Nächstenliebe gegen die Kälte

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Der 19-jährige Prince aus Ghana hat in der Gutleutkirche in Frankfurt Unterschlupf gefunden.

Frankfurt - Der 19-jährige Ghanaer Prince darf in Deutschland leben. Arbeiten darf er hier allerdings nicht. Um zu überleben, sind er und weitere 21 Männer afrikanischer Herkunft auf die Hilfe durch andere angewiesen. Von Domenico Sciurti

Fünf evangelische Gemeinden in Frankfurt haben sich zusammengetan, um die Männer zu unterstützen. Der Hauptbahnhof war die erste Station von Prince, nachdem er vor mehr als einem Jahr am Frankfurter Flughafen landete. Der 19-jährige Ghanaer war eben erst aus Italien eingeflogen und mit der S-Bahn in die Innenstadt gefahren. Er wusste nicht, wohin er sonst hätte gehen sollen. Familie oder Freunde hatte er in Frankfurt nicht. Noch am selben Tag lernte er aber einen anderen Ghanaer kennen, und der lud ihn ein, sich ihm und anderen afrikanischen Männern anzuschließen. Prince hatte ein neues Zuhause gefunden - unter einer der Brücken am Main. Er faltet imaginäre Kartons, um zu zeigen, wie er sich im Winter eine kältedämmende Unterlage gebaut hat, um darauf zu schlafen.

Seit etwa zwei Monaten schläft Prince nicht mehr unter der Brücke. Zumindest nicht, bis der Winter vorbei ist. Mit 21 weiteren Männern, die ursprünglich aus Afrika kommen, lebt er nun in der Gutleutkirche in der Nähe des Hauptbahnhofs. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst zum Reformationstag von fünf evangelischen Kirchengemeinden machte ein Mitglied mit afrikanischen Wurzeln auf die Gruppe unter der Brücke aufmerksam. Schon zuvor habe er an anderen Stellen um Hilfe gebeten, doch niemand habe sich in der Lage gesehen, die Männer aus ihrer Misere zu holen, sagt Pfarrer Ulrich Schaffert von der Dietrich-Bonhoefer-Gemeinde. Schnell waren sich die Anwesenden einig: Es helfe nicht, einfach nur Decken vorbeizubringen. Also holten sie die Männer ab und brachten sie in die Räume der Cantate-Domino-Gemeinde im Frankfurter Nordwesten. „Innerhalb von drei Stunden konnten wir Decken, Matratzen und etwas zu essen organisieren“, sagt Schaffert.

Welle der Hilfsbereitschaft

In den folgenden Tagen und Monaten erfasste eine Welle an Hilfeleistungen die Gemeinden, denen die Gruppe als „Aufgabe vor die Füße gelegt worden ist“, wie es Pfarrer Schaffert beschreibt. Schnell war eine Facebook-Seite und eine eigene Homepage eingerichtet. Gemeindemitglieder spendeten Geld, Essen, Geschirr und Kleidung. Der Evangelische Regionalverband holte die Caritas und das Diakonische Werk Frankfurt mit ins Boot und später konnten die 22 Männer in die größere Gutleutkirche umziehen. Für mehr Privatsphäre sorgten dann vier Handwerker, die kostenlos und ehrenamtlich Holztrennwände bauten. So entstanden insgesamt zehn Räume, in denen die 22 Männer aus Ghana, Nigeria, Niger und der Elfenbeinküste nun leben.

Bei den Gemeinden meldeten sich auch Hilfswillige, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten. Die Gruppe „Teachers on the Road“ bietet schon seit mehr als vier Wochen zweimal täglich Unterrichtsstunden an. Dafür stellt seit kurzem auch das Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt einen Raum in der Kriegkstraße zur Verfügung. „Die Sprache ist Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“, betont Uli Tomaschowski, Lehrer und Leiter des Projekts, das Menschen, für „die es eigentlich kein Angebot gibt“, die Möglichkeit zur Bildung bietet. Auch der Lehrer berichtet von vielen Freiwilligen, die ihn und sein Vorhaben unterstützen wollten. 78 Lehrer kontaktierten ihn wegen der afrikanischen Männer. 20 Lehrer unterrichten jetzt abwechselnd. Die übrigen Freiwilligen seien nicht abgewiesen worden, durch sie seien andere Projekte ins Leben gerufen worden, berichtet Tomaschowski.

Deutschunterricht auf freiwilliger Basis

„Der Deutschunterricht wird gut angenommen“, sagt Pfarrer Schaffert. Selbstverständlich sei die Teilnahme freiwillig. An einem kalten Mittwochmorgen haben sich elf Teilnehmer in dem kleinen Raum eingefunden. Sie sitzen um einen großen Tisch herum, trinken Kaffee und knabbern am Gebäck, das die drei an diesem Tag anwesenden Lehrer mitgebracht haben. Es ist kein gemütlicher Unterrichtsraum, doch niemanden scheint das zu stören. Alle blicken konzentriert auf das Flipchart neben Lehrer Tomaschowski. In dieser Woche ist das Thema „In der Stadt“ dran. Tomaschowski fordert die Teilnehmer des Kurses auf, aufzuzählen, was sie alles in der Stadt kennen und machen können. Viele antworten bereitwillig, ein paar Wörter auf Deutsch, viele auf Englisch. Den richtigen Artikel zu benennen, bereitet allen Mühe. „Wann fährt der nächste Zug nach...?, spricht Tomaschowski dann vor. „Sprechen Sie es nach“, fordert der Lehrer seine Schüler auf, stets auf die Höflichkeitsformel bedacht. Nie duzt er einen der Schüler. „Tsuug“, betont der Lehrer. „Sug“, sagt dann der erste Freiwillige. „Sug“, sagt ein anderer. Tomaschowski spricht immer wieder vor. „Tsug.“ Bis allgemeines Gelächter ausbricht angesichts der schwierigen Aussprache des Wortes.

Prince schreibt alles mit. „Der Bahnhof. Wo ist der Bahnhof? Die Post…“, steht in Schönschrift auf einem Block. Er will Deutsch lernen, weil er glaubt, so später einmal schneller Arbeit finden zu können. In den vier Jahren, die er in Italien gelebt hat, durfte er die Schule besuchen. Mit einigen seiner Mitschüler spricht er Italienisch. Auch sie waren einige Zeit in Italien und lernten die Sprache. Prince lächelt. Dann klopft er auf das Logo eines regionalen Jugendradiosenders auf seiner Jacke. Die hat ihm jemand geschenkt. Auf Italienisch sagt er fließend: „Ich will mal DJ werden.“ Unter der Fellmütze glänzen seine Augen.

Lampedusa: Flüchtlingselend in Italien

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Den Weg zurück in die Gutleutkirche nach dem Unterricht läuft Prince. Er will kein Geld für die Bahn ausgeben. Mit dem wenigen, das er hat, bezahlt er lieber die Mahlzeiten bei der Caritas. Zwei Euro seien zwar nicht viel, sagt er, aber für jemanden, der kein Geld verdienen darf, sei es eine ganze Menge. Prince, genauso wie viele andere in der Kirche, darf zwar in Europa leben. Eine Arbeitserlaubnis hat er aber nur für Italien. Dort gebe es aber keine Arbeit , erklärt er seinen Umzug nach Deutschland, „noch weniger, seitdem immer mehr Flüchtlinge in Lampedusa ankommen“.

Prince würde alles tun, um Geld zu verdienen. „Irgendwo putzen“, benennt er ein Beispiel. Er habe keine Scheu davor. Ohne Erlaubnis wolle er jedoch nicht arbeiten. Das Risiko, Deutschland verlassen zu müssen, würde er erwischt werden, sei ihm zu groß. Deshalb gehe er lieber betteln und Flaschen sammeln. Das sei nicht viel Geld, doch er überlebt. Die Behörden in Italien haben ihm Hoffnung auf die italienische Staatsbürgerschaft gemacht. Bis 2016 müsse er warten, dann aber dürfte er auch hierzulande arbeiten. Bis dahin hofft er auf ein Wunder. „Vielleicht erlaubt uns euer Präsident zu arbeiten“, sagt er und meint wohl den Oberbürgermeister. „Ich werde es schon schaffen“, ist er zuversichtlich und setzt wieder sein sicheres Lächeln auf.

Es seien Nischenexistenzen, die manche der 22 Männer führen würden, beschreibt es Pfarrer Schaffert. Für die Helfer aus den Gemeinden sei es eine Gratwanderung, ergänzt er. Soweit sie es beurteilen könnten, sei zwar keiner der Betroffenen illegal in Deutschland, doch bei vielen sei die Zukunft ungewiss. Sich einer solchen Gruppe anzunehmen ist neu für den Pfarrer und seine Kollegen. „Man kann am nächsten Tag nicht sagen: Guckt mal, wie ihr zurechtkommt.“ Sein Engagement bereut Schaffert aber nicht, erst einmal will er die Männer durch den Winter begleiten und gleichzeitig nach Auswegen schauen. „ Wir machen keine Versprechen. Wir fühlen uns aber weiterhin verantwortlich.“ Ideal wäre nach Meinung des Pfarrers ein humanitäres Bleiberecht. Das würde den Menschen mehr Rechte einräumen. Doch möchten die Helfer gar nicht so sehr „Objekt der Hilfe“ sein, ergänzt Schaffert. Vielmehr solle Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden. Das entspreche auch den Vorstellungen der Männer, die ein selbstständiges Leben führen wollen. Es werden Gespräche geführt, Rechtsberatung wird angeboten. Die vergangenen Monate hätten gezeigt, wie hilfsbereit auch die Bevölkerung ist, wenn sie ein konkretes Beispiel vor Augen habe. Schaffert spricht von viel guter Energie. „Da ist noch ganz viel Potenzial“, sagt er.

Quelle: op-online.de

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