38 Hände für ein T-Shirt

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In seiner „Werkstatt“ verpackt Jorge Labraña seine T-Shirts.

Frankfurt - Er bringt „Stoff aus Frankfurt“ an den Mann und an die Frau. Wer möchte, bekommt ihn auch im „50 Gramm“-Tütchen. Dann allerdings nicht zum Anziehen (wer an Reinziehen dachte, liegt hier falsch) und Schickmachen, sondern zum Verschicken. Von Katharina Hempel

Nämlich als Postkarte. Die Motive darauf: Wandverkleidungen Frankfurter U-Bahnstationen. „Die Postkarten wiegen genau 50 Gramm, so kamen wir auf den Namen“, sagt Jorge Labraña. Die Ansichten des Untergrunds sind die jüngste Erfindung des Labels „Stoff aus Frankfurt“, das der 37-Jährige seit fast zwei Jahren gemeinsam mit Michael Hazkiahu betreibt.

„Stoff aus Frankfurt“, das sind T-Shirts „bedruckt mit Sieben von freshen Motiven, geboren und geschaffen in Frankfurt am Main.“ So steht es auf dem kleinen Pappschildchen, das an den formgewordenen Stoffen baumelt. Die Modelle heißen „Typescraper City“ oder „Pimpin P.“. Auf letzterem posiert eine als Zuhälter verkleidete Frau mit Leopardenmantel, Hut und Stock. Hinter ihr leuchtet das Wort „Stoff“ mit kleinem „s“ in Regenbogenfarben. Und was hat das mit der Mainmetropole zu tun? Hinter „P.“ und unter der Hutkrempe könnte sich das Stadtoberhaupt Petra verbergen. Deutlicher ist der Bezug zur Heimatstadt bei „Type-scraper City“, wo Ginnheimer Spargel, Commerzbankturm oder Japanhochhaus die Skyline und den Namen des Labels formen.

„Im September 2010 sind wir mit den Sachen rausgekommen. Aber die Ideenfindung fing schon ein Jahr vorher an“, erinnert sich der Frankfurter Bub mit chilenischen Wurzeln. Der Traum vom individuell gestalteten Oberteil schlummerte schon viel länger in ihm: „Ich habe in den 90ern viel Rapmusik gemacht, mit Nordmassiv und Binding Squad. Damals wollte ich immer ein Band-shirt haben, leider hat das keiner auf die Kette gekriegt.“

Aus der Uniform für die Hip-Hop-Formation wurde nichts. „Aber der Gedanke hat mich nie losgelassen“, erzählt Jorge, der hauptberuflich als Texter arbeitet. „Dann habe ich bei meiner damaligen Werbeagentur aufgehört. Bevor ich mir einen neuen Job gesucht habe, habe ich mich gefragt, ob ich einfach wieder auf das Karussell aufspringen oder was anders machen will. Anstatt in den Urlaub zu fliegen, habe ich die Kohle genommen und angefangen zu planen.“

Handarbeit wird groß geschrieben

Als erstes hat der T-Shirt-Liebhaber auf den Namen hingearbeitet. „Ich habe bewusst kein hippes englisches Wort gewählt. Alle wollen nach Berlin, London oder Barcelona, aber wir haben hier auch tolle, kreative Leute.“ Und das hat Jorge zum Konzept erhoben: „Zeigen, was es hier für geiles Zeug gibt, das man anfassen kann.“ Anders als die Werbung bieten Rap, Graffiti und T-Shirts ein Erlebnis und ein Ergebnis.

Klar, dass Handarbeit groß geschrieben wird. Manufaktur statt Massenware eben. „Ich will immer alle kennen, die daran mitarbeiten. Das sind lässig jedes Mal mehr als zehn Leute, bevor ein T-Shirt fertig ist.“ Jorge hält kurz inne, geht in Gedanken alle Produktionsschritte durch und zählt mit den Fingern mit: „38 Hände, also 19 Schritte. Und jeden davon habe ich schon selbst gemacht.“

Was der Name verspricht, hält er auch: Alle Stoffe werden in Frankfurt gestaltet, bedruckt, veredelt, konfektioniert und verpackt. „Ich lege viel Wert darauf, dass das immer die selben Leute sind“, stellt der 37-Jährige klar, „wegen ein, zwei Euro wechsle ich den Partner nicht. Mir geht es mehr um den Gedanken, dass die Leute eine Verbindung zu unseren Sachen haben, als um den Profit.“

Das gilt auch für die Designer der Motive. Ob Grafiker oder Sprayer, der Künstler muss eine Verbindung zur Metropole am Main haben. Das ist Jorge wichtig. Die Drucke müssen dabei nicht auf den ersten Blick mit Frankfurt identifizierbar sein. „Es geht mir nicht darum Touri-Shirts zu machen, sondern Sachen, die die Leute tragen wollen, die hier leben.“ 30 Euro zahlen sie für eines der kleinen Kunstwerke. Und dafür bekommen sie was geboten. Qualität „made in Frankfurt“. Die Stoffe sind aus Bio-Baumwolle, Eukalyptusfasern oder Bambus und wurden auf natürliche Art und klimafreundlich angebaut. „Alles ethisch korrekt“, betont der Chef stolz.

Im Onlineshop bestellen viele von außerhalb. Ehemalige Frankfurter, Leute, die eine Verbindung zu der Stadt haben. Damit die Bestellungen aus Frankfurt wohlbehalten bei ihnen ankommen, werden sie in einer Art Pizzakarton geliefert. In Schachteln, die ebenfalls im Siebdruckverfahren bedruckt werden. Das macht Jorge zusammen mit einem Kumpel in dessen Keller.

Wer die guten Stücke erstmal anprobieren möchte, kann das auch. Aber nur in ausgewählten Läden. „Die Shirts sind wie Kinder für mich. Die gibt man nicht so einfach her, man vergewissert sich vorher, dass es ihnen gut gehen wird“, lacht Jorge.

Quelle: op-online.de

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