Grundwortschatz wird Pflicht

Grundschulkinder sollen 850 Wörter lernen

Offenbach - Hessens Kultusminister Alexander Lorz zieht die Reißleine und verordnet Grundschülern einen „Grundwortschatz Deutsch“. 850 Wörter sollen die Kinder künftig bis zum Ende der vierten Klasse beherrschen.

Ausbildungsbetriebe klagen immer wieder über Lehrstellenbewerber mit großen Wissenslücken. Moderne Kommunikation mache korrekte Orthografie keinesfalls überflüssig, heißt es in Personalabteilungen. Da will Hessens Kultusminister Alexander Lorz mithilfe eines Grundwortschatzes gegensteuern. „Wir wollen die Bildungssprache Deutsch weiter stärken“, so der CDU-Politiker bei der Vorstellung seines Plans. Damit sollen Lehrer im Rechtschreib-Unterricht unterstützt werden. Die Wortliste umfasst häufig verwendete Wörter wie „bald“ oder „warum“. Ein Schwerpunkt liegt auf „Modellwörtern“, die sich eignen, um die Rechtschreibregeln zu lernen.

Für die erste und zweite Klasse zum Beispiel das Wort „Affe“ mit Konsonantenverdopplung oder „Frühling“ mit dem langen Vokal und „h“. Dritt- und Viertklässler sollen das Wort „Schreck“ mit „ck“ am Ende üben oder das Substantiv „Temperatur“, das zeigt, dass ein Wort manchmal genauso geschrieben wie gesprochen wird. Sollte sich der Test als hilfreich erweisen, dann steht der Grundwortschatz laut Ministerium zum Schuljahr 2018/19 den mehr als 1000 Grundschulen in Hessen zur Verfügung – wenn sie ihn benutzen wollen. In einem ersten Schritt können 50 Grundschulen, die Interesse haben, bereits nach den Sommerferien mit dem Entwurf des Grundwortschatzes arbeiten, Erfahrungen sammeln und entsprechende Rückmeldungen geben.

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Stefan Wesselmann, Schulleiter in Mainhausen und Landesvorsitzender des Verbands für Erziehung und Bildung (VBE), reagiert skeptisch. „An unserer Schule wird im Fach Deutsch in der Regel ein Lehrwerk genutzt, von daher haben wir dringendere Bedürfnisse als die Zurverfügungstellung eines Grundwortschatzes“, berichtet er auf Anfrage unserer Zeitung. Nach Angaben des VBE-Vorsitzenden müssen vor allem weitere Reformschritte folgen. „Von der Festlegung eines Grundwortschatzes allein werden unsere Schüler keine besseren Rechtschreiber“, meint Wesselmann. So wünscht sich der erfahrene Lehrer mehr Raum im Unterricht für Übung und Wiederholung.

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Oft fehle die Zeit, „da der Unterricht aus Sicht der Politik ständig mehr vermitteln soll, während gleichzeitig immer mehr Erziehungsaufgaben auf die Schule abgewälzt werden“. Erschwerend kommt laut Wesselmann hinzu, dass seit Jahren der Anteil der Kinder steigt, die bei der Einschulung in der Sprachentwicklung stark verzögert sind. Und: „Die Zahl der Unterrichtsstunden und die Zahl der Lehrkräfte pro Unterrichtsstunde sind nicht erhöht worden.“

„Der Grundwortschatz ist eine sinnvolle Hilfestellung, da die Schriftsprache immer mehr verkümmert“, sagt der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt, Professor Marcus Hasselhorn. Über 14 Prozent der Erwachsenen seien mittlerweile funktionale Analphabeten und können kaum mehr als ihren Namen schreiben. Ziel müsse sein, „dass mehr und gezielt geübt wird.“ Auch die Lesekompetenz hänge mit dem Grundwortschatz zusammen, so Hasselhorn: „Beim Schreiben helfen in der digitalen Welt Korrekturprogramme, beim Lesen aber nicht.“ (dpa/psh)

Quelle: op-online.de

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