders schnell vorrücken und sind nun auch schon über den Main hinaus überall zu finden.

Quelle: op-online.de

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