Bahnhofsviertel in Frankfurt

Halber Quadratkilometer Großstadt

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Einst Schmuddelecke, heute Szenequartier: Das Frankfurter Bahnhofsviertel verändert sich rasant. Der Ruf als „place to be“ reicht schon bis New York. Auch Besserverdiener kommen schon. Trotz allem nicht wegzudenken: das Rotlichtviertel.

Frankfurt - Nur wenige Meter trennen die hippsten Läden im Frankfurter Bahnhofsviertel. Schmuddelige Eckkneipen, türkische Bars nur für Männer und Schnellimbisse aus aller Herren Länder gibt es noch immer. Von Sandra Trauner

In letzter Zeit hat sich in dem ehemals verrufenen Stadtteil aber viel Trendgastronomie breitgemacht. Vor allem wegen des angesagten Nachtlebens im Bahnhofsviertel hat die „New York Times“ die Mainmetropole auf Platz zwölf der „52 Places to Go in 2014“ gesetzt. Eine Autorin des berühmten Blatts attestierte den neuen Läden zwischen Rotlicht- und Drogenmilieu „eine ungeheure Sexiness“. Sie haben manches gemeinsam, zum Beispiel ihre Vorliebe für minimalistisches Design. Schick und protzig war gestern. Der neue Look sieht ein bisschen aus wie Sperrmüll trifft Heimwerker.

Zum Beispiel der „Club Michel“: „Kochen mit Freunden und für Freunde“ ist das Motto des Ladens, der sich „Offspace-Restaurant“ nennt. Wer hier essen will, muss Mitglied werden und wird per Newsletter eingeladen. Das loftartige Lokal liegt im ersten Stock, Besucher müssen klingeln und die Treppe hoch. Oben schreibt das Team in der offenen Küche den Vornamen des Gastes auf eine Liste und notiert die Bestellungen. Die Karte ist immer neu, das Essen vegan, die Atmosphäre wie im Wohnzimmer einer Studenten-WG. Wer will, kann den Club - benannt nach Michel Piccoli und seinem Film „Das große Fressen“ - auch mieten. Wie die „Bar Plank“ eine Ecke weiter ist auch das „Michel“ ein Kind von Ata Macias, dem Gründer des Offenbacher Techno-Clubs „Robert Johnson“. Ein paar Schritte weiter liegt das „Maxie Eisen“. Das nach einem jüdischen Mafioso benannte Lokal besteht aus einem kleinen Restaurant und einer größeren Bar. Im „Buvette“ genannten Teil gibt es jüdische Spezialitäten, die man in Frankfurt bisher nirgends bekam. Wie Pastrami: hauchdünn geschnittene Ochsenbrust, die wochenlang gepökelt, geräuchert, gegart und mariniert wird, bevor man sie zwischen zwei Toastbrotscheiben packt. Auf der Karte steht auch Kreplach (eine Art Maultaschen) oder Matzebällchen-Suppe (Hühnerbrühe mit Klößchen), angepriesen als „Jewish Penicillin“.

Betrunkene, Freier, Junkies, Prostituierte

Einmal abbiegen und schon ist man am „Walon&Rosetti“: Wieder so eine Mischung aus Bar, Restaurant und Wohnzimmer. Die Wände dunkelgrün gestrichen, die spärliche Einrichtung aus rohen Brettern gezimmert. Im Sommer stehen die bodentiefen Fenster offen und die Fläche des Lokals dehnt sich auf den Bürgersteig aus. Die Speisekarte ist klein, die Gerichte ungewöhnlich - Würstchen aus Lammfleisch, Frikadellen aus Hirschfleisch -, die Qualität hervorragend. Auch als Wohngegend wird das Quartier attraktiver, wie Zahlen des Bürgeramts zeigen. Vor rund zehn Jahren waren weniger als 2500 Menschen im Bahnhofsviertel mit Hauptwohnsitz gemeldet. Nirgends sonst in der Stadt lebten so wenige Menschen - trotz der zentralen Lage, der guten Verkehrsanbindung, der historischen Bausubstanz. Ende 2013 waren es 3436. Vor allem für junge Menschen wurde das Quartier interessant: Heute leben fast doppelt so viele 25- bis 35-Jährige wie vor zehn Jahren im Viertel.

Eine von ihnen ist Lisa Fischer. Die Studentin wohnt seit fünf Jahren im Bahnhofsviertel. Als sie nach Frankfurt kam, habe das Viertel ihr „eine neue Perspektive eröffnet“, sagt sie. „Aber es ist auch ganz schön anstrengend: Man nimmt die Unruhe von der Straße mit in die Wohnung.“ Betrunkene, Freier, Junkies, Prostituierte - das werde mit der Zeit alltäglich. Inzwischen ist sie innerhalb des Quartiers umgezogen. „Das Viertel lässt einen schlecht los.“ Vor zehn Jahren war das Bahnhofsviertel ein Problemfall: Rückgang der Wohnbevölkerung, Leerstand, Verfall wertvoller Bausubstanz, schlechtes Image, eine „problematische Gemengelage verschiedener Nutzungen und Milieus“, wie es beim Stadtplanungsamt heißt. 2004 sammelte ein „Ideenlabor“ Vorschläge, 2005 wurde ein Rahmenplan verabschiedet. Die Stadt stellte 20 Millionen Euro bereit.

Teilweise hat das funktioniert: Der Stadtteil wird auch für Besserverdiener interessant. In Immobilienportalen preisen Makler das Bahnhofsviertel als „architektonisch sehr reizvoll“. Eine ruhige Wohnlage verspricht allerdings niemand. Auf Maklerdeutsch: „Im Bahnhofsviertel pulsiert das Leben rund um die Uhr.“ Kommt es zu Gentrifizierung? Werden einkommensschwache, alteingesessene Bewohner durch reiche Zugezogene verdrängt? Nein, sagt Oskar Mahler, Sprecher der Interessengemeinschaft Bahnhofsviertel. „Es ist ja niemand weggezogen, es sind nur Leute dazugekommen.“ In den luxussanierten Gründerzeit-Gebäuden sei hochwertiger Wohnraum entstanden, aber anders als etwa im Nordend mussten dafür keine günstigen Wohnungen zerstört worden.

Bahnhofsviertelnacht in Frankfurt

„Hier kann man das Entstehen einer neuen Kultur beobachten. Über Multikulti sind wir hier ja lange hinaus“, sagt der 61-Jährige aus Nordhessen. Für ihn ist dieser Kiez „das einzige Viertel Frankfurts, das wirklich großstädtisch ist“. Sozusagen ein halber Quadratkilometer geballte Urbanität. Rund 80 Nationen leben hier, schätzt Mahler, und viermal so viele Hotelgäste wie Einwohner. Im Bahnhofsviertel gibt es viel von allem - von manchem zu viel - aber wenig Nachwuchs. „Nirgendwo in Frankfurt leben weniger Kinder“, weiß Sigrid Patzak vom Frankfurter Bürgeramt. Ende 2013 waren 50 Kinder im Grundschulalter gemeldet. Dazu kamen rund 100 Unter-Fünfjährige. Im kinderreichen Nordend lebten zum gleichen Zeitpunkt an die 2000 Grundschulkinder und etwa 2700 Kleinkinder.

Das Forschungsnetzwerk IDeA (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk) wollte herausfinden, wie es ist, in einem so extremen Stadtteil aufzuwachsen. Vier Studenten der Frankfurter Goethe-Universität hefteten sich dafür zweieinhalb Jahre lang zwölf Grundschülern an die Fersen. „Wie Hunde“ habe man die Kinder durch das Viertel begleitet, sagt Projektleiterin Elena Bütow. Sie schrieben mit, wann wo wer mit wem wohin ging. Sie drückten den Kindern Einwegkameras in die Hand und baten sie, Lieblings- und Angst-Orte zu dokumentieren. Sie interviewten die Kinder und ihre Eltern. Bisher wurden nur einzelne Aspekte publiziert, ein Buch ist in Planung.

Darin werden auch Yusuf und Annika vorkommen, zwei Kinder mit aus Datenschutzgründen falschen Namen. Beide sind im Bahnhofsviertel geboren, erleben das Quartier aber völlig unterschiedlich. Migrantenkind Yusuf wohnt mit Eltern, Oma und zwei Schwestern in der Münchener Straße. Die Familie zog wegen der türkischen Läden, der Moschee, der günstigen Miete hierher. Die Eltern von Annika sind Akademiker und wohnten schon als Studenten am Baseler Platz. Die Kinder entwickeln den Forschern zufolge eine Strategie, um die Herausforderungen des Viertels zu meistern: Sie teilen es ein in sicher und unsicher. „Das Bahnhofsviertel besteht für die Kinder aus Inseln: den Plätzen, die sie als sicher wahrnehmen. Die Orte dazwischen suchen sie nicht auf“, sagt Bütow. Für Yusuf ist die Münchener Straße sicher. Hier darf er sich alleine bewegen, hier kennt er die Ladenbesitzer, hier trifft er Nachbarn. Annika empfindet jene Wege als sicher, die sie mit ihrer Mädchen-Clique zurücklegt.

Tausende bei der Bahnhofsviertelnacht

Tausende bei der Bahnhofsviertelnacht

Die Kinder mögen am Bahnhofsviertel, dass viel los ist. „Das ist a Haufen Stadt“, sagt Yusuf. Park oder Wald vermissen sie nicht - dafür gibt es das Mainufer. Den Spielplatz auf dem Schulhof finden sie langweilig, der ist ja immer gleich. Der Ein-Euro-Markt hingegen wechselt täglich sein Sortiment. „In den Erzählungen der Kinder wirkt das Bahnhofsviertel fast dörflich“, fasst Sabine Andresen zusammen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung: Alles ist nah, alle kennen sich. Größter Negativpunkt: der Verkehr. Absolute Tabuzone: alles östlich der Kaiserstraße, wo Prostitution und Drogenkonsum offensichtlicher sind als auf der westlichen Seite.

Die Eltern sehen sich im Zwiespalt, berichtet Bütow: Ist es gut für mein Kind, dass es früh auch mit den unschönen Seiten der Realität konfrontiert wird? Oder ist es schlecht, weil es dadurch Dinge für normal hält, die es eigentlich gar nicht kennen sollte? Bahnhofsviertel-Urgestein Oskar Mahler hat dazu eine klare Meinung: Es sei doch gut, wenn Kinder auf der Straße alle möglichen Sprachen hören, Essen aus allen Ländern kennenlernen und wenn neben der Kirche gleich die Moschee ist. „Das ist doch förderlicher als so eine Monokultur.“ Auch Sabine Andresen rät zu Gelassenheit. Aus ihrer Sicht sind für eine gute Kindheit vor allem zwei Dinge wichtig: verlässliche Beziehungen und Freiräume zur Entfaltung. „Auch in einer so von Extremen gekennzeichneten Umgebung ist eine gute Kindheit möglich.“

(dpa)

Hinter den Kulissen des Bahnhofsviertels

Hinter den Kulissen des Bahnhofsviertels

Quelle: op-online.de

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