Der gute Puff

Frankfurt ‐ Der Geschäftsführer des B3-Verlags steht auf einem Tisch an der Bar und schaukelt an einer blankpolierten Stange für Stripperinnen herum. Nebenan posiert der Autor und Herausgeber vor einem Brunnen in Form eines Phallus. Von Michael Eschenauer

Nein, es war keine der üblichen Buch-Präsentationen, die da gestern in dem Haus an der Frankfurter Flößerbrücke ablief, - auch wenn es immerhin Bücher waren, was Norbert Rojan an seiner Stange und Peter Zingler am Brünnlein in den Händen hielten. Im Grunde war nichts normal an diesem Termin: Weder der Ort: der Kontaktraum eines Bordells;  noch der Medienandrang: mehrere TV-Teams und Redakteure in Mannschaftsstärke; noch der Titel des Werks, der da lautet: „Rotlicht im Kopf - Das Sudfass. Über das berühmteste Bordell der Welt und die Frage, warum Männer in den Puff gehen“.

In der Tat, über das „Sudfass“ darf man schreiben. Das Etablissement, das irgendwo zwischen Römischem Dampfbad, Erotik-Kunstausstellung, Heimatmuseum, plüschiger Bar und Freudenhaus mäandert, gilt seit vielen Jahren als Beispiel des „guten Puffs“. Der langjährige Inhaber Peter Engel behandelte die Mädchen fair, die Atmosphäre wird als gehoben, seriös und freundschaftlich beschrieben, die Kundschaft reichte bis in die Spitzen der Gesellschaft. Vor eineinhalb Jahren machte der mittlerweile 74 Jahre alte Engel Schluss. Seitdem ist das Bordell verpachtet. In drei bis vier Jahren wird es Geschichte sein. Das Umfeld der neuen Europäischen Zentralbank (EZB) verlangt seriös-langweilige Geschäftsfassaden. Höchste Zeit also für das Buch. Der Drehbuch-Autor, Journalist, Regisseur, Ex-Kriminelle und „Sudfass“-Stammgast Peter Zingler hat es gewagt. Heraus kam ein etwas wehmütiges Werk über Sittengeschichte, Männerpsychologie und das älteste Gewerbe der Welt. All dies wird angereichert mit zum Teil sehr guten Fotos, vielen Schnurren, einem Kapitel über „Tragische Schicksale“ sowie einer „Philosophischen Betrachtung“ von Matthias Beltz und Torsten Schiller.

Rotlicht im Kopf und Hand am Schritt. Der Journalist, Autor und Ex-Knastinsasse Peter Zingler ist zumindest eines: ein glaubwürdiger Schreiberling.

950 Prostituierte haben nach Zinglers Recherchen in den vergangenen 40 Jahren im „Sudfass“ gearbeitet. Da kommt was an Geschichten zusammen. Zum Beispiel die, als „The Who“ 1972 nach einem Auftritt in der Festhalle Entspannung suchte, die Dame am Eingang die abgerissenen Gestalten aber nicht reinlassen wollte. Auch der verzweifelte Hinweis von Veranstalter Marek Lieberberg, es handele sich um „die berühmteste Rockband der Welt“, konnte sie nicht erweichen. „Was? Rockband? Umso besser, wenn die draußen bleiben“, lautete das Verdikt. Oder die Geschichte von „Angelika und dem Wunderfi...“, die davon berichtet, wie die diplomierte Sportlehrerin mit ihrem legendären „Drei-Finger-Griff“ männliche Heerscharen in ergebene Fans verwandelte, die, endlich fündig geworden bei ihrer Suche nach dem „ultimativen Geschlechtsverkehr“, ermattet in die Sessel sanken. Warum sie dies auch noch „nachdenklich“ taten, und was der Spezialgriff von Angelika mit einem „männlichen Kontrollverlust“ zu tun hat, muss der Leser selbst herausfinden. Angelika arbeitet übrigens heute wieder als Lehrerin und steht kurz vor der Pensionierung. Bis zu 300 Besucher habe das Sudfass in seinen besten Zeiten gleichzeitig beherbergt, berichtet Zingler, und er verrät - politisch unkorrekt - endlich den Grund, warum Männer in den Puff gehen: „Weil wir hier sein können wie wir wollen. Alles ist unkompliziert. Hier müssen wir nicht den aufrechten Ehemann spielen, der nach fünf Jahren immer noch scharf auf seine Ehefrau ist“. Damit das nicht ganz so stammtischhaft rüberkommt, hat Zingler Co-Autorin und Sexual-Pädagogin Monika Büchner mitgebracht: „Männer kommen, weil sie die totale Auswahl haben. Da sitzen die verschiedensten Frauen. Man kann sie alle haben. Ich spreche aus, was ich wünsche. Ich bekomme, was ich will. Ich zahle.“ Der zweite Grund für den Besuch ist, so Büchner, „die Einsamkeit“.

„Rotlicht im Kopf - Das Sudfass“ von Peter Zingler (Hrsg), 216 Seiten, 320 Abbildungen, B3 Verlag Frankfurt, 26  Euro

25 Euro für die männliche Kundschaft und 50 Euro für die Bediensteten: Das sind heute die Eintrittspreise, wie der Geschäftsführer des „Sudfass“ sagt, der seinen Namen aber nicht nennen will. Die Prostituierten, die meist aus dem Ausland kommen, verlangen mindestens 50 Euro für die halbe Stunde Sex. Heute arbeiten - abhängig vom Frankfurter Messebetrieb - nur noch etwa 10 bis 25 Frauen im „Sudfass“. Früher waren es bis zu 40 - pro Schicht. Die ebenfalls zur Buchvorstellung geladene Stadtführerin Silke Wustmann sieht das zeitgenössische Naserümpfen über das horizontale Gewerbe mit der Gelassenheit der Historikerin: „Im Mittelalter betrieb der Rat der Stadt Frankfurt selbst ein Bordell und stattete die ‘Hübschlerinnen‘ mit neuen Kleidern aus. Das zweite Freudenhaus in der Stadt hätten übrigens die Stiftsherren von St. Leonhard betrieben. Im 16. Jahrhundert war alles vorerst vorbei. „Dann kamen die Spaßbremsen. Das waren die Syphilis und die Protestanten.“ 

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Winfried Faust

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