In der Hand des Trainers

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Helfende und andere Griffe. Wie immer, wenn Erwachsene Kindern und Jugendlichen in einer machtvollen Position gegenübertreten, besteht auch beim Training im Sportverein die Gefahr des sexuellen Missbrauchs. Vorstände sollten wissen, was dann zu tun ist.

Frankfurt ‐ Ein Ferienlager auf der Insel Ameland, eine Eliteschule im Odenwald, junge Menschen in der Obhut der katholischen und evangelischen Kirche: Sexuelle Übergriffe von Betreuern, Lehrern und Geistlichen gegenüber Kindern und Jugendlichen haben in den vergangenen Wochen und Monaten für Schlagzeilen gesorgt. Und auch in den eigenen Familien werden Kinder immer wieder zu Opfern. Von Michael Eschenauer

Die Sportvereine können sich dem Thema nicht entziehen. Der Landessportbund Hessen (lsb h) hat dieser Tage rund 80 Vorstände und Trainer nach Frankfurt eingeladen. Thema der Informationsveranstaltung in der Sportschule neben der Commerzbank-Arena: „Kindeswohlgefährdung im Sport - erkennen, beurteilen und fachlich handeln“. Was sollen Vereinsvorstand oder Ehrenamtliche tun, wenn der Verdacht aufkommt, dass sich ein Kollege beim Kinder- oder Jugendtraining regelmäßig „vergreift“, seine Hände nicht unter Kontrolle halten kann?

„Keine Institution ist dagegen gefeit“, warnt die Referentin, Diplompädagogin Birgit Lattschar, Anwesende, die das Problem für künstlich aufgebauscht halten. Die Frau kennt sich aus mit dem Thema. Sie hat über 20 Jahre in der Jugendhilfe gearbeitet, sich mit Heimerziehung und Kinderschutzarbeit beschäftigt. Es solle hier niemand hysterisch gemacht werden, meint sie, und Engagement im Verein sei grundsätzlich toll. Aber der Sport habe die Pflicht, seelisches und körperliches Wohl der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu schützen. „Das Gefühl: Bei uns im Verein ist das noch nie passiert, und es wird nicht passieren, weil wir die Guten sind und uns alle gut kennen, dieses Gefühl trügt.“ Pädokriminelle, so die Expertin, verrieten sich nicht durch ihr Äußeres. „Es ist nicht der böse, schwarze Mann, mit dem wir es hier zu tun haben. Kommt es zu Vorfällen in Vereinen, sind es oft die besonders Netten, die Engagierten, diejenigen, auf die normalerweise nie ein Verdacht fallen würde“, sagte Lattschar.

Eine Frage des Klimas

Birgit Lattschar

Wie also sollen Vereinsaktive und Vorstand reagieren, wenn ein Verdacht aufkommt? Korrektes, sachgerechtes Vorgehen bedeute, so Lattschar, dass derjenige, der in Verdacht geraten sei, nicht vorverurteilt und auch zunächst geschützt werden müsse. Allzu schnell könnten durch falsche Verdächtigungen Existenzen vernichtet werden. Auch riskiere man eine Anzeige wegen Rufschädigung. Dennoch, so die Pädagogin, müsse jeder Verein überlegen, wie er im Fall der Fälle mit dem Thema umgehen wolle. Hierzu gehörten interne Ansprechpartner, Meldestrukturen, vorher vereinbarte Vorgehensweisen, das Vermeiden von Aktionismus und Hysterie. „Wie gehen wir mit verbalen Entgleisungen um? Sind Bemerkungen des Trainers über einen ‘fetten Hintern‘ oder einen ‘großen Busen‘ schon ein Regelverstoß?“ Auch solche Fragen stellten sich in der Vereinsarbeit. Sie berührten grundsätzlich die Art und Weise, wie Männer und Frauen im Verein miteinander umgingen.

Eine Vereinsaktive unter den Zuhörern fragt, was mit der regelmäßigen Einladung zum Umtrunk durch den Trainer sei oder den bezahlten Ausflügen mit einem Sponsor? Ein anderer Sportler fragt: „Ist das normal, dass der 65-jährige Trainer des Kinderturnens ausflippt, wenn man ihm die Gruppe nimmt und stattdessen das Seniorenturnen anträgt?“

Verhaltensregeln

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Lattschar gibt bei Verdachtsfällen folgende Verhaltensregeln: Vorstand informieren, denn er ist für das weitere Vorgehen verantwortlich. Fachliche Hilfe einholen. Klären, ob seitens des Verdächtigen ein Versehen vorliegt. Frage der Suspendierung, der Kontrolle durch einen zweiten Trainer oder einer Anzeige klären. Generell gilt: „Wenn Ihnen etwas auffällt, dokumentieren Sie es. Halten Sie fest, was geschehen ist und wann. Damit kann das Jugendamt arbeiten“. Lattschar warnt vor übereiltem, unüberlegtem Eingreifen. Außer es sei Gefahr im Verzug.

Bisweilen, so eine Zuhörerin, produzierten aber auch Eltern Probleme. Es komme durchaus vor, dass sich über vermeintlich unsaubere Hilfsgriffe beschwert werde - zum Beispiel beim Bodenturnen oder Trampolin. Mancher Griff an den Po oder andere Körperteile sei aber für ein sicheres Training unvermeidbar. Auch hier, so Lattschar, müsse im Gespräch geklärt werden, ob das Kind nicht vielleicht besser eine andere Disziplin wählen sollte.

Generell gelte: „Machen Sie als Vorstand keine Alleingänge, machen Sie keine Fotos. Das ist illegal. Und gebärden Sie sich nicht wie ein Kriminalkommissar. Achten Sie darauf, dass der Verdächtige das Kind nicht unter Druck setzen kann.“ Eine Gegenüberstellung von Kind/Jugendlichem und Angeschuldigtem ohne fachliche Unterstützung sei unbedingt zu vermeiden.

Seit Mai diesen Jahres kann ein Verein von Ehrenamtlichen ein erweitertes Polizeiliches Führungszeugnis verlangen. Außerdem sollte bereits bei Vorstellungsgesprächen der Vorstand klarmachen, dass „uns Kinder- und Jugendschutz wichtig ist“. Dies wirke abschreckend auf potentielle Täter, so Lattschar.

Die Täter

Aufmerken sollten die Verantwortlichen, wenn „einzelne Kinder oder Jugendliche von einer Person ständig Vorzugsbehandlung oder Geschenke erhalten“. Oft stelle der Pädokriminelle auch unter den Vereinskollegen Abhängigkeiten her. „Da heißt es dann: Komm, ich übernehme deine Trainingseinheit, du bist doch frisch verliebt und willst zum Date.“ Der Täter kalkuliere beim Beschenkten mit Dankbarkeit und der gewissen Neigung, einmal ein Auge zuzudrücken. Manchmal sei ein Verdächtiger auch der Freund des Vorsitzenden. Dann werde die Sachlage wirklich kompliziert und Fingerspitzengefühl unabdingbar. Weil starke und eine Untersuchung bremsende Loyalitäten bestünden. Täter seien zu 90 bis 95 Prozent Männer.

Die Opfer

Pädophile Kriminelle suchen sich gezielt „Kinder in Mangelsituationen“ als Opfer aus - also Kinder, die entweder materiell schlecht gestellt sind oder unter emotionalen Problemen leiden. Warnsignale, dass mit einem Kind etwas nicht in Ordnung sei - und hier bezog Lattschar ausdrücklich andere Formen der Kindesmisshandlung zum Beispiel auch im Elternhaus mit ein - seien Zeichen von Verletzungen, Verwahrlosung, Unterernährung, mangelnde Körperhygiene, apathisches, verängstigtes oder grundlos und plötzlich aggressives Verhalten, aber auch auffällige Äußerungen. Manchmal verberge sich hinter der Weigerung eines Kindes, nach dem Sport zu duschen, die Angst, dass Verletzungen bemerkt würden. „Beobachten Sie auch die Abholsituation durch die Eltern“, rät Lattschar. Gebe es massive Beschimpfungen, werde das Kind verängstigt oder erniedrigt? Sei der Erwachsene alkoholisiert?

Kinder im Zwiespalt

Wie sollen Vereinsaktive mit dem Kind umgehen, wenn sie sexuelle Übergriffe vermuten, oder das Kind so etwas andeutet? „Versprechen Sie nie, dass Sie darüber schweigen. Im schlimmsten Fall ist die Sache so ernst, dass Sie etwas unternehmen müssen, und dann ist das Kind enttäuscht und zieht womöglich seine Aussage zurück“, so Lattschar. Was also solle man sagen? Am besten, so Lattscha sage man Folgendes: „Was du mir erzählt hast, verrate ich nicht einfach weiter, es kann aber sein, dass du geschützt werden musst, und ich deshalb Hilfe brauche. Dann würde ich mich an jemand anderen wenden müssen. Aber ich sage dir dann vorher Bescheid.“ Redet das Kind nicht weiter oder ziehe es alles zurück nach dem Motto „War ja nur ein Scherz“ sei dies auch verdächtig.

Oft habe das Kind oder der Jugendliche sehr zwiespältige Gefühle bei Hinweisen. Immerhin gehe es ja hier um den freundlichen, womöglich auch erfolgreichen Trainer, dem man eigentlich etwas schuldet und den man nicht anschwärzen sollte. Hier müsse der Helfer klarstellen, das es Dinge gebe, die eben trotz allem absolut nicht in Ordnung seien. „Er darf dich da nicht so anfassen - ist das klar?“

„Man sollte Ruhe in die Angelegenheit bringen, dem Kind geduldig zuhören, auch wenn es eine längere Zeit braucht, um sich mitzuteilen“, macht die Pädagogin ihren Zuhörern klar. In der Regel brauche es vier Erwachsene, die etwas mitbekommen, bis einer etwas unternehme, so Lattschar. Es komme selten vor, dass sich Kinder derartige Vorwürfe ausdenken.

„Bombe in der Hand“

„Kindesmissbrauch im Verein ist ein hochemotionales Thema. Wenn so etwas aufkommt, halten Sie eine Bombe in der Hand, und entsprechend müssen Sie vorgehen. Nicht selten komme es zur Spaltung der Mitgliederschaft. Diejenigen, die das ganze für ein Hirngespinst hielten, gingen los auf die, die den Verdächtigen am liebsten mit einem Schild um den Hals durchs Dorf treiben würden. Ganz schlimm werde es, wenn „das betreffende Kind im Verein gemobbt wird, weil es die Sache ins Rollen brachte, und der tolle Trainer jetzt weg ist“.

Die Sache ist riskant. Dennoch sei Wegschauen oder der Versuch, den Grabscher „auf elegante Weise loszuwerden“, keine Option für einen verantwortungsvollen Vereinsvorstand. „Ist wirklich etwas vorgefallen, muss das weitergegeben werden. Sonst zieht der Betreffende zum nächsten Verein, und ein anderes Kind ist dran.“

Quelle: op-online.de

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