Gute Aussichten für Standort Offenbach

Michael Kassner hat Visionen für das Rhein-Main-Gebiet. Seit einigen Monaten leitet der 55-Jährige die Geschäfte von Siemens in der Region. Nach seinen Vorstellungen müssen die Wirtschaftsräume näher zusammen rücken - Redaktionsmitglied Marc Kuhn hat mit ihm gesprochen.

Welche Märkte bedient Siemens mit welchen Produkten vom Standort im Rhein-Main-Gebiet aus?

Zur Region Rhein-Main gehören Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und das Rhein-Neckar-Dreieck. Dort sind etwa 10.000 Siemens- Mitarbeiter beschäftigt, rund 2.500 davon kümmern sich um etwa 13.000 Kunden. In Rhein-Main ist das ganze Portfolio von Siemens vertreten, mit Technologie-Entwicklung, Werken, Kundenbetreuung und Dienstleistungen. Es ist eingeteilt in den Energiebereich, alles, was mit Energieerzeugung, -übertragung oder Nutzung zu tun hat, vom Kraftwerk bis zum Gebäude. Das nächste Feld ist die Industrie, Fertigungstechnik, Gebäudetechnik und Mobilität, da gehört auch Straßenbahn-, Zug- und Straßenverkehr und der Flughafen dazu. Der dritte Sektor ist die Gesundheit mit Medizintechnik. Das Portfolio ist ausgerichtet darauf, Antworten zu finden für die wichtigsten Trends der Welt, wie Klimawandel, demographischer Wandel und Verstädterung. In Offenbach sind Teile des internationalen Ingenieurgeschäfts für Kraftwerke angesiedelt, aber auch Experten für die Flughafenlogistik. Die Energie-Kollegen sind von hier aus in Europa, Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sowie Asien und Indien tätig.

Muss die Region mehr zusammen wachsen?

Die muss zusammen wachsen. Nach unserer weltweiten Erfahrung wird die Wettbewerbsfähigkeit immer mehr von der Stärke der Metropolregionen abhängen. Schauen Sie beispielsweise nach London, Shanghai, New York, Tokio oder Paris. Deshalb müssen wir uns hier in Rhein-Main finden, über die Ländergrenzen hinweg. Später müssen sogar Rhein-Main und Rhein-Neckar zusammen wachsen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Sie sind der neue Chef von Siemens im Rhein-Main-Gebiet. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Ich will natürlich das Geschäft der Siemens AG entwickeln und zwar in einer regionalen Ausprägung. Wir wollen die Kunden ganzheitlich bedienen. Der Kunde soll den kompletten Nutzen der Siemens AG haben. Wir nennen dies intern „Siemens One“. Wenn er beispielsweise eine Fabrik optimieren will, können wir ihm mehrere Vorschläge machen. In der Produktion können zum Beispiel energiesparende Motoren eingesetzt werden. Und auch in den Gebäuden können wir ihm helfen. Die Technik kann verbessert werden. So können wir ganzheitliche Lösungen beispielsweise zur Energieeffizienz anbieten. Zudem ist es mein Ziel, Siemens als den Anbieter für nachhaltige städtische Infrastruktur zu positionieren. Dieser Ballungsraum wird in Zukunft Mobilitäts- und Gesundheitsthemen haben. Und die Energieeffizienz spielt eine Rolle. Wir sehen dies in anderen Ballungsräumen wie beispielsweise in London. Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, in 20, 30 Jahren nahezu CO2-frei zu sein. Mit London zusammen hat Siemens ein ganzheitliches Konzept erarbeitet, Verkehr, Gebäude, Energie, Wasser, Abwasser, Sicherheit, um die Umwelt zu schützen und die Lebensqualität zu erhalten. Die größten Hebel sind technologische Lösungen, um eine CO2-freie Infrastruktur zu bekommen. Das wäre auch eine Chance für das Rhein-Main-Gebiet.

In welchen Geschäftsfeldern wollen Sie die Expansion von Siemens in der Region vorantreiben?

In Deutschland hatte man 2008 ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. Das ist nicht berauschend. Deutliches Wachstum wird es zukünftig allerdings bei der Umwelttechnologie geben, die zum Beispiel bei Siemens heute bereits ein Viertel des Geschäfts ausmacht. Lassen Sie mich als Beispiel die Energiespar-Motoren nennen. Da gibt es einen enormen Hebel, denn die Antriebe verbrauchen heute den großen Teil des Stroms in den Fabriken. Man kann 60 Prozent der Energie sparen. Also ein Riesen-Potenzial. Auch bei Gebäuden gibt es 30 Prozent Energie-Einsparmöglichkeiten, wenn man die richtige Technik nutzt.

Was planen Sie für den Standort Offenbach?

Die Kollegen des Energiegeschäfts in Offenbach betreiben ein Weltgeschäft. Sie fliegen in alle Welt und betreuen Kraftwerksprojekte. Für die Entwicklung eines Unternehmens sind die Standortfaktoren wichtig. Die Ingenieure sind auch deshalb in Offenbach, weil hier der Flughafen ist, der sie in alle Welt bringt. Sonst könnte ein solches Zentrum im Prinzip auch an jedem anderen internationalen Standort sitzen. Ähnliches gilt für unser Logistikzentrum, unser Schaltanlagen- oder Medizintechnikwerk. Standort-Entscheidungen fallen oft knapp, ob wir hier nach Hessen gehen oder irgendwo anders hin. Deshalb ist auch die Politik gefordert, Rahmenbedingungen für den Flughafenausbau und die Industriefreundlichkeit zu schaffen. Für eine Entscheidung wie die zum Ausbau des Werks in Fechenheim werden generell alle internationalen Alternativen gegenübergestellt. Jedes Geschäft und jeder Standort muss sich im internationalen Wettbewerb behaupten. In dem Fall waren die Standortfaktoren positiv. So wurde dort im Werk an der Carl-Benz-Straße ein automatisiertes Logistikzentrum errichtet und die Fertigung für so genannte Mittelspannungs-Schaltanlagen erweitert. Die Einweihung des Projekts war im Oktober. In den vergangenen Jahren sind in Fechenheim mehr als 200 Mitarbeiter eingestellt worden. Etwa 1.000 Menschen arbeiten dort für Siemens.

Wie sieht die Zukunft vom Standort Offenbach aus?

Sie sieht positiv aus, weil wir glauben, dass der Standort durch die Infrastruktur nachhaltig gesichert ist. Das Geschäft mit den Kraftwerken ist ein ganz wesentliches für Siemens. Der Zyklus hängt auch nicht ganz so stark von der Weltwirtschaftskrise ab wie im Industriegeschäft. Es gibt eine Vielzahl laufender Kraftwerksprojekte in der Welt. Für den Standort und seine Mitarbeiter in Offenbach gibt es deshalb eine positive Prognose. Es gibt sogar noch 40 bis 50 offene Stellen. Wir finden nicht genügend passende Ingenieure. Mittlerweile beschäftigen die verschiedenen Siemens Divisionen in Offenbach zusammen etwa 1 200 Mitarbeiter. Neben dem „Main office 1“ am Kaiserlei-Kreisel wurde der Neubau

„Mainoffice 2“ errichtet. In diesen werden ab November 2009 Siemens-Energy-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter einziehen, die derzeit in Dependancen untergebracht sind. Übrigens: Von den 150 Auszubildenden, die Siemens Rhein-Main in diesem Jahr trotz Wirtschaftskrise einstellte, kommen fast 30 aus Offenbach. Siemens-Rhein-Main beschäftigt derzeit rund 500 Auszubildende, wir sind damit einer der größten Ausbildungsbetriebe der Region.

Spürt Siemens-Rhein-Main die Weltwirtschaftskrise?

Die Krise geht auch an uns nicht spurlos vorüber. Aber Siemens ist hier nicht in der Krise. Wir haben frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um die negativen Auswirkungen zu begrenzen. Insgesamt stehen wir hier relativ gut da.

Wo hapert es bei der Industriepolitik in diesem Bundesland?

Das fängt in der Schule an. Ein Unterrichtsfach zu dem Thema sollte angeboten werden. Mädchen müssen sich für Technik interessieren. Wir brauchen sie, weil wir zu wenig Ingenieure haben. Zudem ist es für die Industrie absolut wichtig, dass Rhein-Main ein internationaler Knotenpunkt bleibt. Wir machen Geschäfte mit der Welt. Deshalb müssen wir ein Knotenpunkt bleiben, nicht nur mit dem Auto, sondern auch mit dem Flugzeug. Und dann muss die hessische Politik die Bedingungen für Unternehmen beispielsweise in Steuerfragen verbessern. Industriepolitik muss die Industrie in den Vordergrund stellen und nicht abwerten. Da sind wir auf einem guten Weg. Darüber hinaus muss die Ansiedlung neuer Unternehmen gefördert werden.

Was ärgert Sie als Unternehmer in einem Konzern an der hessischen Landespolitik besonders?

Ärgern ist zu viel gesagt. Es gibt Verbesserungspotenzial, beispielsweise beim Tempo, mit dem wir Ballungsraumpolitik umsetzen. Klar, dass hier Land, Städte, Verbände und Unternehmen unter einen Hut gebracht werden müssen. Das ist alles andere als einfach. Aber die Zeit läuft uns bei verschiedenen Themen wie der Wettbewerbsfähigkeit der Regionen und dem Klimawandel davon. Also, wir brauchen einfach mehr Geschwindigkeit. Man könnte zum Beispiel einen Ballungsraum-Verband mit Finanzierungen wie in Rhein-Neckar ins Leben rufen. Und zwar über die Landesgrenzen hinweg. Das fängt in Mainz/Wiesbaden an, geht ein Stück nach Bayern bis Aschaffenburg, Gießen-Wetzlar und Darmstadt. Dieser Raum muss zusammen finden.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare